Einblicke in die Nachwuchsarbeit beim VfB Der Traum vom Fußballprofi

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Weil es pro Jahrgang im Schnitt nur 2,3 Spieler zum Profi schaffen, wird unter der Leitung von Ex-Profi Oliver Otto beim VfB-Nachwuchs auch stark auf die schulische Ausbildung geachtet. Einblicke in das Stuttgarter Nachwuchsleistungszentrum (NLZ).

Jugendspieler Leon Dajaku ist beim VfB das große Versprechen auf eine erfolgreiche Zukunft. Foto: Baumann
Jugendspieler Leon Dajaku ist beim VfB das große Versprechen auf eine erfolgreiche Zukunft. Foto: Baumann

Stuttgart - Es ist Donnerstag um die Mittagszeit, als Nicolas Gonzalez mit seiner Privatlehrerin eine Sonderschicht einlegt. Dabei geht es dem VfB-Neuzugang aus Argentinien nicht um Doppelpass, Tempodribbling oder ein Spielchen Fünf gegen Zwei. Vielmehr lernt der 20 Jahre junge Stuttgarter Stürmer deutsche Vokabeln. „Ein Auto, ein Haus“, so dringt es aus dem Raum 1992 der Geschäftstelle nach draußen. „Und, was macht Dein Deutsch?“, das wird Gonzalez von Oliver Otto gefragt, als die Tür aufgeht. Der Argentinier lächelt immerhin freundlich.

Oliver Otto ist selber Fußballprofi gewesen. Sechs Erstligapartien hat er für den VfB absolviert, spielte danach lange unter anderem für den SSV Ulm und den SSV Reutlingen. Seit 2013 arbeitet der Sportlehrer und Fußballtrainer als Leiter Bildung und Erziehung beim VfB Stuttgart.

Zu seiner Klientel zählen dabei weniger Spieler wie Nicolas Gonzalez, denn der Angreifer, der für 8,5 Millionen Euro von den Argentinos Juniors an den Neckar wechselte, hat längst das geschafft, wovon die insgesamt 170 Juniorenkicker im Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) des VfB, aufgeteilt in neun Mannschaften von der U11 bis zur U21, noch träumen: Auch sie wollen Fußballprofis werden.

Die Fußballschule ist auch eine Schule fürs Leben

„Natürlich wird dieser Traum längst nicht für alle in Erfüllung gehen“, sagt Thomas Hitzlsperger, der Leiter des NLZ, angesichts einer Zahl von 2,3 Spielern, die es beim VfB zuletzt pro Jahrgang zum Fußballprofi gebracht haben. Und mit dieser Zahl liegen die Stuttgarter – trotz aller Kritik an der Effizienz ihrer Jugendabteilung in der zurückliegenden Dekade – deutschlandweit unter den Top Fünf. „Wir leben unseren Spielern daher auch Werte vor und vermitteln Dinge, damit sie im Leben erfolgreich sein werden. Dass sie sagen können, meine Zeit beim VfB hat mich als Mensch weiter gebracht“, erklärt Nachwuchschef Hitzlsperger – und hier kommt Oliver Otto ins Spiel.

Schließlich beginnt sein Bereich abseits des Trainingsplatzes, wo sich der VfB ebenfalls mächtig ins Zeug legt, um erfolgreich zu sein. Auch, weil die Konkurrenz etwa in Hoffenheim, Leipzig, Dortmund und München nicht schläft in einer Welt, in der bereits 80 Prozent der 15-Jährigen einen Berater haben und in der mit jungen Spitzentalenten wie dem Stuttgarter Offensivspieler Leon Dajaku, 17, längst langfristige Verträge abgeschlossen sind.

„Wir verlangen den Jungs viel ab. Neben dem Fußballerischen ist die Qualität der Ausbildung sehr wichtig. Da hat sich schon viel geändertt“, sagt Oliver Otto, der Bildungs- und Erziehungsleiter, der sich zunächst um die schulischen Belange von 23 VfB-Internats-Fußballern und den weiteren 70 Spielern zu kümmern hat, die beim VfB eine Kooperation mit dem Kolping-Gymnasium oder einer anderen Eliteschule Sport durchlaufen. So besteht etwa die Woche für einen U15 Spieler aus einem Wechselspiel aus Schule und Training, wobei das auch durch Auswahl-Lehrgänge oder Junioren-Länderspiele auf der Schulbank Versäumte mittels eines Pools von 15 Lehrern nachgeholt wird, die zum VfB kommen und vom Club bezahlt werden.

Lange Haare sind tabu

Neben Fußball und Schule gibt es in Stuttgart noch den Bereich „Leben“, wie die dritte Säule der Ausbildung im NLZ genannt wird. „Wie gehen Spieler mit Stress um, wie ist ihr Sozialverhalten, sind sie selbstständig? All das sind Faktoren, die wir überprüfen und fördern“, sagt Thomas Hitzlsperger – und Oliver Otto ergänzt: „Die meisten Spieler verbringen ja mehr Zeit bei uns als in ihren Familien. Also bieten wir einiges an.“ Neben Computer-Schulungen, Museumsbesuchen, Sport oder der Freizeit mit behinderten Menschen stehen auch Kochkurse auf dem Programm. Und natürlich gibt es auch Regeln.

Neben dem Leitbild des VfB, das Werte wie Respekt, Teamgeist und Bescheidenheit vermittelt, gibt es auch einen Verhaltenskodex – übrigens auch für die Eltern. Handys beim Mittagessen etwa sind für Spieler tabu. „Dabei muss man aber berücksichtigen, dass soziale Medien für uns alle, also auch für junge Menschen, wichtig sind“, sagt Oliver Otto. Eine Regel aus den Zeiten des langjährigen Jugendleiters Frieder Schrof, der 2013 zu RB Leipzig wechselte, gibt es noch: VfB-Jugendspieler dürfen keine lange Haare haben.

Wichtiger allerdings seien die schulischen Leistungen. „Neun von zehn unserer Spieler schaffen das Abitur oder Fachabitur“, sagt Otto, der im Internat von drei Sozialpädagogen einer Köchin und einem Hausmeister unterstützt wird. Auf diese Quote sind sie stolz beim VfB. „Dabei sind Vorbilder ganz wichtig“, ergänzt Hitzlsperger – und verweist auf Timo Baumgartl und Timo Werner, die Abitur haben und Profis sind. „Sie sind der Beweis, dass man beides schaffen kann.“