Hamburg - Wenn Jill Grigoleit morgens aufwacht, hört sie nichts als das leise Schwappen des Wassers, das die Boote am Steg sanft tanzen lässt. Hin und wieder hört sie Möwen kreischen und Nutrias planschen. Blickt die 36-Jährige aus dem Fenster, sieht sie der Natur direkt ins Auge. Die Gegend: sehr viel Bullerbü und ein bisschen Villa Kunterbunt. Familie Grigoleit macht sich die Welt, wie sie ihr gefällt.
Sie haben ihren eigenen Hafen
Seit zehn Jahren lebt Jill Grigoleit mit ihrem Mann Ole auf einem Hausboot. Seit acht Jahren im eigenen kleinen Hafen in Stöckte, südlich von Hamburg, in einem Seitenarm der Elbe. Das Dorf hat weniger als 2000 Einwohner. Hier wachsen ihre beiden Töchter Line und Morlin auf. Hier habe sie zum ersten Mal Heimatgefühle gespürt, erzählt Jill, die selbst nicht im Norden, sondern im Raum Stuttgart groß geworden ist.
Eine schwimmende Ruine
Wohnen auf dem Wasser – was man für einen lang gehegten Traum halten könnte, ist in Wirklichkeit aus der Not entstanden. „Dann bau ich uns halt was!“, hatte Ole trotzig in den Raum geworfen, als mal wieder eine Wohnungsabsage kam. Lange hatten die damals 26-Jährigen nach einer bezahlbaren Mietwohnung in Hamburg gesucht. Trotz abgeschlossener Ausbildung und erfolgreich absolviertem Studium schien die Lage aussichtslos. „Ohne festen Arbeitsvertrag hatten wir keine Chance.“ Dass Ole es mit dem Selber-Bauen ernst meinte, wusste Jill spätestens, als er ihr auf Ebay einen alten Stahlrumpf präsentierte. Eine schwimmende Ruine ohne Boden und ohne Innenwände. Preis: 6000 Euro.
Was sie hatten: kein Geld und keine Ahnung
Ole geriet ins Schwärmen. Er würde ihnen ein Hausboot bauen. Gemütlich, mit schönen Fenstern und einem Holzofen. Er, der gelernte Schiffsmechaniker und Sohn eines Kapitäns, würde das Schiff schon schaukeln. „Wir hatten kein Geld und keine Ahnung“, sagt Jill. Heute ist sie froh darüber, dass sie den Stahlkoloss, ohne lange nachzudenken, kauften. Sie bauten darauf ihr Zuhause. Nach drei Monaten zogen sie ein. „Am Anfang war alles improvisiert“, erinnern sich die beiden.
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Das Klo wurde auf einem Rollbrett hin und hergeschoben. Geheizt wurde im Kamin. Heute strahlt das Hausboot pure Gemütlichkeit aus und erinnert an ein Schwedenhäuschen. Die Grigoleits leben auf 100 Quadratmetern. Oben wird geschlafen, hier teilen sich die sechs und vier Jahre alten Schwestern ein Zimmer. Küche, Ess- und Wohnbereich gehen ineinander über. Durch das Panoramafenster blickt die Familie direkt aufs Wasser. Sie lebt im Einklang mit den Gezeiten, Seite an Seite mit Wildgänsen, Kuckucken, Spechten und Nerzen.
Jill hat die Stadt vermisst
Am Anfang hat Jill die Stadt vermisst, die Freunde, die Kultur. „Das Ankommen hat fünf, sechs Jahre gedauert.“ Heute sind die Grigoleits fest in die Dorfgemeinschaft integriert. Schule und Kindergarten sind ein paar Kilometer entfernt. Die sechsjährige Line fährt jeden Morgen mit dem Schulbus nach Winsen. Morlin wird mit dem Fahrrad oder mit dem Auto in den Kindergarten gebracht. An den meisten Tagen sind beide Mädchen zur Mittagszeit wieder zu Hause.
