Eine Analyse zum Gewerkschaftsstreit Die IG Metall macht jetzt ihr eigenes Ding

Von Eine Analyse von  

IG-Metall-Chef Jörg Hofmann fordert eine „Neuerfindung“ des Gewerkschaftsbundes. Denn der anhaltende Streit um betriebliche Zuständigkeiten höhlt den Dachverband aus. Vorerst besinnt sich die IG Metall lieber auf sich selbst, analysiert Matthias Schiermeyer.

So einträchtig wie hier zwischen den Gewerkschaftsvorsitzenden Michael Vassiliadis (IG BCE), Reiner Hoffmann (DGB) und Jörg Hofmann (IG Metall, von links) geht es nicht immer und überall im Deutschen Gewerkschaftsbund zu. Foto: dpa
So einträchtig wie hier zwischen den Gewerkschaftsvorsitzenden Michael Vassiliadis (IG BCE), Reiner Hoffmann (DGB) und Jörg Hofmann (IG Metall, von links) geht es nicht immer und überall im Deutschen Gewerkschaftsbund zu. Foto: dpa

Stuttgart - Reformanstöße für den Gewerkschaftsbund gibt es seit langer Zeit – doch jetzt, mitten in einem fundamentalen Umbruch der Industriegesellschaft, scheint die IG Metall die Geduld mit dem DGB zu verlieren. „Wir brauchen unseren Dachverband als Sprachrohr“, betonte ihr neuer Vorsitzender Jörg Hofmann auf dem Gewerkschaftstag in Frankfurt. „Aber er muss neu erfunden werden.“

Was ihm konkret vorschwebt, lässt er bisher offen. Doch so weit hatte sich die IG-Metall-Führung noch nie aus dem Fenster gelehnt. Befördert wird ihre Entschiedenheit durch den Zerfall alter Branchengrenzen. Die Automobilkonzerne etwa zerlegen die Produktion der Fahrzeuge in kleinere Arbeitsschritte und suchen sich nach Möglichkeit die jeweils günstigsten Tarifbedingungen heraus – egal, mit welcher Gewerkschaft. Dadurch „taugt die alte Organisationsabgrenzung im DGB heute nicht mehr“, sagt Hofmann, weil die IG Metall etwa bei der Logistik, bei Entwicklungsdienstleistern oder dem Anlagenmanagement zuweilen das Nachsehen hat. Nun stemmt sie sich gegen den Einflussverlust und will wieder alle Stufen der sogenannten Wertschöpfungskette dominieren. „Für die Arbeitsvorbereitung bis zur Endmontage, für die Lagerverwaltung bis zur Produktion gilt: Wir brauchen ein System unterschiedlicher IG-Metall-Tarifverträge“, mahnt Hofmanns Vorgänger Detlef Wetzel in seinem aktuellen Buch „Arbeit 4.0“.

Kooperationsabkommen – vorerst ohne Verdi

Dass die Schwesterorganisationen nicht einfach weichen wollen, ist klar. Auf dem Verdi-Gewerkschaftstag in Leipzig schilderte die Vizechefin Andrea Kocsis aus dem Bereich der Kontraktlogistik: Die IG Metall sei in Betriebe gegangen, „in denen wir schon aktiv waren“. Sie habe „sich an der einen oder anderen Stelle breitgemacht, und das mit Erfolg: Fahne hoch, ihr seid alle IG Metaller“. Dies sei „kein Kavaliersdelikt“ gewesen. Kocsis gestand, dass die IG Metall einen „extrem guten Zugang in bestimmte Betriebe“ hat. Beispiel: Audi in Ingolstadt. Es sei eine „Herausforderung, dort erst einmal hereinzukommen“.

Um die Reibungen zu minimieren, die durch branchenübergreifende Prozesse entstehen, hat die IG Metall mit der Eisenbahngewerkschaft EVG, der IG BAU und der Chemiegewerkschaft IG BCE schon im April ein Industriebündnis vereinbart. Darin wurden Verabredungen getroffen, wie man Doppel- oder Mehrfachzuständigkeiten friedlich beseitigt. Das Abkommen nutzt vor allem der IG Metall.