Den 7. Mai 2024 vergisst Christine Kiefer nie. Es ist der Tag, am dem das passiert, was sie befürchtet, seit sie Wochen zuvor bei ihrer Einreise am Flughafen in Maskat von der Polizei empfangen worden ist. Zwei nette Herren in den landesüblichen weißen Gewändern eskortierten sie gleich am Fuß der Treppe des Fliegers, mit dem sie aus Frankfurt kommend mitten in der Nacht landete. Höflich geleiteten sie die Frau zur Polizeistation. Nähere Erklärungen gab es nicht. Die Beamten unterhielten sich untereinander auf Arabisch und glaubten, die Deutsche verstehe sie nicht. Kiefer aber entnahm den Gesprächen, dass gegen sie ein Haftbefehl vorliegt. Da aber offenbar ein wichtiges Papier fehlte, wurde sie entlassen – mit der Auflage, sich am nächsten Tag bei der zuständigen Polizeiwache zu melden.
Das tut die 63-Jährige nicht. Im Gegenteil, sie versucht fortan, der Polizei möglichst aus dem Wege zu gehen. Einige Wochen gelingt ihr das auch. Doch dann schnappt die Falle zu: Beim Geldwechsel auf einer Bank, der per Fingerabdruck erfolgt, werden ihre Daten automatisch an die Polizei weitergeleitet. Christine Kiefer wird festgenommen.
Und dieses Mal kennen die Beamten keine Milde. „Ich saß von mittags bis spätabends angekettet auf einem Stuhl im Polizeirevier. Wie eine Schwerverbrecherin“, berichtet sie. Ihr Vergehen: Sie schuldet ihrem früheren Vermieter eine Menge Geld.
Falle für deutsche Abenteurer
Im Gefängnis ist sie dann bei weitem nicht der einzige Schuldhäftling. „Sie haben uns Schuldnerinnen gemeinsam untergebracht“, berichtet Christine Kiefer. „Da saßen Frauen, die hatten in der Corona-Zeit Schulden gemacht, weil ihre Vorauszahlungen für Güter und Dienstleistungen nicht zurückerstattet worden waren.“ Indische Geschäftsfrauen, Iranerinnen, omanische Frauen, Philippinas: Praktisch alle Einwohnernationalitäten des Omans sind versammelt. Die Haftbedingungen seien okay, sagt Kiefer. „Das Essen ist gut, das Gefängnis sauber, die meisten Polizistinnen freundlich.“ Schwierig sei die Kommunikation nach außen gewesen. „Ich musste so vieles regeln und durfte nur dreimal pro Woche für jeweils ein paar Minuten telefonieren.“
Das vermeintlich leichte Leben unter südlicher Sonne entpuppt sich nicht selten als Falle für deutsche Abenteurer. Andere Länder, andere Gesetze. Oman ist nicht das einzige Land, das Menschen wegen privater Schulden in den Knast steckt. In vielen Nachbarländern wie den Vereinigten Arabischen Emiraten, Katar und Jordanien ist das durchaus üblich. Aber auch in den USA, wo viele Schuldner die Gefängnisse füllen.
Christine Kiefers Geldprobleme reichen einige Jahre zurück. Bis 2012 lebte die gebürtige Emmendingerin in Überlingen am Bodensee. Sie arbeitete im IT-Unternehmen ihres Mannes und zog sechs Kinder groß. Irgendwann wollte ihr aus dem Oman stammender Ehemann wieder zurück in seine Heimat. Christine Kiefer beschloss, ihm mit den jüngeren Kindern zu folgen.
Der Oman ist ein wunderschönes Land mit einem 1000 Kilometer langen Strand, Bergen, Wüsten und sehr friedlichen Menschen. 2013 siedelte sie über. Doch der Neuanfang stand unter keinem guten Stern. Christine Kiefer musste feststellen, dass ihr Mann hinter ihren Rücken eine zweite Frau heiratete. Nach omanischem Recht war das erlaubt. Dass er sich von ihr scheiden ließ, erfuhr sie erst anderthalb Jahre danach. Sie verlor ihren Unterhaltsanspruch und konnte die Miete für ihr Haus nicht mehr bezahlen.
Damals wird erstmals eine Ausreisesperre gegen sie verhängt. Doch die energische Frau schafft es, mit ihrem Vermieter einen Tilgungsplan auszuhandeln und beginnt, sich ein neues Leben aufzubauen. Sie macht sich selbstständig als Reiseleiterin, verbringt die Winter im Oman und die heißen Sommer, wenn die Touristen fernbleiben, in Deutschland. Das Geschäft läuft gut. Kiefer organisiert Reisen für Gruppen und Individualtouristen sowie Rallye-Wüsten-Touren für Firmen wie Mercedes-Benz. In ihrem Haus vermietet sie, nachdem die Kinder ausgezogen sind, Zimmer an Übernachtungsgäste. So kann sie von den Einnahmen leben, nach und nach ihre Schulden abstottern.
Sie kann ihre Schulden nicht mehr bezahlen
Dann kommt Corona. Von einem Tag auf den anderen liegt die Tourismusbranche brach. Flughäfen in aller Welt werden gesperrt, auch der in Maskat. Kiefer kann nicht ausreisen und hat keine Einnahmen mehr. Ihre Schulden kann sie nicht mehr zahlen, und bald auch nicht mehr die laufende Miete.
Hilfe suchend wendet sie sich an den Landkreis Berchtesgaden, wo sie gemeldet ist und im Sommer lebt. Sie wird ans dortige Jobcenter verwiesen, das ihr in der Ausnahmesituation vorübergehend Hartz IV gewährt. So kann sie immerhin einen Teil der Miete begleichen. Nach einigen Monaten endet die Unterstützung.
Mittlerweile steht Kiefer unter einem Ausreiseverbot der omanischen Justiz. Ein Autovermieter, dem sie das Auto wegen Mängel zurückgab, hat sie angezeigt. Die omanischen Behörden fackeln in solchen Fällen nicht lange. Während eines schwebenden Verfahrens dürfen die Beteiligten das Land nicht verlassen. Kiefers Verfahren, in dem sie später freigesprochen wird, zieht sich pandemiebedingt mehr als zwei Jahre.
Zuständig ist für die gebürtige Baden-Württembergerin nun der Kommunalverband für Jugend und Soziales (KVJS) in Stuttgart. Dort beantragt sie Unterstützung. Dazu gibt es im Sozialgesetzbuch einen besonderen Paragrafen. Dieser regelt, dass deutsche Staatsbürger in besonderen Härtefällen auch im Ausland Sozialleistungen beanspruchen können. Ein besonderer Härtefall ist etwa „hoheitliche Gewalt“, die die betreffende Person daran hindert, das Land zu verlassen.
Christine Kiefer ist sicher, dass dieser Paragraf auf sie zutrifft. Der KVJS weist sie an, ihren Antrag bei der Deutschen Botschaft in Maskat zu stellen. Der erste Besuch stimmt die Deutsche auch optimistisch. „Ein freundlicher Mitarbeiter hat meinen Anspruch bestätigt und noch ein paar Dokumente von mir gefordert.“ Als sie die Papiere drei Wochen später vorbeibringt, hat sich die Lage komplett geändert. „Eine sehr unfreundliche Frau erklärte mir, ich würde gar nichts bekommen“, sagt Kiefer. Sie beharrt darauf, dass Kiefer nach Deutschland ausreisen solle und dort Hilfe beantragen könne.
Verzweifelt versucht Kiefer der Botschaft zu beweisen, dass es eine Ausreisesperre gegen sie gibt. Doch selbst offizielle Dokumente, die nach dem Haager Abkommen mit einer Apostille versehen sind und von deutschen Behörden anerkannt werden müssen, lehnt die Botschaft ab. Erst Monate später erringt Kiefer einen kleinen Sieg. Ihr werden vom KVJS 360 Euro pro Monat zugestanden. Diese Summe beruht auf einer Empfehlung der Deutschen Botschaft.
Kiefer kann darüber nur den Kopf schütteln. „Das ist weniger als der Lohn eines philippinischen Dienstmädchens im Oman, das zusätzlich freie Unterkunft und Verpflegung erhält.“ Zudem hat Kiefer die Miete für ein großes Haus zu zahlen, das sie nicht so einfach kündigen kann. Sie beruft sich auf die Corona-Regeln in Deutschland, nach denen für die Zeit der Pandemie auch erhöhte Mieten übernommen werden.
Die Ausreise-Sperre im Frühjahr 2022
Als im Frühjahr 2022 die Ausreisesperre aufgehoben wird, macht sich Kiefer auf den Weg nach Deutschland. Den Mietvertrag für ihr Haus hat sie mittlerweile gekündigt. Mit dem Vermieter ist sie in ständigem Kontakt. „Er wusste, dass ich in Deutschland ein Verfahren führe, um Geld einzuklagen“, sagt sie.