Die Kinder nur halbtags betreuen zu lassen, sei in der Gegend normal, sagt Jill. Mit den Töchtern in der Großstadt zu leben, kann sie sich nicht vorstellen. Bei manchen Großstadtmüttern hingegen erzeugt die Vorstellung, kleine Kinder so nah am Wasser aufwachsen zu lassen, Unbehagen. „Klar, in den ersten Jahren habe ich sie keine Sekunde aus den Augen gelassen“, sagt Jill. „Aber das ist in der Stadt mit den vielen Autos ja nicht anders.“
Line genieße es, den Klassenkameraden Geschichten vom Hausboot-Alltag zu erzählen
Line habe perfekt verinnerlicht, dass sie nie allein über die Brücke gehen darf, die den Steg mit dem Hafengelände verbindet. Anders Morlin, die auf dem Hausboot zur Welt kam. Die Jüngere sei ein Wirbelwind, eine, die das Abenteuer liebt. Von klein auf sauste sie ungeachtet aller Regeln über die Brücke. Dass sie anders wohnen als andere Kinder, sei lediglich der Großen bewusst, sagt Jill. Line genieße es, den Klassenkameraden Geschichten vom Hausboot-Alltag zu erzählen. „Manchmal trägt sie ganz schön dick auf.“
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6000 Quadratmeter groß ist das Gelände der Grigoleits. Auf der großen Wiese gibt es einen Spielplatz mit Trampolin und Rutsche. Neben einem Bürocontainer steht die Werkstatt, gegenüber ein Tiny House, in dem Verwandte und Freunde übernachten können. Verreist ist die Familie schon lange nicht mehr. „Von März bis Oktober sind wir fast nur im Freien“, erzählt Jill. Wer sich im Sommer abkühlen wolle, hüpfe einfach schnell von der Terrasse ins Wasser. Auf Jill hat das Wasser eine beruhigende Wirkung. Der Blick auf die vor sich hin dümpelnden Boote. Das leise Tuckern der Dieselmotoren. „Ich weiß, es klingt paradox, aber es gibt nichts, was einen mehr erdet, als auf dem Wasser zu sein.“ Jill und Ole Grigoleit haben ein Buch über ihr Leben geschrieben, „Heimathafen“ ist 2019 bei Ullstein erschienen.
In ihrem Hafen vermieten sie Liegeplätze
Durch den Kauf des Hafens hat sich das Paar auch beruflich neu orientiert. Die Familie vermietet in ihrem kleinen Jachthafen 50 Liegeplätze. Auch baut Ole mittlerweile individuelle Hausboote nach Kundenwunsch. Jill arbeitet Teilzeit als Pressereferentin und kümmert sich um die Vermietung des Ferienhausboots, das ihr Mann 2018 gebaut hat und das ebenfalls im Hafen liegt. „Wir würden gerne mehr im Tourismus machen“, sagt sie, „etwa Stellplätze für Wohnmobile vermieten.“ Doch die bürokratischen Hürden seien hoch.
Im Sommer ist im Hafen viel los
Leben auf dem Wasser – Jill Grigoleit bereut die Entscheidung nicht, auch wenn das bedeutet, dass es keinen Feierabend gibt. Die Privatsphäre bleibe auf der Strecke, weil immer jemand was von einem wolle. „Während andere im Sommer sonntags im Garten in der Sonne liegen, ist bei uns im Hafen die Hölle los.“ Dennoch: Etwas Eigenes zu haben, selbstbestimmt leben zu können, von keinem Vermieter oder Verpächter abhängig zu sein, für Jill und Ole wiegt die Freiheit mehr. Dass sie in zehn Jahren noch auf dem Hausboot wohnen, glaubt Jill allerdings nicht. Ole träumt von einer Produktionshalle im Hafen. Darüber könnte eine Wohnung entstehen mit viel Platz für die Familie. „Ich bau uns was“, hat er neulich gesagt.