Eindrücke aus dem Jugendstrafvollzug in Baden-Württemberg Ausbildung hinter Gittern

Von  

Mit Übergriffen auf Beamte haben Gefangene in Adelsheim Schlagzeilen gemacht. Inzwischen ist in dem baden-württembergischen Jugendgefängnis Ruhe eingekehrt. Man arbeitet und lernt für ein Leben ohne Straftaten.

Die Gefangenen arbeiten in allen Bereichen an der Restaurierung des Klosters Frauental: Sie sägen Stein (Bild) oder Holz, sie gießen Stahlbeton oder legen Fliesen. Foto: JVA
Die Gefangenen arbeiten in allen Bereichen an der Restaurierung des Klosters Frauental: Sie sägen Stein (Bild) oder Holz, sie gießen Stahlbeton oder legen Fliesen. Foto: JVA

Adelsheim - Die Sitten sind rau in Adelsheim, Baden-Württembergs größtem Jugendgefängnis. Und das nicht erst seit die Vollzugsanstalt im Neckar-Odenwaldkreis Schlagzeilen gemacht hat, weil eine Gruppe Gefangener sechs Beamte vorübergehend dienstunfähig geschlagen hat. „Bitte, danke, guten Tag und möglichst keine Beleidigungen, das sind Sachen, die wir den Gefangenen gerne beibringen möchten“, sagt Maida Dietlein, die Gefängnisleiterin, zum Umgangston unter den gegenwärtig 326 Gefangenen im Bauland zwischen Odenwald und Taubertal.

Viele der im Schnitt 19 Jahre alten Häftlinge haben mit gesellschaftlichen Gepflogenheiten nichts am Hut. „Die soziale Verwahrlosung bereitet uns zunehmend Schwierigkeiten“, berichtet Dietlein. Dabei hat der Jugendstrafvollzug in Baden-Württemberg ein ehrgeiziges Ziel. Nicht Strafe und Sühne wie bei Erwachsenen stehe im Vordergrund, erklärt Joachim Spieth vom Justizministerium. Bei den Straftätern zwischen 14 und 21 Jahren geht es in erster Linie um den Erziehungsgedanken. In Adelsheim haben sie ihr Erziehungsziel so formuliert: „In sozialer Verantwortung ein Leben führen ohne Straftaten“.

Hohe Rückfallquote

Das gelingt nicht immer, die Rückfallquote bei jugendlichen Haftentlassenen liegt bei gut einem Drittel. „Wir entlassen die Leute im kriminalitätsaktiven Alter“, erläutert Dietlein. Ab 30 würden die einschlägigen Umtriebe nachlassen, meint die erfahrene Justizbeamtin.

In der Haftanstalt tun die Bediensteten ihr Möglichstes, den Jungs die Richtung zum rechten Weg zu weisen. Zu dem brutalen Gewaltausbruch im August scheint das Freizeitangebot im Jugendgefängnis gar nicht passen. In der Bastelgruppe entstehen Tiffany-Mobiles. „Die Häkelgruppe ist besonders gefragt“, berichtet Wolfgang Stelly vom kriminologischen Dienst. Da fertigen die schweren Jungs hippe Häkelmützen und gerne gehen sie Stelly zufolge auch auch zum Blumenstecken bei einer 70 Jahre alten ehrenamtlichen Anleiterin. „Das vermittelt ihnen ein Gefühl von Familie, das sie meist gar nicht kennen“. Stelly findet ohnehin, „als Einzelne sind das nette Jungs“. Das ändert nichts daran, dass Vorsicht geboten ist, wenn sie in Gruppen auftreten.

