Einbalsamierer aus Backnang Keine Angst vor Toten: „Ich lackiere ihre Nägel gerne in Beige“

, aktualisiert am 21.05.2025 - 16:32 Uhr
Der Raum mit den Versorgungstischen ist das Refugium von Sven Paris, in dem er sich den ganzen Tag über um Verstorbene kümmert. Foto: Gottfried Stoppel

Sven Paris arbeitet im Bestattungshaus „Zur Ruhe“ in Backnang als Thanatopraktiker und macht Leichen noch mal ansehnlich. Ein Vor-Ort-Besuch.

Rems-Murr: Simone Käser (sk)

Er werkelt gern an seinem Campingbus herum, sitzt mit einem Glas Wein im Garten oder fährt Fahrrad – Sven Paris hat ganz normale Hobbys. Ganz anders sieht es mit seinem Beruf aus – ein eher nicht alltäglicher und seltener Job. Der 57-Jährige arbeitet im Bestattungshaus „Zur Ruhe“ in Backnang als Thanatopraktiker. Das heißt: Er kümmert sich neben der hygienischen Grundversorgung von Verstorbenen darum, Unfallopfer so weit herzurichten, dass eine Verabschiedung am offenen Sarg möglich ist sowie darum, dass Verstorbene, die aufgebahrt oder ins Ausland überführt werden, begrenzte Zeit konserviert werden.

 

Man könne sich das sogenannte „Modern Embalming“ vorstellen wie bei einem Dialyseverfahren, erklärt der 57-Jährige. „Über das Arteriensystem wird das Blut gegen eine Formaldehyd-Lösung ausgetauscht.“ Mit scharfem Werkzeug öffne er für den Austausch die Arterien, sagt der Thanatopraktiker, der dem Mittel auch Farbstoffe zusetzen kann, um den Hautton, beispielsweise bei einer Gelbsucht, wieder zu normalisieren und Blaufärbungen zu kaschieren.

Die Verstorbene ist schon gewaschen

An diesem Vormittag liegt eine alte Frau mit grauen Haaren und entspanntem Gesichtsausdruck auf seinem Tisch. In diesem Fall sind nur seine Fähigkeiten der hygienischen Grundversorgung gefragt – und nicht mal die komplett. „Die Familie hat die Verstorbene schon gewaschen und eingekleidet, sonst machen wir das“, erklärt Sven Paris, der für das Waschen meist einen wohlriechenden Schaum verwendet, denn Wasser habe seine Tücken aufgrund der Keimbildung.

Bei der älteren Dame, die da in Oberteil und bequemer Hose vor ihm liegt, muss Sven Paris noch Augen, Mund und Nase verschließen. Nachdem alle Körperöffnungen im Gesicht desinfiziert sind, schiebt er daher Watte in die Nase und bringt mithilfe eines Operationshakens eine Art Kontaktlinsen mit einer Haftcreme in die Augen ein, damit sie geschlossen bleiben. Der Mund wird danach mit einer Nadel verschlossen – Ligatur heißt das. „Mehr muss hier nicht gemacht werden“, sagt Sven Paris und verrät, dass mitunter auch Parfüm aufgetragen oder geschminkt wird. „Ich kriege manchmal Fotos von den Toten als Vorlage. Teils geben uns Angehörige Nagellack mit“, sagt Sven Paris, präsentiert seine Sammlung und verrät, dass er gern Beigetöne lackiert.

Teils bis zur Unkenntlichkeit entstellte Leichen durch Suizid

Von Berührungsängsten keine Spur. „Ich muss da auch nicht im Nachhinein noch mit jemandem sprechen. Es ist mein Traumjob, aber man darf natürlich nicht zimperlich sein“, sagt der 57-Jährige und schiebt die Verstorbene bis zur Weiterbehandlung zurück in den 5,9 Grad kalten Kühlraum. An diesem Tag sind bereits zwölf Tote abgeholt worden – dem 57-Jährigen geht das Geschäft nicht aus. In einem Jahr versorgt er rund 300 Leichen mit einer hygienischen Grundversorgung, etwa 400 werden kosmetisch gerichtet und bei noch mal 300 findet eine Einbalsamierung statt. Wenn er den Versorgungsraum betritt, macht er Musik an, zieht Schutzkleidung und Handschuhe an, und dann legt er los mit einer Arbeit, von der er selbst sagt, er könnte sich nichts Besseres vorstellen: „Es geht um die Würde. Die Toten sind oft in einem schlechten Zustand. Ich gebe ihnen ihre menschlichen Züge zurück.“

Unfallopfer und Tote, die aufgebahrt werden sollen, werden versorgt

Das gilt besonders dann, wenn der Mann, der seit 2011 hauptberuflich und ausschließlich als Thanatopraktiker arbeitet, Unfallopfer vor sich liegen hat. Dann greift Sven Paris, der Kenntnisse in Anatomie, Gefäßlehre, Pathologie, Chemie sowie in Hygiene und Wiederherstellung besitzt, wie ein Chirurg zur Knochensäge. „Wenn da jemand mit einem offenen Bruch liegt, wird das Knochenstück abgesägt und die Stelle vernäht.“ Noch drastischer wird es bei einem Schädelbruch. Sven Paris schneidet dann die Kopfhaut auf und zieht sie über das Gesicht des Toten, um es neu zu modellieren.

