Eine Begegnung mit Bastian Pastewka Midlife-Krise. Welche Midlife-Krise?

Von Antje Hildebrandt 

Nach sieben Staffeln wechselt Bastian Pastewka mit seiner Sitcom „Pastewka“ von Sat 1 zum Streamingdienst von Amazon – und genießt dort mehr Freiheiten denn je.

Der Mann, der sich selbst spielt: Bastian Pastewka in der Sitcom „Pastewka“ Foto: Sat 1
Der Mann, der sich selbst spielt: Bastian Pastewka in der Sitcom „Pastewka“ Foto: Sat 1

Stuttgart - Der Mann, der Pastewka erfunden hat, hat abgespeckt. Aber sonst sieht er aus wie Pastewka. Er redet wie Pastewka. Er gestikuliert wie Pastewka. Und wer weiß, vielleicht ist er es auch. Er sagt, er wisse das selber nicht mehr so genau: „Diese Figur hat mich von innen filtriert.“ Bewusst wird ihm das dann, wenn ihn Freunde darauf ansprechen. Er weiß nicht, wie oft er diesen Satz schon gehört hat: „Jetzt hör mal auf, so zu agieren, als seiest du in Deiner Sitcom.“

Nach 73 Folgen ist das gar nicht so leicht. Der Pastewka aus dem Fernsehen ist zwar nur eine Rolle, aber eine, die passt. Ein Fernsehverrückter. Eine Diva. Ein Weichei. Einer, der zielsicher in jeden Fettnapf tritt. Insgeheim fragt man sich ja, wie seine Serienfreundin Anne (Sonsee Neu) es mit ihm aushält. Und was noch kommen soll. Wo man doch nach sieben Staffeln dachte, man wisse alles über das ungleiche Paar. Über Pastewkas Freunde, die sich in der Serie auch alle selber parodieren: Anke Engelke, Annette Frier, Michael Kessler. Ja, die Serie sei im Grunde genommen auserzählt.

Aber dann sieht man den Trailer zur achten Staffel. Am Bildrand erscheint nicht mehr das Logo von Sat 1, sondern „Amazon Prime Video“, der Name des größten Video-on-Demand-Anbieters in Deutschland. Und man muss zweimal hinschauen, um sich zu vergewissern, dass er es wirklich ist. In einer Szene trägt er einen Bart, so zottelig, dass darin Tiere überwintern können. Er hat seinen Job als Klischee-Tunte in einer Fernsehshow geschmissen. Er hat sich mit seinem Bruder Hagen (Matthias Matschke) verkracht und seine Freundin Anne im Streit verlassen. Er bricht mit 45 Jahren zu einer Reise im Wohnmobil auf. Pastewka sagt: „Die Serienfigur Pastewka rutscht in eine selbstverschuldete Midlife-Krise.“

Workaholic und Serienjunkie

Man trifft ihn in einem Berliner Hotel in Kudamm-Nähe. Zur Begrüßung springt er von seinem Stuhl auf. Das hat er seiner Fernsehfigur voraus. Tadellose Manieren. Die Frage, was denn zuerst da war, die Midlife-Krise oder der Wechsel ins Bezahlfernsehen, entlockt ihm ein sonores Lachen. Von einer Krise will er nichts wissen. Das Haar trägt er jetzt ein bisschen länger. „Ein bisschen Pfeffer & Salz schaut schon durch“, hat seine Maskenbildnerin gesagt.

Er grinst. Ach, sagt er, das gesetzte Alter liege ihm. Er sei froh, kein Teenager mehr zu sein. Er sei nicht besonders beliebt gewesen, da er im Sportunterricht regelmäßig versagt habe. Wie hätte er gelitten unter seiner Zahnspange und den Hormonen, die aus jeder Niederlage ein K.O. machten. Eine Jugend in Bonn, hochgeklappte Bürgersteige. Kein Ort, der rockt. Wenn man Pastewka suchte, war er im Kino. Oder er schaute fern. Er sagt, „Tom & Jerry“ und die „Muppets-Show“ habe er geliebt. Erwachsenenhumor im Kinderprogramm.