Ohne Besorgnis kehrt sie deshalb immer wieder zurück in den Oman. „Ich habe dort meine Tochter und zwei Enkelkinder und meine gesamte Existenz.“ Das Tourismusgeschäft läuft wieder an. Vor allem aber will Kiefer ihren omanischen Geschäftspartner, der während der Krisenzeit zeitweise für sie bürgte, nicht im Stich lassen. Sie ahnt nicht, dass der Hauseigentümer mittlerweile einen Haftbefehl gegen sie beantragt hat. „Sonst wäre ich ganz sicher nicht geflogen.“
Die Schuld an ihrer Verhaftung gibt Christine Kiefer der Deutschen Botschaft in Maskat und dem KVJS in Stuttgart. Diese seien dafür verantwortlich, dass sich aus ihren finanziellen Problemen diese Katastrophe entwickelt hat. „Beide Behörden haben große Fehler gemacht“, sagt sie. So habe die Botschaft bei einer Anfrage zu ihrer Ausreisesperre beim Omanischen Außenministerium eine falsche Passnummer angegeben und deshalb eine falsche Auskunft bekommen. Kiefer fühlt sich im Stich gelassen und wirft der Mitarbeiterin der Deutschen Botschaft vor, bewusst falsche Informationen nach Deutschland weitergegeben zu haben.
Das Auswärtige Amt als übergeordnete Dienststelle der Botschaft sieht auf Anfrage unserer Zeitung kein Fehlverhalten der Botschaftsmitarbeiter. Kiefer sei im Rahmen ihres Antrags auf Sozialhilfe betreut worden. „Die Deutsche Botschaft Maskat ist den Mitwirkungspflichten an dem Verfahren fristgerecht nachgekommen“, heißt es in der Stellungnahme des Auswärtigen Amts,
Christine Kiefer sieht das anders. Sie hat Klage gegen den KVJS am Stuttgarter Sozialgericht eingereicht und fordert eine Nachzahlung der Kosten ihres Lebensunterhalts für die Zeit ihrer Ausreisesperre sowie die Übernahme der vollen damaligen Mietkosten. Dabei beruft sie sich auf Programme und Sonderregeln, die während der Corona-Zeit galten. „40 000 Euro müssten die mir zahlen inklusive der aufgelaufenen Zinsen“, hat sie ausgerechnet. Damit könnte sie ihre Schulden komplett tilgen und wäre eine freie Frau.
Momentan ist sie eine Gefangene, obwohl ihr Anwalt es geschafft hat, sie nach vier Wochen aus der omanischen Haft zu holen. Der Deal: Sie muss jeden Monat 350 Rial, etwa 850 Euro, als Schuldentilgung zahlen und darf das Land nicht verlassen. Gerät sie in Verzug, droht erneut Haft. So kann sie nur hoffen, dass sie in den kommenden Jahre genügend Aufträge als Reiseleiterin erhält. Doch der Tourismus ist ein labiles Gewerbe. „Der Gazakrieg, obwohl weit weg vom Oman, hat sich schon negativ ausgewirkt“, sagt Kiefer.
Darf sie zu ihrem 86-jährigen Vater, sollte ihm etwas passieren?
So sehr sie den Oman liebt, momentan fühlt sie sich dort nicht so recht wohl. Ihre große Angst: Dass ihrem 86 Jahre alten Vater in Deutschland etwas passiert und sie nicht zu ihm darf. Ihre ganze Hoffnung setzt sie auf den Gerichtsweg. Unzählige Dokumente hat sie zusammengetragen, viele Listen und eine Chronik der Ereignisse erstellt.
Kiefers Vorwürfe gegen die Botschaft und ihre Forderungen an den KVJS, der sich dazu nicht äußern will, muss das Gericht bewerten. Seit zwei Jahren liegt der Fall nun bereits beim Stuttgarter Sozialgericht. Noch gibt es keinen Verhandlungstermin. Warum es sich solange hinzieht, dazu kann der Gerichtssprecher nichts sagen. Sollte das Gericht ihre Vorwürfe anerkennen, kann Kiefer auf eine schnelle Schuldentilgung hoffen. Weisen die Richter ihre Klage ab, muss sie wohl noch viele Jahre im Oman bleiben. Das einstige Traumland ist ihr zum Gefängnis geworden.