Inzwischen ist in Adelsheim wieder Ruhe eingekehrt. Zweieinhalb Wochen nach dem Angriff auf die Bediensteten gingen alle Gefangenen wie gewohnt zur Arbeit und zur Ausbildung. Denn das spielt im Jugendstrafvollzug eine zentrale Rolle. In Adelsheim können die Gefangenen 15 Berufe erlernen und sie können einen Schulabschluss machen. Die Erfolgsbilanz wird im Eingangsbereich des Verwaltungsgebäudes auf einer Anzeigentafel präsentiert. 1974 hat das zentrale Jugendgefängnis den Betrieb aufgenommen. Seither haben Gefangene 2503 Haupt- und 278 Realschulabschlüsse abgelegt. Auch 911 Gesellenprüfungen stehen zu Buche.

In sechs Monaten zum Hauptschulabschluss

Die Gefängnisschule ist klein, hält sich aber für die effizienteste Deutschlands. Der Rektor Udo Helbig führt stolz den Beweis: In sechs bis neun Monaten machen zwölf Lehrer ihre Zöglinge fit für den Hauptschulabschluss. Und das obwohl die meisten Häftlinge auf dem Niveau von Fünftklässlern in die Schule kommen. Die Zeit ist knapp, im Schnitt sitzen die Häftlinge elf Monate ein. Ferien gibt es keine. Unterrichtet werden nur prüfungsrelevante Fächer. Keiner der 75 Schüler hat den gleichen Stoff. Die Gruppen umfassen maximal zwölf Schüler. Die Prüfungen werden von Externen abgenommen. Das Zeugnis trägt den Stempel der Schule, von der der Prüfer kommt. Niemand soll erkennen, dass der Absolvent die Gefängnisschule besucht hat.

Die Motivation der Schüler ist hoch, wenn sie auch nicht auf dem bürgerlichen Bildungsideal gründet. Denn, wer in die Knastschule geht, bekommt Geld. So viel wie er verdienen könnte, wenn er in den Werkstätten arbeiten würde. Wer pünktlich ist, gut mitarbeitet, in den Tests gut ist, kann auf knapp 300 Euro im Monat kommen. Das Gros wird auf die hohe Kante gelegt, für die Zeit nach der Haftentlassung, aber drei Siebtel können die Häftlinge in der Anstalt ausgeben. Das lockt auch die Gefangenen in die Schule, die nicht verinnerlicht haben, dass ein Schulabschluss die Chancen steigert, ein gesellschaftlich akzeptiertes Leben zu führen. „Mit einem Abschluss sinkt die Rückfallquote um 25 Prozent“, sagt Udo Helbig.

An gesellschaftlichen Normen arbeitet man auch in den Werkstätten der Anstalt. „Unser größtes Ziel ist, dass die Jungs jeden Tag hier rein zur Arbeit kommen“, beschreibt Andre Winkler den Arbeitsauftrag. Der Leiter der Schreinerei ist aber auch stolz auf die Produktivität. Der Verkaufsschlager sind die Sandspielkästen für Therapiezwecke. Letztes Jahr hat man die Umsatzmarke von 100 000 Euro geknackt und ein Lob vom Landesrechnungshof gab es auch. Das vermittelt den Jungs, die nicht eben verwöhnt sind, ein Erfolgserlebnis, „da werden die Buben einen Meter größer“, sagt Winkler.

In der Werkstatt werden die Werkzeuge gezählt

Ist es ein Problem, wenn die gewaltbereiten Buben mit Stemmeisen und Hämmern hantieren? In der Werkstatt nicht, meint Andre Winkler. Und bevor die Gefangenen aus der Werkstatt zurück in die Zellen gehen, werden erst mal alle 20 Werkzeugschränke kontrolliert und die Werkzeuge gezählt. Dann werden die Jungs vor dem Ausgang mit einer Metallsonde kontrolliert, anschließend müssen sie durch einen weiteren Kontrollraum.

Angst hat Andre Winkler nicht. Klar, sagte der 47-Jährige kurz nach dem Vorfall, den sie in der Anstalt „Ereignis“ nennen, im Moment sei die Situation angespannt, die Stimmung gedrückt. „Aber das kriegen wir wieder hin“, da ist Winkler ganz sicher.

Unsere Empfehlung für Sie