Weiterführende Schulen in Stuttgart Realschüler berichtet: Bessere Noten und mehr Zeit für AGs

Noah hat sich entschieden: Er will nach der Mittleren Reife im Herbst eine Ausbildung beginnen. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Welche weiterführende Schule ist die richtige fürs Kind? Wir haben Eltern und Schüler gefragt. Der 16-jährigen Noah erzählt, warum er sich trotz Gymnasialempfehlung für die Robert-Koch-Realschule in Stuttgart-Vaihingen entschieden hat – und das nicht bereut.

Familie/Bildung/Soziales: Hilke Lorenz (ilo)

Eltern und Grundschüler stehen in den kommenden Wochen vor einer schweren Entscheidung . Da die Grundschulempfehlung verbindlicher wird, lohnt es sich, die Schularten genauer in den Blick zu nehmen. Was unterscheidet beispielsweise eine Realschule vom Gymnasium? Was sagen Schüler und Eltern, die diese Schulart kennen? Warum haben sie sich für diese Schule entschieden und würden sie es wieder tun? Wir waren an der Robert-Koch-Realschule in Stuttgart-Vaihingen und haben uns umgehört, was aus Sicht der Schülerinnen und Schüler, der Eltern und potenzieller Ausbildungsbetriebe für diese Schulform spricht. Jochen Knapek kam als Referendar an die Robert-Koch-Realschule. Er blieb und ist heute Rektor. Lichtgut/Julian Rettig

 

Die Schulart: Die Realschule verbindet praktisches und theoretisches Lernen und hat ein klares lebensnahes und berufliches Profil, so heißt es auf der Seite des baden-württembergischen Kultusministeriums. Jochen Knapek, Rektor der Robert-Koch-Realschule mit etwa 550 Schülerinnen und Schülern, sagt es in seinen Worten. „Wir haben das große Ziel, unsere Schüler auf die Arbeitswelt vorzubereiten. Deshalb muss unser Unterricht immer praxisnah sein.“ Die Wahlpflichtfächer Alltagskultur, Ernährung, Soziales (AES), Technik oder Französisch vertiefen dann unterschiedliche Bereiche.

Gleichzeitig muss Knapek immer im Blick haben, dass es einen relativ großen Anteil an Schülern gebe, die nach der Realschule eine weitere Schule besuchen, wie etwa das Berufliche Gymnasium. Die Schule arbeitet dafür unter anderem eng mit dem Beruflichen Gymnasium Sindelfingen zusammen. Aufnahmevoraussetzung dort ist die Note 3,0 in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch. Entscheidend für den Erfolg sei dann das Engagement an der neuen Schule, sagt Werner Waldschmidt, Abteilungsleiter Naturwissenschaft/Umwelttechnik an der Gottlieb-Daimler-Schule.

„Im Glücksfall“, sagt Knapek, „finden bei uns Kinder ihre Bestimmung“. Gerade von den Wechslern von G 8 an die Realschule weiß er, dass viele das Gefühl haben, hier die Zeit zu bekommen, die sie brauchen.

Weniger Stress und mehr Zeit für Hobbys und Gemeinschaft

Mit den vielen Arbeitsgemeinschaften will Knapek Schüler nicht nur fachlich fördern. Die Schule fasst das in einem Satz ihres Leitbilds zusammen: „Unser Motto ist gemeinsam leben lernen.“ Die Robert-Koch-Realschule hat ein musisches Profil und unterhält feste Kooperationen mit der Stuttgarter Musikschule, der Jugendkunstschule und dem Schauspiel Stuttgart. Manchmal mündet das in eine Anstellung. Zwei Schüler seien dort Maskenbildner. Gemeinsame Aufführungen schweißen die Schulgemeinschaft zusammen. „Das sind gemeinsame Erlebnisse jenseits von schulischen Inhalten. Das tut allen gut“, sagt Knapek, der selbst Musiklehrer ist und dessen vier Kinder alle auf seiner Realschule waren oder sind. Noah findet die Realschule entspannter als das Gymnasium, auf das er zuvor ging. Lichtgut/Julian Rettig

Der Schüler: Noah trägt den schwarzen Hoodie mit dem Aufdruck „Robert-Koch-Realschule“ zum Gespräch. Purer Zufall, sagt der 16-Jährige, das sei einfach der Pulli gewesen, den er am Morgen in die Finger bekommen habe. Kein Zufall ist es jedoch, dass er sich für die Realschule entschieden hat. „Ich hatte ein Gymnasialempfehlung“, sagt Noah. Das Gymnasium besuchte er bis zur siebten Klasse. Auch weil er weiter bei seinen Schulfreunden bleiben wollte. Aber nach dem Umzug der Familie fort von Stuttgart, habe es sich eher angeboten, in die Realschule zu gehen. 40 Minuten Schulweg waren Noah zu viel. Er dachte sich: „Ich probier’s, ich hätte ja nachher auf dem Gymnasium weitermachen können.“ Doch er blieb bei seiner Entscheidung. „Es ist besser als Gymnasium“, sagt er. Dort habe man, wenn keine Nachmittagsschule sei, „so viele Hausaufgaben“. Noah sieht die Vorteile. Da er nicht der Sprachentyp sei, fand er es auf der Realschule toll, „dass man kein Latein haben muss“. Technik und Informatik sprechen ihn wesentlich mehr an.

