Eine Jahrhundert-Geschichte Das „Ungeheuer“ überleben

Ein kurzes Glück: Hede und Walter Münz im Sommer 1960. Foto: Gerhard Fritz

Das fast 100- jährige Leben der Stuttgarterin Hedwig Münz, die aus einer jüdischen Familie stammte, war von Schicksalsschlägen begleitet – trotzdem fand sie immer wieder Kraft.

Stadtleben/Stadtkultur: Jan Sellner (jse)

Die Geschichte der Hedwig „Hede“ Münz erreicht die Redaktion in einem Briefumschlag. Darin ein Beitrag von Gerhard Fritz, ehemals Professor für Geschichte; er hat das bewegte Leben der in Stuttgart geborenen jüdischen Sängerin und Geigerin mit seiner Frau Monika Fahrner-Fritz nachgezeichnet. Der Brief enthält außerdem Kopien persönlicher Aufzeichnungen von Hede Münz. Bei der Auflösung ihres Zimmers im Altenheim Hohenstein in Murrhardt, wo sie seit 1988 lebte und am 25. Mai 2005 im Alter von 97 Jahren starb, wären sie um ein Haar entsorgt worden.

 

Der Briefumschlag enthält Spuren eines Lebens, in das der Krieg tief eingeschnitten hat, wie in das Leben von Millionen anderer Menschen auch. Und doch war es einzigartig. Auch in der Dichte dessen, was sich in dieser Lebensspanne ereignete. Den Anfang markiert der 25. Januar 1908, als Hedwig Schack in der Schlossstraße 12a Stuttgart geboren wird als zweijüngste von vier Schwestern, die es später in alle Welt verschlagen wird.

„Au hend Sie aber en Schwobaschädel“, sagte der König

Hedwigs Mutter, Natalie Schack, stammt aus Stuttgart. Ihr Vater, Hugo Schack, ist aus Prag zugewandert. Die Kinder amüsieren sich darüber, dass er „Bretchen“ sagt statt „Brötchen“. Die Eltern sind jüdischer Abstimmung, beide lieben klassische Musik und Literatur. Hedes Großvater mütterlicherseits, Levi Jacob, betreibt ein Musikhaus in der Hauptstätter Straße 32a, das dann ihr Vater übernimmt. Später eröffnet er ein weiteres Musikaliengeschäft im Salamander-Haus in der Königstraße. Hede wächst mit Musik auf. Sie lernt Geigenspielen, das ihr „ans Herz wächst“.

Die Kindheit hält heitere Momente bereit. In der Familie erzählt man sich die Geschichte, wie Hedes Mutter als junge Frau einmal geschäftlich mit dem König zu tun hatte. Sie sollte ihm Grammophone vorstellen. Bei dem Treffen im Neuen Schloss entglitt Wilhelm II. der Zwicker. Als sie sich danach bückte, stießen sie mit den Köpfen zusammen: „Au, hend Sie aber en Schwobaschädel“, entfuhr es dem König. Und dann fing auch noch ihre Hutfeder an einer Kerze Feuer, worauf der Monarch ihr eine Decke über den Kopf warf, um die Flamme zu löschen. „Lebet Sie no?“, fragte Wilhelm II., als er das Tuch lüftete. Zu seinem Kammerherr sagte er: „Das Fräulein brennt!“

Hedwig Schack im Jahr 1933 Foto: Gerhard Fritz

Eine Familienanekdote. Hede Münz trägt sie Gerhard Fritz 1997 vergnügt vor. Ausführlich erzählt sie ihm damals von ihrem Leben, das behütet in Stuttgart begann. Doch auch diese frühen Jahre sind nicht unbeschwert: „April 1915, 1. Schultag (in der Charlotten-Realschule), im Keller verbracht. Fliegerangriff“, hält sie in ihren Notizen fest. Schon damals gibt es vereinzelt Luftangriffe. Der Erste Weltkrieg, so erzählt sie, „brachte von Woche zu Woche mehr Leid“.

Auf das Kriegsende folgt die Revolution, dann die Republik. Die liberal denkende Familie kommt in der neuen Zeit zurecht. Das Musikgeschäft läuft. Hede „vervollkommnet“, wie sie sagt, ihr Geigenspiel und wird Sängerin. Religion spielt bei den Schacks keine große Rolle. „Wenn wir uns für Juden engagierten, dann weniger aus religiösen, sondern aus allgemein humanitären Gründen“, berichtet Hede Münz später. Doch der Antisemitismus ist immer da. Schon in der Schule erlebt sie, wie jüdische Mitschülerinnen mit Vorhaltungen konfrontiert sind. Dann werden es offene Feindseligkeiten: Mit der Machtergreifung Hitlers „wurde das Leben für Juden unerträglich“, erzählte sie.

Ihr Vater wollte auf die SA-Leute losgehen

Damals, 1933, ist sie 26 und ihre Familie unmittelbar betroffen. Am „Boykott-Tag“, dem 1. April 1933, tauchen vor ihrem Musikaliengeschäft im Salamander-Haus SA-Leute auf. Am Schaufenster kleben Zettel mit der Aufschrift: „Kauft nicht bei Juden!“ Ihr Vater ist kaum zu bremsen. „Er muss von meiner Mutter gehalten werden, ebenso unser ,arischer‘ Techniker, um die ,Hitlerhelden‘ nicht zu verdreschen“, notiert sie, „sie wären im KZ gelandet.“ Wenige Wochen später sieht sie, wie Nazis, die Fahne vom Gewerkschaftshaus herunterreißen – und spürt die bösen Blicke von Umstehenden.

Sie wird auch Zeugin, wie „ein Mob“ einen Priester mit Eiern bewirft, der in der St. Eberhardskirche eine NS-kritische Rede halten will. 1935 verbieten die Nazis ihr, Schlager im Süddeutschen Rundfunk zu singen, wo sie es zu einiger Bekanntheit gebracht hat. Ihr Lebensprinzip ist jetzt, „um keinen Preis aufzufallen“. Bewusst kleidet Hede sich grau.

Der Vater glaubt noch an das Gute. „Uns tun sie nichts.“ Diesen Satz hat sie lange im Ohr. