Alleinerziehende Autorin erzählt „Ein Kind braucht nicht beide Eltern“

Autorin und Mutter: Anne Dittmann ist wütend und hat ein Buch gegen die Benachteiligung von Alleinerziehenden geschrieben. Foto: Kösel-Verlag/Birte Filmer

Anne Dittmann ist eine von rund 2,6 Millionen Alleinerziehenden mit Kind in Deutschland. Die Autorin erzählt in ihrem Buch, wie sie das Wechselmodell lebt, was sie von der Politik fordert und warum sie allen Frauen zu einem Ehevertrag rät.

Familie/Bildung/Soziales: Mathias Bury (ury)

Rund 1,5 Millionen Alleinerziehende mit minderjährigen Kindern leben in Deutschland. Rechne man dazu noch all jene mit älterem Nachwuchs, seien es sogar 2,6 Millionen, sagt die Autorin Anne Dittmann. Diese gesellschaftliche Gruppe müsse sich noch immer gegen Vorurteile wehren und sei stark benachteiligt.

 

Frau Dittmann, die Gruppe der Alleinerziehenden wächst. Eine Trennung mit Kind geht stark zulasten der Frauen.

Ja, das ist immer noch so: Neun von zehn Alleinerziehenden sind Frauen.

Darum haben Sie das Buch geschrieben.

Die Lage von Alleinerziehenden ist oft prekär. Die Einelternfamilie ist am häufigsten von Armut betroffen. Es kann nicht sein, dass jedes fünfte Kind in Armut aufwächst.

Wie viele der von Armut betroffenen Kinder leben bei Alleinerziehenden?

Das ist der größte Teil. Die zweitgrößte Gruppe sind kinderreiche Familien.

Sie sagen, es gebe gegenüber Alleinerziehenden bis heute Vorurteile.

Eines der Vorurteile ist, dass Eltern, die sich trennen, egoistisch seien. Das stimmt aber nicht. Und weil viele der Einelternfamilien in Armut leben, unterstellt man ihnen, sie seien faul oder inkompetent.

Dem setzen Sie die Haltung entgegen: Trennung als Akt der Emanzipation.

Bei Paaren, die nicht verheiratet sind und keine Kinder haben, trennen sich die Partner zu gleichen Teilen. In Ehen und Familien mit Kindern trennen sich aber überwiegend die Frauen. Sie sind durch eine Familie stärker belastet. Die Hausarbeit und die Pflege der Kinder sind immer noch ungleich verteilt. Aus dieser Lage befreien sich die Frauen.

Wie sagt man das den Kindern?

Die Eltern sollten dem Kind gemeinsam erklären, dass sie sich trennen, das Kind aber beide weiter behält. Man sollte dem Kind viel Sicherheit und Geborgenheit vermitteln, dass man es liebt, dass es keine Schuld hat. Wichtig ist, dass die Eltern wohlwollend übereinander sprechen. Es verletzt das Kind und geht gegen das Kindeswohl, wenn man den anderen Elternteil schlechtmacht. Das Kind identifiziert sich mit beiden. Wertet man einen ab, wertet man auch das Kind ab.

Wegen der miesen Finanzverhältnisse von Alleinerziehenden plädieren Sie für Eheverträge, man müsse eine mögliche Trennung immer mitdenken. Das machen aber 90 Prozent der Leute nicht.

Männer und Frauen unter 30 Jahren verdienen fast gleich viel. Das splittet sich auf, sobald Kinder da sind. Danach verdienen Frauen wesentlich weniger als Männer. Das ist ein großes Problem, wenn einer sich trennt. Man braucht einen Ehevertrag, der die ehebedingten Nachteile der Frau ausgleicht.

Wie viele Männer zahlen Unterhalt?

Nur 25 Prozent der Männer, die unterhaltspflichtig sind, zahlen den vollen Unterhalt, 75 Prozent nur zum Teil oder gar nicht.

Brauchen die Kinder beide Eltern?

Nein, sie brauchen nicht beide Eltern, um gesund aufzuwachsen – sie brauchen vor allem zugewandte Eltern. In Studien haben die Kinder, die nur einen liebevollen Elternteil haben, genauso gut abgeschnitten wie die Kinder mit zwei liebevollen Eltern.

