Eine Frau spricht über ihre Fehlgeburten Sechsmal schwanger – und kinderlos

Die Statistik sagt, dass jede sechste Frau schon eine Fehlgeburt hatte. Diese Zahl bezieht sich auf Frauen, bei denen die Monatsblutung ausblieb und deren Schwangerschaftstest positiv war. Foto: eldarnurkovic - stock.adobe.com/eldar nurkovic

Christina Diehl träumte von einem Leben mit Kindern. Doch immer wieder hat sie ihr Kind verloren. Eine Geschichte über Liebe, Leid und Loslassen.

Stuttgart - Christina Diehl führt ein Leben auf der Überholspur. Zehn Jahre arbeitet sie als Redakteurin bei einer Frauenzeitschrift in Hamburg. Als Ressortleiterin reist sie um die Welt, produziert Modestrecken auf Mallorca, in den USA und Südafrika. Christina Diehl ist gesellig, immer gut gelaunt. Eine jener Strahlefrauen, denen alles zu gelingen scheint. Mit Anfang dreißig zieht sie nach Köln. Wieder arbeitet sie bei einem Verlag. Und sie verliebt sich in einen Mann, mit dem sie fortan ihr Leben teilt. Mit dem sie irgendwann beschließt, ein Kind zu bekommen.

 

Immer wieder wird sie schwanger

An dieser Stelle könnte die Geschichte enden. Aus zwei Menschen werden drei. So einfach. So alltäglich. Doch Christina Diehls Geschichte geht anders. Sie ist Mitte dreißig, als sie schwanger wird. Elf Wochen später verliert sie das Kind. Einfach so. Die Frauenärztin macht kein großes Bohei darum. „Das kommt häufig vor.“ Für Christina Diehl bleibt die Zeit stehen. Noch lange nach der Ausschabung in der Klinik fühlt sie sich wie betäubt.

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Sie wird wieder schwanger, die Szene bei der Frauenärztin wiederholt sich. Während des Ultraschalls verstummt die Gynäkologin. Zehnte Schwangerschaftswoche. Kein Herzschlag mehr. Christina Diehl zieht es den Boden unter den Füßen weg. „Ich hatte kaum Kraft zu reden. Im Bett, auf dem Sofa, überall lag ich klein zusammengerollt und wartete auf eine Erklärung für das Unfassbare.“

Nach der dritten Fehlgeburt beginnt sie eine Psychotherapie

Damals weiß sie noch nicht, dass sie vier weitere Schwangerschaften erleben wird. Und dass keins ihrer Kinder zur Welt kommen wird. Nach der dritten Fehlgeburt beginnt sie eine Psychotherapie. Sie ist wütend auf alle, vor allem auf Frauen, die einfach so schwanger werden können. Die Ärzte sind ratlos. Christina Diehl und ihr Partner lassen sich in Spezialkliniken untersuchen. Beide sind gesund. Weder gibt es genetische Gründe für die Fehlgeburten, noch sind die Hormone schuld. „Wir waren ein Sonderfall“, sagt Diehl. „Ein Arzt meinte: Das ist eine Laune der Natur.“ Diehl recherchiert auch selbst und stößt auf Heilpraktiker, Kinderwunsch-Coaches und Profis aus der chinesischen Medizin. Es nützt nichts. Der vierte Embryo nistet sich im Gebärmutterhals ein. Ein langer Klinikaufenthalt folgt. Zum ersten Mal hat sie Angst um ihr Leben.

„Alle haben Kinder, nur ich nicht.“

Sie macht eine Reha in Bad Schlangenbad. Versucht, mithilfe von Meditation, Sport und Kunst aus dem tiefen Tal zu kommen. Manchmal geht sie in den Wald und schreit ihren Schmerz heraus. Sie fühlt unbändigen Zorn. In ihren Augen hat ihr Körper versagt. „Ich schaffe es nicht, meinem Freund ein Kind zu schenken. Meinen Eltern ein Enkelkind. Habe ich was übersehen? Noch nicht alles gegeben? Alle haben Kinder, nur ich nicht. Die Uhr tickt. Ich werde im Alter ganz allein sein.“

