Eine Flüchtlingsfamilie in Gerlingen Zum ersten Mal Verschnaufen

Der Tisch in der schmalen Wohnküche ist der Treffpunkt der Familie von Nadya und Nashuan Yasim. Ihre Töchter Nabaa und Heleen gehen jetzt ebenso in die Schule wie die Söhne Mohad und Mustafa. Foto: factum/Bach
Der Tisch in der schmalen Wohnküche ist der Treffpunkt der Familie von Nadya und Nashuan Yasim. Ihre Töchter Nabaa und Heleen gehen jetzt ebenso in die Schule wie die Söhne Mohad und Mustafa. Foto: factum/Bach

Nashuan Yasim und seine Familie haben eine lange Reise hinter sich. Nun sind sie seit einigen Monaten in Gerlingen und versuchen, hier eine neue Heimat zu finden. Die ersten Schritte sind schwer gewesen.

Ludwigsburg: Klaus Wagner (kwa)
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Gerlingen - Er erzählt alles auswendig, hat alle Daten im Kopf. Nashuan Yasim ist dankbar, dass er die Geschichte seiner Familie erzählen kann, dass ihm jemand zuhört. Immer wieder muss er zwischendurch raus aus der kleinen Wohnküche im Erdgeschoss des ehemaligen Archivhauses, in dem derzeit mehrere Flüchtlingsfamilien wohnen – es gibt Ärger, Streit, in derselben Sprache ausgetragen. Er nimmt seine Frau in Schutz, ruft die Kinder herein, weist eine keifende Mitbewohnerin in ihre Schranken. Die Menschen leben eng aufeinander Kein Wunder, dass es da ab und an zu Reibereien kommt.

Nashuan Yasim (38), seine Frau Nadya (27) und seine vier Kinder sind eine Familie – eine neue Familie in Gerlingen. Mit ihnen bekommt das Wort „Flüchtlinge“ ein Gesicht. Mit ihnen und Vaters Erzählungen wird klar, was Flucht bedeutet. Mohad, mit zwölf der älteste Sohn, hilft mit der Sprache, wenn das Englisch des Vaters und das des Besuchers nicht so recht zueinander finden. Als Menschen haben sie an einem nüchternen Tisch rasch zueinander gefunden. Mohad kann gut Deutsch – bis zu den großen Ferien war er wenige Monate lang in der Vorbereitungsklasse an der Realschule.

Plötzlich kamen die kurdischen Soldaten

Sie seien keine Araber, keine Kurden und auch keine Türken, erzählt Nashuan Yasim, sondern gehörten den Schabak an – als Volk eine Minderheit im Nordirak. Sie wohnten in einem Dorf etwa 30 Kilometer von der Grenze entfernt. Wohnten. Das ist Vergangenheit. 2010 habe die Armee begonnen, das Dorf zu schützen, 2014 seien die Soldaten gegangen. Ein Jahr später kamen die kurdischen Soldaten.

Am 28. August 2015 mussten alle Dorfbewohner weg, „innerhalb von einer oder zwei Stunden“. Hektisches Packen, alles ins Auto, ein Treck machte sich auf in die Türkei, auf staubigen Straßen, in brütender Hitze. Yasim zeigt auf dem Smartphon ein Video vom Checkpoint: Hunderte Autos, Dutzende Trucks, Gehupe, Stress.

Neun Tage waren sie in der Türkei, am 6. September setzten sie über nach Griechenland. Athen, dann ein großes Boot nach Mazedonien, Glück gehabt mit den Tickets, oft im Zelt geschlafen. „Die Kinder haben nachts geschrien vor Kälte.“ Yasim nimmt ein Blatt Papier, malt Kreise und Striche, Orte, Länder, Wege. Bald ist das Blatt voll. Serbien taucht auf, in der Türkei waren im Getümmel alle Pässe weg. „Wir sind einfach mit den anderen Leuten mitgegangen.“ Flüchtlinge lässt man so durch. Ungarn, Österreich. Immer weiter.

Lange Reise durch sieben Länder

Mohad hat zusammengezählt. „Es waren sieben Länder“, sagt der Zwölfjährige. Und weitere Stationen in Deutschland. Mit dem Zug in Mannheim angekommen – am 13. September, nachts um drei. Von der Polizei aufgefangen. Karlsruhe, Hartheim – und dann am 10. Januar 2016 in Gerlingen angelandet, zusammen mit sieben anderen Familien. Ihre Unterkunft: zwei Zimmer im alten Archiv, Toilette auf dem Flur. „Mohad, wie hast du das alles erlebt?“ Der Bub lächelt nicht mehr. Schweigt. „Wir sind jetzt in Deutschland. Fertig.“ Reden wir lieber über das Fußballspielen mit den Gerlinger Buben, über die Schule, über die Jonglier-AG, die er schon besucht hat. Auch der Junge leidet darunter, dass seine vierte Schwester, ein sechs Monate altes Baby, mit der Großmutter in einem Camp bleiben musste – noch vor der türkischen Grenze. Einmal im Monat kann die Familie mit der Oma telefonieren. In Gerlingen wollen sie bleiben, auch der Freundeskreis Asyl unterstützt sie. Der Vater sucht dringend eine neue Heimat für seine Familie.

Arbeit hat Nashuan Yasim bereits im Ort gefunden: Frank und Nicole Jutz haben den früheren Berufskraftfahrer in ihrem Autohaus angestellt. Sein Führerschein wird zwar hier nicht anerkannt, und auch sonst gibt es viel Bürokratie, aber „Herr Yasim arbeitet sehr fleißig als Reifenmonteur und Werkstatthelfer, er begreift schnell“. Sie werden ihm freigeben, versichert Nicole Jutz, wenn bald der zweite Deutschkurs beginnt. Ihre Motivation für dieses Engagement? „Wir wollen etwas zurückgeben“, meint Nicole Jutz, „meine Großeltern mussten 1946 aus Ungarn fliehen“. Die sind damals auf den Fildern gelandet.




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