Eine 13-Jährige verletzt sich selbst Tiefe Schnitte

„Der Schmerz geht irgendwie tiefer als die Traurigkeit“, sagt Alina. Foto: Andreas Reiner

Eine 13-Jährige hört nicht auf, sich immer wieder mit Messern, Scheren oder Rasierklingen zu schneiden. Warum macht sie das?

Reportage: Robin Szuttor (szu)

Ulm - Sie hat es schon seit einigen Tagen nicht mehr getan. Manche Wunden fangen an zu heilen, sind verkrustet oder dick vernarbt. Aber irgendwann wird die Welle wieder kommen. Dann baut es sich auf in ihr und drängt und drängt. Dem Drängen nachzugeben ist eine Erlösung für sie: Wenn die Klinge ins eigene Fleisch schneidet, Blut rinnt und es endlich wehtut, dann schiebt der äußere Schmerz die innere Trübnis, die sie sonst so quält, für einen Moment weg. Aber es hält nicht lange an. Sie weiß, sie sollte nicht nachgeben.

 

„Hallo, Schatz. Wie war’s?“ An diesem Tag hat es Alina geschafft, in die Schule zu gehen und bis zum Ende zu bleiben. „Gut, was gibt’s zu essen?“ – „Frühlingsrolle.“

Alina (alle Namen geändert) ist 13. Sie wohnt mit ihrer Mutter Kathrin und ihrem achtjährigen Bruder in einem oberschwäbischen Dorf, weitab vom nächsten Mittelzentrum. Im Ort ist Alina „die Psycho“. Seit vier Jahren verletzt sie sich selbst.

Kathrin hat sich schon das Hirn zermartert, ob sie schuld ist. Als sie ihre Tochter bekam, war sie erst 20, hatte keinen Beruf. Das Familienglück war bald vorbei: Heirat, Hausbau, Scheidung – vor fünf Jahren zog sie aus, jetzt lebt sie mit ihren Kindern in einer 130-Quadratmeter-Wohnung, zum Glück bezahlbar hier auf dem Land, picobello sauber, hübsch eingerichtet mit weiblichem Dekoriersinn.

Alina war früher ein aufgewecktes Kind, hatte viele Freundinnen. Sie ging reiten, lernte Gitarre, machte Karate, war bei der Jugendfeuerwehr, schrieb nur Einser und Zweier in der Schule. Dann, mit neun, fing es an mit ihrem Rückzug. Auch die Noten wurden schlechter. Ihre Lehrerin meinte: Sie wirkt wie versteinert im Unterricht.

Sie war nicht mehr die unbeschwerte Tochter, die sie kannte

Bei einem Sozialdienst riet man Kathrin, vielleicht nicht allzu tief in der Sache herumzustochern. Irgendwie schien sich Alina auch wieder zu berappeln. Sie bekam eine Gymnasialempfehlung. Aber sie war nicht mehr die unbeschwerte Tochter, die Kathrin kannte. Sie kaute ihre Fingernägel, bis fast nichts mehr von ihnen übrig blieb. Sie kratzte ihre Beine blutig. Es dauerte, bis Kathrin es überhaupt wahrnahm. Was hast du denn da? Ist das ein Ausschlag?

Sie wurde weinerlich und mutlos. „Was ist denn, Alina?“ – „Ich weiß nicht, ich schaff das alles nicht mehr.“ – „Was denn?“ – „Alles.“ Das aus ihr herauszukriegen war schon viel. Meistens schwieg sie.

Es war in den Pfingstferien vor einem Jahr. Trotz der Hitze trug Alina nur langärmelige Sachen. Irgendwann sah die Mutter eine Ritzwunde hervorblitzen. „Was ist das? Zieh mal dein Shirt aus!“ Der linke Arm war übersät mit Schnitten.