Eine 70-jährige Patientin erzählt von der eigenen Tochter, die an Krebs gestorben ist und zwei kleine Kinder zurückgelassen hat. Sie sagt ihr: „Du hast dein halbes Leben noch vor dir. Das alleine ist ein großes Geschenk.“

Nach dem fünften Versuch nimmt sich das Paar eine Auszeit

Diehl beginnt zu grübeln. An ihrem 40. Geburtstag fliegt sie mit ihrem Freund nach New York. Eine Freundin nimmt sie mit zur Meditation. Ganz langsam lässt sie den Gedanken zu: „Es gibt nicht nur einen Weg, um glücklich zu sein.“ Die Psychotherapeutin analysiert mit ihr die Gründe für den Kinderwunsch und rät ihr, mit einer Mutter mal ungeschönt über deren Alltag zu sprechen. Diehl fragt sich, ob sie unbewusst die traditionelle Vorstellung der Großeltern vom Kinderkriegen verinnerlicht hat. Erhofft sie sich Zugehörigkeit und Anerkennung durch ein Baby?

Nach dem fünften Versuch nimmt sich das Paar eine dreimonatige Auszeit, reist durch Australien und Südostasien. Ein letzter Versuch noch, dann wollen sie den Traum gehen lassen.

Sechsmal schwanger in fünfeinhalb Jahren

Christina Diehl war in fünfeinhalb Jahren sechsmal schwanger. Elfmal wurde sie operiert. Die letzte Fehlgeburt liegt nun sechs Jahre zurück. Wer heute mit ihr spricht, spürt ihre Lebensfreude und Energie. Lange hat sie nicht gewusst, dass jede fünfte Frau eine Fehlgeburt erlebt. „Warum spricht denn niemand darüber?“, fragte sie sich und veröffentlichte auf einem bekannten Blog erstmals ihre Geschichte – anonym. Mails voller Dankbarkeit kamen zu ihr zurück. Die Blogbetreiber luden sie ein, vor 3000 Menschen über das Geschehene zu sprechen. Seitdem versucht Christina Diehl, Menschen zu sensibilisieren, die keine Vorstellung davon haben, wie es Frauen geht, für die das Kinderkriegen nicht die einfachste Sache der Welt ist. „Es bewegt sich was“, sagt die 47-Jährige.

Psychologische Hilfe ist nicht vorgesehen

Diehl wünscht sich für betroffene Frauen mehr Verständnis, auch von den Ärzten. „Wenn man um das verlorene Kind weint, heißt es oft: Sie wissen aber schon, dass das ganz oft passiert?“ Psychologische Hilfe sei nicht vorgesehen. Dass sie Anspruch auf die Begleitung durch eine Hebamme haben, wüssten viele nicht. Auch nicht, dass eine operative Entfernung nicht die einzige Möglichkeit ist nach einer Fehlgeburt.

Diehl möchte Frauen sichtbar machen, die Ähnliches durchgemacht haben wie sie. „Niemand soll sich mehr allein fühlen.“ Über ihre Erlebnisse hat sie ein Buch geschrieben: „Netter Versuch, Schicksal: Wie ich die innere Leere nach meinen Fehlgeburten wieder füllen konnte“ (mvg-Verlag). „Wir sollten offen über Fehlgeburten reden“, sagt sie. Diehl wünscht sich auch einen anderen gesellschaftlichen Blick. Sie möchte Frauen den Druck nehmen, ein Kind haben zu müssen. „Das ist nicht mehr zeitgemäß. Es gibt viele Paare, die sich bewusst gegen Kinder entscheiden. Trotzdem wird das noch befeuert. Man hat das Gefühl, nur mit Kindern vollständig zu sein.“

Ihre Partnerschaft hat die schwierigen Jahre überstanden

Sie ist froh, dass sie loslassen konnte und ihre Partnerschaft die schwierigen Jahre überstanden hat. „Wir lassen die positiven Dinge wieder rein. Sie sind größer geworden.“ Vor drei Jahren ist Christina Diehl Tante geworden. „Ich liebe das Kind meines Bruders“, sagt sie. Die Wut und Trauer hat sie hinter sich gelassen.

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