Heute macht er, wovon er damals geträumt hat. Schreiben, Schauspielern, Hörbücher sprechen. Er ist seit zehn Jahren verheiratet. Seine Frau managt Comedy-Künstler und Schauspieler. Und glaubt man Pastewka, ist sie noch fernsehverrückter als er. Eine gute, wenn nicht gar unabdingbare Voraussetzung, um es mit ihm, dem bekennenden Workaholic und Serienjunkie, auszuhalten. Nach einer Krise sieht das nicht aus. Jedenfalls nicht privat. In einem Interview mit dem Magazin „Chrismon“ hat das neulich noch anders geklungen. Da hat er über den Generationswechsel in der Comedy gesprochen und darüber, dass jetzt Fünfundzwanzigjährige nachrückten, die alles anders definierten. Kollegen wie Luke Mockridge oder Hazel Brugger, die er bewundert für ihre Schnelligkeit, ihre Präzision und ihr Timing. „Und nur, weil ich ein bisschen älter geworden bin, gehöre ich nicht mehr dazu, oder was?“

Womit wir bei Amazon Prime Video wären, seinem neuen Auftraggeber. Und hier schließt sich der Kreis. Auf dem Portal laufen die alten „Pastewka“-Folgen schon seit drei Jahren. Mit Erfolg. Pastewka sagt, die Serie erreiche dort eine Klientel, die sich eben nicht nachts durchs TV-Programm von Sat 1 zappe. Das zeige ihm das Feedback in den sozialen Netzwerken. „Die Generation der Zuschauer, die halb so alt ist wie ich, schreibt dort: ,Habt Ihr schon diese komische Serie mit dem Pastewka gesehen, der sich selber spielt?‘ Es freut mich, dass diese User die Serie gerade neu entdecken.“

Narrenfreiheit für das Team

Neue Bühne, ein jüngeres Publikum. Pastewka und sein Team haben keine Sekunde gezögert, als ihnen Amazon Prime Video den Zuschlag für die achte Staffel gab. Er will sich nicht über Sat 1 beschweren. Er sagt, er habe gerne mit dem Redakteur zusammengearbeitet, der jahrelang alle seine Projekte betreut hatte. Aber im Sender habe es schon lange keinen festen Sendeplatz mehr für die halbstündige Sitcom gegeben. Sogar Fans hätten die Serie irgendwann nicht mehr gefunden. Im Bezahlfernsehen können sie einschalten, wann sie wollen. Ist das der Anfang vom Ende des Privatfernsehens? Pastewka winkt ab. Fernsehen sei doch Fernsehen, sagt er. Egal, ob man es auf dem Flachbildschirm, auf dem Tablet oder dem Handy schaue. Hauptsache, die Geschichte sei gut erzählt. Pastewka ist jetzt in seinem Element. Er ätzt über die unendliche Verlängerung der Hollywood-Blockbuster im Kino und schwärmt von „der kleinen Geschichte von nebenan“, die das Serienfernsehen wiederbelebt habe. Die englische Krimiserie „Line of Duty“ steht auf Platz eins seiner Top Five.

Die Drehbücher für „Pastewka“ werden jetzt nicht mehr gegengelesen. Das Team genießt absolute Narrenfreiheit. Ein Privileg, das im Zeitalter der political correctness nicht unterschätzt werden darf. Er sagt: „Pastewka darf in der Rolle sehr viel mehr sagen, als er es privat tun würde.“ Eine Midlife-Krise als Auftrag, sich neu zu erfinden. So versteht Pastewka „Pastewka“. Schließlich, sagt er, müsse sich die Sitcom nun gegen internationale Formate wie „Big Bang Theory“ behaupten. Erzählt wird jetzt horizontal, auch der Look ist hochwertiger geworden. Man sieht jetzt jeden noch so kleinen Pickel. Aber seine Figur ist ja eine Witzfigur. Die darf nicht nur grobporig aussehen. Sie muss es sogar.