„Warum machst du das?“ – „Weiß nicht.“ Alina heulte, doch sie redete nicht. Kathrin versteckte alle Messer und Scheren im Haus. „Aber wer sich verletzen will, findet Mittel – und sei es die Klinge vom Bleistiftspitzer.“ Sie sammelte im Internet alle Fakten, die sie über das Ritzen finden konnte: Dass sich mehr als 30 Prozent der Jugendlichen in Deutschland schon mal absichtlich Verletzungen beigebracht haben – und vier Prozent es regelmäßig tun. Dass diese Werte zu den höchsten in Europa zählen, wenngleich sie in den vergangenen Jahren nicht mehr signifikant gestiegen sind. Dass Mädchen dreimal häufiger als Jungs betroffen sind. Dass es vor allem bei Jugendlichen vorkommt und mit 18, 19 Jahren oft wieder aufhört. Dass Ritzen ansteckend sein kann, sich nicht nur im direkten Umfeld, sondern auch über soziale Netzwerke verbreitet.

Die Diagnose in der psychiatischen Klinik: mittelgradige Depression

Kathrin lernte einen Mann kennen. Ein familiärer Neustart wurde es nicht. Die Beziehung hielt nicht lange. „Für seinen Fortgang haben wir nie eine Begründung erhalten. Er hat sich nie verabschiedet, nie gefragt, wie es uns geht.“ Das Einzige, was er sagte: Er könne sich jetzt nur um sich kümmern. Auch das mussten die drei erst einmal verkraften. Dann starb auch noch der Opa, den Alina sehr liebte.

Nach der Beerdigung im Hochsommer trug sie wieder lange Ärmel und lange Hosen. Kathrin sagte: „Zieh dir ein T-Shirt an, wir gehen spazieren.“ Sie wollte nicht. Da war ihr alles klar. Dieses Mal hatte sie sich besonders schlimm zugerichtet. „So tiefe Schnitte, dass mir schwindlig wurde: Arme, Beine, Bauch, Brüste, Schultern. Nur der Rücken war heil. Und die Gefahr, dass da Bakterien reinkommen, ist ja auch groß.“

Sie brachte Alina in die psychiatrische Klinik, wo sie fast drei Monate blieb. Die ärztliche Diagnose: mittelgradige Depression. Dagegen muss sie jetzt Fluoxetin nehmen. Eine Tablette jeden Morgen, 20 mg.

Wieder daheim, ging es nur ein paar Wochen gut. In ihrer Sorge hackte sich Kathrin in den Mail-Account und das Instagram-Profil der Tochter ein. Dort las sie Nachrichten von Wildfremdem: „Du bist hässlich und fett, geh sterben.“ Ihre beste Freundin hatte geschrieben: „Ich komme mit deinen Problemen nicht klar, es geht nicht mehr.“ Alina hatte Google gefragt: „Wie macht man einen Henkersknoten?“ Sie hatte Seiten besucht, wo darüber fachgesimpelt wurde, aus welcher Höhe man springen muss, um sicher tot zu sein.

Kathrin ist ratlos. Die vielen Bücher, die sie gelesen hat, die ungezählten Nächte, die sie im Internet recherchierte, haben eher noch mehr Fragen aufgeworfen.

Woher kommt diese Aggressivität gegen sich selbst? Alina ist sonst nie aggressiv. Über ihre Gespräche mit den Therapeuten weiß die Mutter wenig, „Schweigepflicht“, sagt sie. Und ihrer Tochter muss sie oft alles aus der Nase ziehen: „Wenn es ihr zu nahe geht, katapultiert sie sich reflexartig ins Aus und ist dann wie weggetreten.“

Ist es wegen der Scheidung? Ist es das Mobbing?

Ist es die Scheidung? Ist es die Trennung vom neuen Partner, der einfach aus dem Leben der Familie verschwand? Ist es das Mobbing? Macht sie es, um ihre Ängste und ihren geringen Selbstwert zu übermalen, wie man in Ratgebern lesen kann? Macht sie es, um schlechte Gefühle zu beenden? Um sich wieder real zu fühlen? Oder weil sie den Kick sucht? Missbrauch wird auch als eine mögliche Ursache für Selbstverletzungen aufgeführt. „War da vielleicht was?“, fragte sie. „Nein“, antwortete Alina. „Ich weiß es nicht“, sagt Kathrin.

