Es sei ein „umwerfendes Erlebnis“ gewesen, hat die ehemalige Top-Gymnastin einmal über ihren Ausflug nach Athen gesagt. So umwerfend und überwältigend, dass sie manches gar nicht richtig realisiert habe. „Ich war einfach noch zu jung.“ Und schon die Vorbereitung auf Olympia war außergewöhnlich. Mit ihrer Trainerin Galina Krilenko war sie zur Vorbereitung auf die Spiele ins Olympische Trainingslager nach Kienbaum gereist. „Ich war dort ganz allein, das war schon ein eigenartiges Gefühl“, sagt Lisa Ingildeeva.
Eine zweite Chance hat es nicht gegeben
Da die Wettkämpfe in der Rhythmischen Sportgymnastik am letzten Wochenende waren, schaute sie die Eröffnungsfeier im Fernsehen und flog auch nicht mit einer Schar von Athletinnen und Athleten nach Athen, sondern nur mit ihrer Trainerin. „Neben mir im Flugzeug saß noch ein Gewichtheber, der zwei Plätze gebraucht hat.“ Der schwergewichtige Mann war der Österreicher Matthias Steiner, der vier Jahre später nach seiner Einbürgerung für Deutschland in Peking die Goldmedaille im Superschwergewicht gewann.
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Hätte Lisa Ingildeeva die Chance gehabt, vier Jahre später, in Peking, noch einmal dabei zu sein, hätte sie wahrscheinlich alles ganz anders wahrnehmen und verarbeiten können. Doch eine zweite Chance hat es für sie nicht gegeben. Wegen einer Fehlstellung der Hüfte beendete sie nach der verpassten Qualifikation für Olympia 2008 in Peking ihre sportliche Karriere. Ihr bleibt nur Athen und die Erkenntnis, dass nicht jede Erfahrung im Leben exakt zur rechten Zeit kommt. „Ich konnte in dem Alter alles noch gar nicht so richtig genießen. Auch nicht die Partys im Deutschen Haus“, sagt sie mit einem Lächeln. Bei der Schlussfeier war sie zwar dabei, erlebte sie aber „wie in Trance“. „Die vielen Sportler, die man nur aus dem Fernsehen kennt, die vielen Nationen, das sind so viele Eindrücke, die man als Teenager gar nicht verarbeiten kann.“
So unterscheidet sich Olympia von einer Weltmeisterschaft:
Lisa Ingildeeva erinnert sich aber auch an den Druck, der auf der einzigen deutschen Teilnehmerin in der Sportgymnastik lastete und an ihre Nervosität vor den Wettkämpfen, die mit nichts vergleichbar gewesen sei, was sie zuvor oder danach bei sportlichen Auftritten auf dem Teppich erlebt habe. „Bei einer Weltmeisterschaft fühlt man sich anonymer. Bei Olympia ist die Aufmerksamkeit größer, die Interviewanfragen sind zahlreicher, und man weiß genau, dass auch die Oma in Russland zuschaut“, sagt die gebürtige Moskauerin, die im Alter von sechs Jahren mit ihren Eltern nach Berlin kam und mit Zehn in den Bundesstützpunkt Schmiden wechselte.
Allzu viele Erinnerungsstücke von den Olympischen Spielen sind Lisa Ingildeeva nicht geblieben. Auch die blaue Eule, die ein Sponsor den Sportlerinnen und Sportlern in die Hand gedrückt hatte, damit sie Eulen nach Athen tragen, gibt es nicht mehr. „Ich hatte sie erst gar nicht mitgenommen, weil ich schon viel Gepäck hatte.“ Mental hatte sie danach ihr Päckchen zu tragen. Mit Platz 19 im Mehrkampf mit Reifen, Ball, Keulen und Band hatte Lisa Ingildeeva die Erwartungen nicht erfüllen können. „Alle hatten gehofft, dass ich den Einzug ins Finale schaffe. Reifen und Ball waren auch ganz gut, die Übung mit den Keulen war okay, aber das Band war eine echte Rausschmeißerübung.“
Mental hatte sie nach den Spielen ihr Päckchen zu tragen
Der unkontrollierte Flug des Geräts endete außerhalb der Wettkampffläche, und bedeutete zugleich eine unsanfte Landung in der Realität. Einen Zustand, den Lisa Ingildeeva kaum vier Jahre später erneut erlebte. „Als ich mit der Rhythmischen Sportgymnastik aufgehört habe, bin ich mit einem Schlag im Leben angekommen“, sagt die 32-Jährige, die nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaften in Hohenheim im Bereich Marketing- und Kommunikation in der Modebranche arbeitet und seit vergangenem Frühjahr wieder in Stuttgart wohnt. Davor hatte sie fast fünf Jahre in Rosenheim gelebt und gearbeitet.
Es gibt keine Gymnastin, die sie mitreißt
Die Wettkämpfe der Sportgymnastinnen in Tokio ohne deutsche Beteiligung wird sich Lisa Ingildeeva, die als Trainerin die A-Lizenz hat, anschauen. Obwohl Olympia ohne Zuschauer mehr den Charakter eines Podiumstrainings habe und es zurzeit keine Gymnastin gebe, die sie wirklich mitreiße. „Das war vor fünf Jahren mit Jana Kudrjawzewa, Margarita Mamun, Hanna Risatdinowa anders. Oder auch in der Ära davor mit Anna Bessonova. Das war noch meine Zeit.“