Geschichte einer Frau aus Oberschwaben Warum eine Mutter ihre Söhne verlassen hat

Eine Frau hat bewusst ihre eigenen Kinder verlassen. Darüber hat sie mit uns gesprochen. Foto: IMAGO / Zoonar

Eine Frau aus Oberschwaben spricht offen darüber, warum ihre drei Söhne sie meiden. Sie hat die Familie verlassen, um „ihre Seele zu retten“, wie sie sagt. Damals war ihr Jüngster neun Jahre alt. Ein Porträt aus unserer Reihe "Lesenswert aus 2023"

Reportage: Akiko Lachenmann (alm)

An einem Samstag sitzt Sonja Gerbering vor einem warmen Getränk in einem Café in Ulm, als sie wieder mal zusammenbricht. Sie wollte mit ihrem Mann eigentlich einen unbeschwerten Tag verbringen und die Stadt anschauen. Am Tisch gegenüber stecken zwei Mädchen die Köpfe zusammen, vermutlich Schwestern. Die Ältere reicht der Jüngeren einen Löffel Schlagsahne von ihrer heißen Schokolade. Der Tag ist gelaufen.

 

Szenen wie diese rufen in Sonja Gerbering einen Schmerz wach, der schwer auszuhalten ist. Ihre Söhne Julian, 22, Lukas, 18, und Benjamin, 15, die wie sie in Wirklichkeit anders heißen, wollen nichts mehr mit ihr zu tun haben, schon seit Jahren nicht mehr. „Das letzte Mal, dass wir alle beisammen saßen, war im Jahr 2018“, erinnert sie sich. Das war an ihrem 48. Geburtstag.

Dass Kinder sich von ihren Eltern abwenden, ist keine Seltenheit. Davon zeugen Selbsthilfegruppen im ganzen Bundesgebiet und reihenweise Ratgeberliteratur. Darin taucht immer wieder die Zahl 100 000 auf – eine geschätzte Anzahl an volljährigen Kindern, die sich jährlich von den Eltern oder einem Elternteil abwenden.

Claudia Haarmann, eine der Autorinnen, sagt, dass die Kontaktabbrüche in den vergangenen Jahrzehnten stark zugenommen haben. „In meiner Generation hat man Konflikte mit den Eltern geschluckt und verdrängt“, sagt die 71-jährige Psychotherapeutin. Heute sind Kinder oft nicht mehr bereit, ein belastetes Klima auszuhalten. „Es ist legitim , sich von den Eltern abzuwenden, wenn es einem dadurch psychisch besser geht.“

Verlassene Eltern ziehen sich zurück

Für die verlassenen Eltern ist die Scham darüber, vom eigenen Kind abgelehnt zu werden, meist riesig. So unterschiedlich die Gründe sind, immer leben sie mit dem Gefühl, versagt und sich irgendwie schuldig gemacht zu haben. Claudia Haarmann berichtet, dass Eltern sich völlig zurückziehen, Familienfeste meiden und alte Freundschaften aufgeben, um bloß nicht nach den Kindern gefragt zu werden.

Sonja Gerbering geht anders damit um. Wer sie näher kennt, der weiß, dass sie aus erster Ehe drei Söhne hat, die beim Vater in einem Dorf in Nordrhein-Westfalen leben und kein Wort mehr mit ihr wechseln wollen. Ihr Arbeitgeber weiß das, die Freunde, die Nachbarn. Alles auf den Tisch zu legen und radikal anzunehmen sei Teil ihrer Bewältigungsstrategie, sagt sie. Und mit „alles“ meint sie nicht nur den Verlust, sondern auch, was dazu geführt hat. Während viele Eltern nie erfahren, warum die Kinder keinen Kontakt mehr haben wollen, kennt sie die Gründe dafür nur zu gut. Denn zunächst war sie es, die sich von ihren Kindern abgewandt hat. Da war der Jüngste gerade neun Jahre alt.

Brechen Ehen auseinander, gehen meistens die Väter. Nur in zehn Prozent der Fälle verlässt die Mutter die Familie. So ein Entschluss scheint immer noch kaum vorstellbar, kaum zumutbar für minderjährige Kinder. Hat eine Mutter denn nicht schon rein biologisch die Pflicht, die Kinder zu versorgen, bis sie flügge sind? Verkümmern sie nicht ohne die mütterliche Zuwendung?