Eine Bekannte hat zu ihr gesagt, das sei bloß eine Masche, um mehr Aufmerksamkeit zu bekommen. „Sie schneidet so tief in die Haut und gleich daneben noch mal“, sagt Kathrin. „Das macht man doch nicht, um Aufmerksamkeit zu kriegen.“

Alina sitzt in ihrem Zimmer, schaut mit ihren braunen Sanftaugen hinter der Brille aus dem Fenster. Die Lockenmähne hat sie hochgebunden. Hier hört sie Metal-Musik von Bands wie Eskimo Callboy oder Slipknot. So laut wie nur möglich.

„Es hat schon in der Grundschule angefangen. Da bin ich von zwei polnischen Mädchen geschlagen worden, eigentlich jeden Tag“, sagt sie. „In der siebten Klasse haben mich ständig zwei Jungs genervt und beleidigt – bis ich einem eine Backschelle gegeben hab“, erzählt sie nicht ohne Stolz.

In ihrer jetzigen Klasse hat sie eine Freundin, das tut gut. „Für den Rest der Klasse gibt es mich gar nicht.“ Im Unterricht fühle sie sich oft so weit weg, sagt Alina. „Sinnlose Sachen gehen mir durch den Kopf, zum Beispiel, was es am Mittag zu essen gibt.“ Manchmal sitzt sie im Unterricht, und dann kommt die Welle. „Manchmal merke ich es schon Tage vorher, manchmal muss ich schnell reagieren.“ Dann greift sie zum Messer. „Der Schmerz geht irgendwie tiefer als die Traurigkeit“, sagt Alina. „Dann hält es ein paar Sekunden an, dass es nicht mehr traurig ist.“

Die letzte große Krise war im Mai

An ihrem Bruder geht das Leid nicht spurlos vorüber. „Er liebt seine Schwester und wird auch schon immer stiller“, sagt Kathrin. Sie macht sich Vorwürfe, zu lange gewartet zu haben. Ihren Kindern nicht die Umgebung geben zu können, wo sie gut gedeihen können. Ihre Gedanken kreisen seit Jahren nur um die Tochter. Manchmal erwischt sie sich, dass sie lernen muss für die Berufsschule. Sie guckt ins Buch, sieht die Buchstaben, denkt aber an Alina. Neben der Ausbildung zur Erzieherin jobbt sie in einem Fitnessstudio und einer Bibliothek.

Die letzte große Krise war im Mai. Kathrin hatte Spätschicht im Studio, Alina übernachtete beim Vater. Dann der Anruf: „Kannst du kommen? Ich habe so schlimme Gedanken an Selbstmord. Ich weiß nicht, was passiert.“ Seitdem hat Kathrin nicht mal mehr Ruhe, wenn die Tochter beim Ex-Mann ist. „Er ist mit der Situation überfordert und redet auch nicht gern darüber. Ihm fehlt da irgendwie der Zugang.“ Am liebsten würde sie Alina rund um die Uhr beobachten. „Ich weiß natürlich, dass Selbstständigkeit wichtig ist. Aber wenn sie allein ist und es passiert was – was dann?“

Kathrin ist eine junge Frau. Trotz allem hat sie etwas Frisches, Strahlendes in ihrem Wesen bewahrt. Im Sommer wanderte sie eine Woche auf dem Jakobsweg, da war sie zum ersten Mal seit Langem wieder ganz bei sich. „Ich hörte die Waldgeräusche und das Knistern der Steine unter den Schuhen.“ Dass das so eine Wohltat sein kann, wenn der Kopf leer ist, hätte sie sich vor zehn Jahren auch nicht vorstellen können.