90 Prozent der Alleinerziehenden leben im Residenzmodell, das Kind ist bei einem Elternteil, meist bei der Mutter.

Oft sind die Kinder stark an die Mutter gebunden, weil die meisten Familien traditionell leben, die Mutter zu Hause bleibt oder Teilzeit arbeitet. Das spitzt sich in einer Krisensituation wie in einer Trennung noch zu. Krisen verstärken, was vorher schon war.

Sie leben nach dem Wechselmodell: Das Kind ist abwechselnd bei beiden. Warum machen das so wenige?

Dazu braucht es viele Voraussetzungen. Wir haben zwei Wohnungen, die nur zwei Straßen voneinander entfernt sind, wir verdienen so viel, dass wir beide auf den Unterhalt verzichten können. Das erfordert auch eine sehr engmaschige Interaktion, das muss die Beziehung trotzdem leisten können. Wir sind fast täglich im Austausch. Mein Ex hat mir trotzdem eine Zeit lang das Kindergeld überlassen, bis ich mir ein höheres Einkommen erarbeitet hatte. Wenn er krank ist, bringe ich ihm auch mal ne Suppe.

Ihr Buch hat den Untertitel „Wut- und Mutmachbuch“. Wütend sind Sie wegen des Ehegattensplittings im Steuerrecht.

Das Ehegattensplitting steht quer zur Freiheit, dass wir uns trennen und scheiden lassen können. Das ist ein Anreiz für Eheleute, dass einer möglichst viel und der andere möglichst wenig verdient. Durch den Gender-Pay-Gap ist klar, dass die Frauen, die weniger verdienen, mit Kind dann die Arbeit noch weiter runterschrauben. Das ist total problematisch, wenn man sich trennen will.

Sie plädieren für die Einführung der Kindergrundsicherung.

Das ist der wirksamste Hebel, um Kinderarmut zu bekämpfen. Dadurch werden bestehende Leistungen zusammengefasst und als Barbetrag ausgezahlt. Es bringt halt nichts, wenn man den Leuten Steuererleichterungen gewährt wie den Kinderfreibetrag. Von dem profitieren am meisten die, die sowieso schon viel verdienen. Und wer wenig verdient, profitiert auch sehr wenig.

Sie fordern, dass die Sorgearbeit stärker im Berufsleben berücksichtig wird.

Wenn man will, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gelingt, führt kein Weg an einer 30-Stunden-Woche als Normalarbeitszeit vorbei. 40 Stunden sind nicht zu leisten. Wenn man Pausen und Fahrzeiten zur Arbeit einrechnet, ist man schnell zehn Stunden von zu Hause weg. Zwei- oder Dreijährige kann man keine zehn Stunden am Tag in der Kita lassen. Und wir müssen dafür sorgen, dass sich Männer mehr um ihre Kinder kümmern und ihre Arbeitszeit runterschrauben, damit die Frauen arbeiten gehen können.

Sie haben es mit Ihrem Ex-Partner gut hingekriegt. Trotzdem sind Sie irgendwann zusammengebrochen und haben eine Therapie gemacht.

Die Pandemie war für mich sehr sorgenvoll. Das Problem war aber auch meine innere Einstellung. Ich habe alles nur noch für mein Kind gemacht und mich nicht mehr mitgedacht. Inzwischen habe ich gelernt, auch Grenzen zu setzen, Vertrauen zu haben, loszulassen und mich wieder etwas mehr um mich selbst zu kümmern. Und ich bin pragmatischer und sage mir: Es muss nicht alles perfekt sein. Auch das trainiert man sich als Alleinerziehende an, weil einem jeder kleine Fehler so ausgelegt wird, dass man überfordert und eine schlechte Mutter sei.

Fachfrau für das Thema Alleinerziehende

Autorin
Anne Dittmann ist Journalistin, Kolumnistin und Autorin. Sie schreibt vor allem für Magazine wie „Brigitte“ und für „Brigitte“-Titel, aber auch für die „Süddeutsche Zeitung“ und die „Welt“. Die 32-Jährige ist Mutter eines Jungen im Grundschulalter und seit sieben Jahren vom Vater des Kindes getrennt, zunächst alleinerziehend, jetzt getrennt erziehend. Sie lebt in Berlin.

Buch
In der vorigen Woche ist Anne Dittmanns Buch „solo, selbst & ständig: Was Alleinerziehende wirklich brauchen – Ein Wut- und Mutmachbuch“ im Münchener Kösel-Verlag erschienen. Es hat 240 Seiten und kostet 18 Euro. ury

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