Manchmal ist es besser zu gehen als zu bleiben. Sonja Gerbering sagt, sie wäre sonst erstickt. Auslöser war ein Streit mit ihrem Mann auf der Fahrt zu einem Geschäftsessen, bei dem er ihr vorwarf, auf seine Kosten „die Beine hochzulegen“, erzählt sie. Auf einmal kam ihr ein Gedanke, den sie sich bisher nicht zu denken gestattet hatte: allem zu entfliehen, alles hinter sich zu lassen, auch die Kinder. „Ich spürte mich nicht mehr, fühlte mich fremdbestimmt.“

Ursachen liegen in der eigenen Kindheit

Sie erhebt heute keine Vorwürfe mehr gegen den Vater. Stattdessen geht sie in die eigene Kindheit zurück, um zu begreifen, wie es so weit kommen konnte. „Ich komme selbst aus einer problematischen Familie.“ Der Vater ging fremd, die Mutter klammerte sich an das einzige Kind, behandelte sie wie eine Verbündete, weinte sich bei ihr aus. „Immer ging es um sie“, sagt Sonja Gerbering. Psychologen nennen das Parentifizierung, eine Form von emotionalem Missbrauch, bei der die Rollen umgekehrt werden.

Nach dem Studium der Sozialpädagogik findet Sonja Gerbering keine Arbeit, der sie sich gewachsen fühlt. Sie flüchtet in die Arme eines Mannes, der Arbeit hat und eine Wohnung. Rasch wird sie schwanger und zieht zu ihm aufs Land. „Ein Kaff aus Einfamilienhäusern mit Garten, wo niemand zum Spielplatz zu gehen braucht.“ Nach Kind eins kommt Kind zwei, dann Kind drei. Doch die Einsamkeit wächst. Bei ihrem Mann findet sie keinen Trost. „Er erwartete, dass ich funktionierte.“ Der sichere Hafen wird zunehmend zum Gefängnis. „Ich zog mich abends zurück in die Badewanne. Mein Zufluchtsort.“

Die Kinder müssen gespürt haben, dass mit der Mutter etwas nicht stimmt. Trotzdem trifft sie der Auszug wie aus heiterem Himmel. Ein paar Tage darauf kommt es zur Aussprache, doch auf ihre Fragen hat Sonja Gerbering keine einleuchtenden Antworten parat. „Ich begriff damals ja selbst nicht, was in mir vorging.“ Stattdessen soll sie gesagt haben: „Die Familie ist nicht alles.“ Sie erinnert sich nicht mehr daran.

Außerdem bekommen die Söhne mit, dass ihre Mutter sich mit anderen Männern einlässt. „Die Mama braucht halt jetzt andere Männer“ – die Erklärung des Vaters klingt plausibel und verhindert zumindest, dass die Söhne die Schuld bei sich suchen. Aber sie greift zu kurz. „Ich war unfertig“, sagt Sonja Gerbering. „Ich sehnte mich selbst nach Liebe und Geborgenheit.“

Familientherapeutin wirft hin

Sie zieht in eine nah gelegene Wohnung, stellt ein Doppelbett und eine ausziehbare Couch hinein. Eigentlich könnten die Kinder jedes zweite Wochenende bei ihr verbringen. Doch sie ist so absorbiert von der Suche nach einem neuen Partner, dass sie nicht darauf insistiert, als die Söhne angeblich wegen anderer Termine nicht kommen können. Kein Mal schlafen sie bei der Mutter. In einem Essay über Mutterliebe schreibt die Publizistin Andrea Roedig: „Kinder lieben die Mutter nicht als Person, sondern als Rolle.“