Jemand zum Anlehnen wäre schon gut, aber das kann sie vergessen, da macht sie sich keine Illusionen. „Es müsste ein starker Mann sein, aber so stark kann keiner sein. Nur Verständnis würde nicht reichen.“ Sie hat eh den Eindruck, da draußen gibt’s nur noch Männer mit Burn-out.

Abends geht sie schon mit dem Gedanken zu Bett, ob Alina wohl am nächsten Tag aufsteht. Sie macht immer ihre Hausaufgaben, packt am Vorabend guten Mutes ihr Schulzeug. Aber morgens sieht die Welt ganz anders aus. Wenn Alina zehn Minuten nach dem Wecken noch nicht aus ihrem Zimmer ist, dann wird es schwierig.

Kathrin redet ihr gut zu: „Du schaffst das, du kannst das.“ Aber meist sitzt Alina stumm in ihrem Bett und starrt nur an die Wand – unfähig, die Zähne zu putzen, unfähig, zu frühstücken, unfähig, überhaupt aufzustehen. Dann ruft Kathrin die Oma an, ob sie kommen kann.

Und wenn sich Alina doch in die Klasse schleppt, dauert es nicht lange bis zum Anruf von der Schule, dann liegt sie im Krankenzimmer. Oder sie geht aufs Klo und kommt mit Wunden heim.

Vielleicht zieht sie bald in einer Wohngruppe für Jugendliche

Einmal im Monat spricht Alina mit dem Arzt von der Klinik. Zweimal in der Woche geht sie zu ihrer Therapeutin, die sie Gott sei Dank noch gefunden hat. Kathrin hatte bei gut und gern 40 Psychologen angerufen. Die Antwort war immer dieselbe: Alles voll. Der nächste freie Termin? Vielleicht in einem Dreivierteljahr.

Jetzt denkt Kathrin darüber nach, sie vielleicht in eine Wohngruppe für Jugendliche zu geben. Alina findet die Idee nicht schlecht. „Sie macht alles mit ohne Murren. Jedes andere Kind hätte längst mal aufgemuckt, aber Alina nimmt alle Vorschläge an. Weil sie will, dass es besser wird.“

Wenn man sagt, dass in der Pubertät vieles in einem verrückt spielt, ist Alina plötzlich hellwach: „Aber es hat ja schon vorher angefangen!“ Als wollte sie sagen: Das habe ich ja längst alles von vorne bis hinten durchdacht. Wenn man sagt, sie sei ein kluges Mädchen, folgt sofort: „Wer sagt das?“

Richtig gelöst wirkt sie, wenn es um Janny geht. Janny ist ihr Freund. Er wohnt in Frankfurt, sie hat ihn vor sieben Monaten im Internet kennengelernt. Janny ist ihr Lichtblick. Auch kein Vorzeige-Jugendlicher, „aber er steht auf der Sonnenseite des Lebens“, sagt Alina, „ein Paradiesvogel, er trägt gerne bunte Sachen, das passt gut zu mir mit meinen schwarzen Kleidern“.

Janny ist 15, hat hellblonde Haare und schöne blaue Augen. Er geht in die Realschule und will Erzieher werden. „Ich habe gleich gemerkt: Das mit ihm tut richtig gut, er war gleich nahe bei mir“, sagt Alina. Sie hat neulich mal aus Spaß auf ihrem Smartphone nachgeschaut: Seit sie zusammen sind, haben sie über 100 000 Nachrichten hin- und hergeschickt. Meistens telefonieren sie aber, manchmal vier Stunden am Stück. Er hat sie auch schon besucht, war auch bei einem Gespräch mit ihrer Therapeutin dabei. „Mit ihm kann ich über alles reden, wir müssen aber nicht immer nur Probleme wälzen, das ist angenehm.“ Mit Janny kann sie auch mal die Leichtigkeit der Jugend spüren. Wenn Janny da ist, dann kommt die Welle nicht.

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