Charlotte Klinghoffer ist froh, Sven Paris als Thanatopraktiker in ihrem Haus zu beschäftigen.

Aber es gibt auch Fälle, da kann selbst er nichts mehr machen – ein Selbstmord mit einer S-Bahn war so ein Fall. „Da habe ich den Arm präpariert, damit die Angehörigen wenigstens noch dieses Körperteil wiedererkennen, sehen und berühren konnten.“ Solche bis zur Unkenntlichkeit entstellten Körper bereiten ihm keine Probleme. „Ich habe ein emotionales Schutzschild. Wir sind Handwerker und versuchen soweit es geht, den Trauernden zu helfen. Was über die Grundversorgung hinaus passiert, geschieht immer nur auf Anweisung der Angehörigen“, sagt Sven Paris, der auch schon Prominente wie den Großherzog von Luxemburg einbalsamiert hat.

Dabei kommt er aus einer ganz anderen Richtung: Bei der Bundeswehr hat der Quereinsteiger, der seit rund 20 Jahren im Rems-Murr-Kreis lebt, Fluggerätemechaniker gelernt und später auch als solcher gearbeitet. „Irgendwann wollte ich etwas anderes machen und bin dabei über eine Anzeige gestolpert, in der Bestattungshelfer gesucht wurden.“ Schnell war ihm klar, er will sich ganz auf die Versorgung der Toten konzentrieren. Ende 2006 fing er im Bestattungshaus „Zur Ruhe“ an und war 2009 mit dafür zuständig, die Opfer des Amoklaufs von Winnenden zu versorgen. „Das war hart, aber ich habe viel gelernt und wusste, ich will mich spezialisieren.“ Nach anfänglichem Zögern stimmte seine Chefin zu – zum Glück, wie er sagt. „Es war die richtige Entscheidung, Einbalsamierer zu werden“, sagt Sven Paris, der auch Seminare gibt und anderen zeigt, wie das spezielle Handwerk geht.

 

Das Bestattungshaus ist Ausbildungsbetrieb und hat laut Charlotte Klinghoffer mit Sven Paris den einzigen hauptamtlichen Thanatopraktiker im Kreis. Die Nachfrage danach nehme zu. „Früher waren die Leichen schöner. Durch die moderne Medizin werden die Menschen oft lange künstlich am Leben gehalten“, sagt die 58-jährige Geschäftsführerin im „Zur Ruhe“. Gemeinsames Ziel: Angehörigen durch Sehen und Berühren einen individuellen Abschied zu ermöglichen. „Dafür mache ich den Job und versorge die Verstorbenen so, dass das Ganze würdig möglich ist“, sagt Sven Paris.

Die Thanatopraxie

Historisches
Ihren geschichtlichen Ursprung hat das „modern embalming“ im alten Ägypten. In der Antike waren die Maßnahmen recht einfach und sind mit dem heutigen Prozedere nicht mehr vergleichbar. Die Verstorbenenversorgung im Rahmen des „modern embalming“ besteht aus einer inneren und äußeren Anwendung von Substanzen, die eine hygienische und schonende Aufbahrung ohne Kühlung sicherstellt.

Kenntnisse
Ein qualifizierter Einbalsamierer (Thanatopraktiker) hat fundierte Kenntnisse in den relevanten Wissenschaften Anatomie, Gefäßlehre, Pathologie, Mikrobiologie, Chemie sowie in Hygiene, Desinfektion und in der restaurativen Wiederherstellung. Bei der Versorgung werden vier Stufen unterschieden: 1. Das reine Ankleiden (in Einzelfällen wünschen Angehörige keine hygienische Versorgung). 2. Die hygienische Grundversorgung. 3. Die kosmetische Einbalsamierung (Flecken und Einlagerungen im Sichtfeld werden optisch versorgt). 4. Klassisches Einbalsamieren (für Aufbahrung wie beispielsweise beim Papst oder bei längerem Transport Vorschrift in vielen Ländern).

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Backnang Bundeswehr Leiche Papst