Sonja Gerbering findet eine neue Liebe, allerdings 650 Kilometer entfernt. Auf einem Dating-Portal lernt sie ihren heutigen Mann kennen, er ist ebenfalls geschieden und Vater. Weil er in der Nähe seiner Kinder bleiben will, zieht Sonja Gerbering 2018 zu ihm nach Ravensburg. Als sie den Söhnen ihren Entschluss mitteilt, meint ihr Ältester noch, die Distanz könnte eine Chance für das Verhältnis sein. Doch dann gehen ihre Söhne einer nach dem anderen nicht mehr ans Telefon und blockieren den Kontakt zur Mutter auf Whatsapp. In einem gemeinsamen Brief, mit „Liebe Sandra“ als Anrede, bitten sie darum, Briefe und Päckchen nicht mehr nach Hause zu schicken, sondern an die Adresse der Familientherapeutin. „Wir holen sie ab, sobald wir dazu bereit sind.“ Die Therapeutin hat den Fall vor zwei Jahren aufgegeben. „Der Karren ist im Dreck“, habe sie erklärt. Sonja Gerbering will nichts beschönigen. „Ich habe meine Kinder geopfert, um meine Seele zu retten.“

Der Preis ist hoch, höher als sie anfangs vermutet. Sie wisse fast nichts mehr über ihre Söhne. Gab es schon eine Freundin? Wohnen immer noch alle daheim? Wie liefen die Führerscheinprüfungen? Das aktuellste Foto, das sie von ihren Kindern besitzt, ist zwei Jahre alt. Sie habe bei der Schwiegermutter lange darum gebettelt. Drei große Kerle stehen an einer Straße in einer Einfahrt. „Ich erkenne meinen Jüngsten nicht wieder“, sagt Sonja Gerbering. „Wer ist das bloß?“

Anfangs glaubt sie noch, das Ruder herumreißen zu können. 2019 fährt sie einfach vor das Haus der Söhne. Eigentlich wollte sie eine Freundin in NRW besuchen. Nachbarn glotzen aus dem Fenster, als sie mit Herzrasen vor der Tür steht und klingelt. Erst regt sich nichts. Dann öffnet Lukas, der Mittlere, die Tür. „Er war immer am ehesten bereit, mit mir zu sprechen“, sagt Sonja Gerbering. Mitten auf der Straße ringt sie um sein Verständnis für ihre Annäherungsversuche. „Ich konnte ihn nicht erreichen.“

Informationen über die Söhne aus der Abizeitung

Als die Abifeier von ihrem Ältesten ansteht, ist sie wild entschlossen, dabei zu sein, notfalls mit Perücke. Die Familientherapeutin spricht ihr ins Gewissen. Julian wolle das nicht, sie würde das Fest ruinieren. Sie verzichtet schweren Herzens. Das Gleiche wiederholt sich mit Lukas. Eine mitfühlende Lehrerin schickt ihr die Abizeitung zu. Dort liest sie, dass Lukas von Borussia Dortmund zu den Glasgow Rangers konvertiert ist und mit zwei Freunden nach Spanien fahren möchte, bevor er ein duales Studium beginnt. Am wenigsten wisse sie über Benjamin, den Jüngsten. Er habe einen Hund bekommen, erzählte ihr neulich die Freundin. Auch bei dieser Nachricht bricht sie in Tränen aus.

Sonja Gerbering klammert sich an alle Informationen, die sie zu fassen kriegt, um eine Vorstellung von ihren Söhnen zu bekommen. In einer Lokalzeitung liest sie mit Staunen, dass Julian nach seinem Abi Stammzellen gespendet und damit einem Mann das Leben gerettet hat. Ein großer Artikel mit Bild. Sie schreibt ihm, sie sei stolz auf ihn und habe sich nun ebenfalls bei der Deutschen Knochenmarkspenderdatei registrieren lassen. Sie schreibt zu jedem Geburtstag, jedem Feiertag, jeder Anlass ist recht. „Vielleicht sollte ich weniger Druck ausüben“, sagt sie. „Aber ich kann nicht anders.“

Vor ein paar Monaten sah sie Julian für einen Moment auf Whatsapp. Gewöhnlich sind Profilbilder für gesperrte Kontakte unkenntlich. Doch weil er vermutlich ein neues Handy bekommen hat, schimmerte bei der Datenübertragung sein Profilbild kurz auf ihrem Handy auf. „Als ich dich auf einmal sah, ging mir das Herz auf“, schreibt sie ihm. „Falls du irgendwann mal Interesse hast, mit mir zu reden, würde ich mich freuen.“

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