Noah geht gern zur Schule und spielt in der Schulband

Unterm Strich sagt Noah, sei der Stoff an der Realschule gleich, aber die Menge an Stoff weniger. Er ist einer der Schüler, die beide Schulformen aus eigener Anschauung vergleichen können. „Es ist entspannter als am Gymnasium“, sagt er. „Ich geh gern zur Schule. Es macht echt Spaß!“ Sein Notenschnitt ist an der Realschule besser geworden. Vier AGs besucht er, dafür hat er jetzt Zeit: Er spielt Klavier in der Schulband. Er macht in der Event-AG mit, das heißt bei Musicalaufführung macht er die Technik. In der Kulissen-AG ist er an den Bühnenbildern beteiligt. Außerdem gehört er zum Team der Fahrradwerkstatt.

Vielleicht wird er das alles vermissen. Denn Noah geht in die zehnte Klasse. Er hat sich entschieden, nicht weiterzumachen. Ursprünglich hatte er sich das ja mal überlegt. Stattdessen wird er nach der Prüfung eine Ausbildung beginnen. Einen Ausbildungsplatz als Fachinformatiker hat er schon. „Da kann man sich auch weiterbilden“, sagt Noah. Bei seinem künftigen Ausbildungsbetrieb hat er ein Praktikum gemacht und sich danach beworben. Die Robert-Koch-Realschule arbeitet mit verschiedenen Kooperationspartnern zusammen, darunter auch der Friedrich Scharr KG. Über die Jahre absolvieren die Schülerinnen und Schüler mehrere Praktika. Noah war im Kindergarten, in einem Schlosserfachbetrieb – und dann bei Scharr. Im September geht’s los. Antonia Herrmann ist überzeugt, dass die Realschule für ihrem Sohn die perfekte Schule ist. Lichtgut/Julian Rettig

Die Mutter: Antonia Herrmann hat sehr bewusst entschieden, ihren Sohn in der Realschule anzumelden. Mittlerweile geht der 15-Jährige in die zehnte Klasse. Seine ältere Schwester geht ins Gymnasium, macht gerade Abi. Antonia Herrmann erlebt also beide Schulformen hautnah. Da ihr Sohn schon kurz nach seinem sechsten Geburtstag eingeschult wurde, war für seine Eltern von Anfang an klar, dass der Druck, der im Gymnasium herrscht, „für ihn nicht passt“. Zart und ein wenig verträumt sei er gewesen. Kognitiv wäre es kein Problem gewesen, aber Herrmann ist überzeugt, sie hätte ihrem Sohn mit dem Gymnasium keinen Gefallen getan. Gegenüber anderen Eltern musste sie die Entscheidung für die Realschule verteidigen. Aber der Druck hier sei wesentlich geringer als auf dem Gymnasium. Die Tochter gehe, anders als der Bruder, ab und zu mit Bauchweh in die Schule.

Entspannteres Lernen und viele Nachmittagsangebote

An der Robert-Koch-Realschule schätzt sie den Umgang, die Fürsorge, die Initiativen der Lehrerschaft und die vielen AGs. Ihr Sohn profitiere davon enorm. Er ist in vielen AGs und bei jeder Musicalaufführung dabei. Klarinette habe er hier gelernt und spiele nun in der Schulband. „In den Sommermonaten zieht er mehr oder weniger hier ein“, sagt Antonia Herrmann. Kulissen-AG, Event-AG, all das finde dann statt. Und das sei trotz Schule und Unterrichtsstoff machbar. So motiviert wird ihr Sohn nach der zehnten Klasse auf eine weiterführende Schule wechseln. Sein Ziel danach: die Berufsfeuerwehr. Hanna Gresser und Ambrosius Koumpridis sind bei der Friedrich Scharr KG für die Auszubildenden zuständig. Lichtgut/Julian Rettig

Die Ausbildungsfirma: Ambrosius Koumpridis und Hanna Gresser arbeiten bei der Friedrich Scharr KG als Ausbildungsleiter. Das Unternehmen mit insgesamt 1000 Mitarbeitenden unterhält neben anderen am Standort Stuttgart-Vaihingen eine Bildungspartnerschaft mit der Robert-Koch-Realschule. Das heißt: Schon während ihrer Schulzeit können Schülerinnen und Schüler in der Firma Praktika in verschiedenen Bereichen machen – von Groß- und Außenhandel oder Großkraftfahrer über DHB-Studenten, Fachinformatiker bis hin zum Kfz-Mechatroniker. Die erste Betriebsbesichtigung gibt es in der achten Klasse, in der neunten folgt ein Bewerbertraining, erklärt Hanna Gresser. Und dann noch mal ein Praktikum. „Wir begleiten die Schüler so schon ein bisschen bei ihrer Berufsorientierung.“ Die Hoffnung: Durch eine frühe Beziehung zum Betrieb gewinnt das Unternehmen interessierte Auszubildende, die sich bewusst für die Firma entscheiden. Für Betrieb und Schule ist das eine Win-Win-Situation.

Es geht nicht nur um gute Noten

„Wir wollen den zukünftigen Auszubildenden richtig kennenlernen“, sagt Ambrosius Koumpridis. Dabei geht es um mehr als Noten. Wer zeigt, dass er „Teil der Betriebsfamilie sein will“, hat gute Karten. Denn es sei wichtig, dass man sich gegenseitig wertschätze, ergänzt Hanna Gresser. Mit 1260 Euro Bruttogehalt startet man eine Ausbildung. Doch damit nicht genug. „Es geht uns dann nach Ende der Ausbildung auch darum, den Mitarbeiter weiterzuentwickeln.“ Gedanken, die Noah, den Schulabsolventen, schon jetzt beschäftigen.

Information für Eltern

Realschule
Die Robert-Koch-Realschule bietet am Dienstag, 11. Februar, 18 Uhr einen Infoabend zur fünften Klasse an. Am Samstag, 15. Februar, lädt die Schule von 10 bis 12 Uhr zu einem Tag der Offenen Tür ein.

Weitere Themen