Eine Frau an der Spitze eines Baumarkts Für Christina Almert „völlig natürlich“

Christina Almert ist Chefin bei Hagebau Bolay mit Standorten in Rutesheim, Ditzingen und Oberndorf. Foto: Jürgen Bach

Christina Almert ist bekannt als Chefin von Hagebau Bolay. Und nicht nur das: Seit 25 Jahren ist sie Gemeinderätin in Rutesheim und im Vorstand der IHK.

Eine Frau an der Spitze eines Unternehmens? Für Christina Almert ist das so selbstverständlich wie für andere Milch zum Kaffee. „Ich bin so aufgewachsen und habe es nie anders kennengelernt“, erzählt die Geschäftsführerin von Hagebau Bolay in Rutesheim, mit weiteren Standorten in Ditzingen und Oberndorf. Ihre Eltern haben 1957 in Rutesheim die Firma Bolay Baustoffe gegründet und haben diese gemeinsam geleitet. „Für mich war das daher immer etwas ganz Natürliches.“ Anderen Frauen rät sie daher zu mehr Selbstvertrauen dabei, ihre Ziele zu verwirklichen.

 

Was heute als Hagebau Bolay bekannt ist, hat einst als ganz kleine Firma in der Ortsmitte von Rutesheim angefangen. Schon Mitte der 1960er erfolgte der Umzug in das heutige Gewerbegebiet Schertlenswald, das es damals noch gar nicht gab. „Bolay Baustoffe war das erste gewerbliche Grundstück hier. Das alte Wohnhaus sieht man heute noch“, sagt Christina Almert und weist von ihrem Büro mit den großen Panoramafenstern über den weiten Platz vor dem Hagebaumarkt auf ein weißes Gebäude.

„Wir haben hier eine Zukunftsperspektive gesehen“

Für die fünf Kinder der Bolays kam irgendwann der Tag, an dem sie sich entscheiden mussten: Möchten sie in die Firma der Eltern einsteigen oder eine andere Richtung einschlagen? „Mein älterer Bruder Frieder und ich entschieden uns zu bleiben.“ Aus gutem Grund: „Wir haben hier eine Zukunftsperspektive gesehen“, sagt sie. Beide spielten mit dem Gedanken, in den Einzelhandel einzusteigen. Denn Bolay Baustoffe war zu der Zeit, Mitte der 1980er, noch ein reiner Großhandel. Den Baumarkt für Privatkunden gab es noch nicht. „Meine Eltern wollten dieses Risiko nicht mehr eingehen, etwas ganz Neues zu machen. Aber mein Bruder und ich wollten etwas Eigenständiges aufbauen.“

Ein Baumarkt mit Selbstbedienung, in dem jeder sich aus dem Regal nimmt, was er bis dahin nur beim Elektriker oder anderen Fachhändlern bekommen hat: Was heute eine Selbstverständlichkeit ist, kannte man Ende der 80er in Deutschland noch kaum. „Natürlich war da ein Risiko dabei, das ist immer so, wenn man sich selbstständig macht“, sagt Christina Almert. „Aber am Ende war es ein Selbstläufer, und wir konnten sogar ziemlich schnell erweitern.“ Von einst 15 Mitarbeitern ist das Unternehmen auf mittlerweile rund 250 angewachsen.

Christina Almert und Frieder Bolay teilen sich die Aufgaben

Die Aufgaben als Geschäftsführer teilen sich Christina Almert und ihr Bruder, Frieder Bolay. Sie ist für die Baumärkte sowie für das Personal und die Finanzen verantwortlich, ihr Bruder für den Baustoffhandel und das Gebäudemanagement. „Da wir das von unseren Eltern immer so vorgelebt bekommen haben, dass Frauen und Männer gleichberechtigt nebeneinander arbeiten, war das bei uns nie ein Thema“, erzählt sie. Und das sollte es ihrer Meinung nach für andere auch nicht sein. „Man muss es sich nur zutrauen und sagen: Ich möchte es.“

Dass es für Frauen trotzdem große Hürden geben kann, weiß sie selbst. Gerade, wenn es um die Familienplanung geht. „Ich habe selbst Kinder und hatte das Glück, dass meine Familie in der Nähe gewohnt hat und sich kümmern konnte. Denn damals war das mit der Kinderbetreuung noch sehr viel schwieriger, mein Sohn ist mit vier Jahren in den Kindergarten gekommen.“

Phasenweise habe sie in Teilzeit gearbeitet. Ganz aufzuhören und in der Freizeit dann klischeehaft „im Café zu sitzen und Kaffee zu trinken“, sei aber nie eine Option gewesen. Bei ihrem zweiten Kind ging sie zwei Wochen nach der Geburt schon wieder arbeiten. „Es ging damals nicht anders, aber ich wollte das auch. Ich wollte weitermachen.“ Und nicht nur dort. Christina Almert ist außerdem seit fast 25 Jahren CDU-Gemeinderätin in Rutesheim, bei der IHK (Bezirkskammer Böblingen) ist sie stellvertretende Präsidentin und war dazu die erste Frau im Rotary Club Leonberg-Weil der Stadt.

Almert: Frauen sollten sich mehr zutrauen

Ihr sei klar, dass manche Frauen Angst haben, ihre Kinder zu vernachlässigen, wenn sie wieder arbeiten gehen. Von dem Gedanken müsse man sich aber lösen können, solange die Kinder gut betreut werden. „Männer haben da auch kein schlechtes Gewissen.“ Sie wünsche sich, dass mehr junge Frauen sagen: „Mein Beruf ist mir wichtig, ich habe ein Ziel“, ohne das Gefühl zu haben, sich zwischen Beruf und Familie entscheiden zu müssen. Wenn dann die Kita-Plätze fehlen, sei das natürlich ein großes Problem. „Für viele scheitert es daran.“

Wichtig wäre aus ihrer Erfahrung vor allem eines: Dass Frauen sich und anderen Frauen mehr zutrauen. „Man sieht das oft bei Wahlen“, sagt Christina Almert. „Selbst wenn auf den Listen 50 Prozent Frauen stehen und 50 Prozent der Wähler weiblich sind, werden am Ende trotzdem mehr Männer gewählt.“ Frauenquoten brächten zudem nur dann etwas, wenn die Frauen das nötige Selbstvertrauen mitbringen, um sich zu bewerben. Auch in scheinbar männerdominierten Berufszweigen. Dahingehend weiß Christina Almert sehr gut, wovon sie spricht. Denn was könnte „männerlastiger“ sein als Baumärkte und Baustoffhandel? Sie schränkt aber direkt ein: „45 Prozent der Kundschaft im Baumarkt sind weiblich.“ Warum also sollte das nicht für die Geschäftsführungen gelten? „Als Frau bringt man eben einen anderen Blickwinkel mit ein.“

Frauen in Führungspositionen

Die Serie
 Im Krankenhaus, im Maschinenbaubetrieb, im Rathaus: Wir porträtieren in einer Serie Frauen, die auf der Karriereleiter ganz nach oben geklettert sind. Dass Frauen in der Chefetage nach wie vor deutlich unterrepräsentiert sind, zeigen die Zahlen.

Die Zahlen
 Laut der Online-Plattform Statista beträgt im Jahr 2023 der Frauenanteil in Führungspositionen in Deutschland gerade mal 24 Prozent. In Baden-Württemberg sind es 22,2 Prozent. Nur in Bremen sieht es mit 19,5 Prozent noch schlechter aus. An der Spitze: Brandenburg mit 29,5 Prozent.

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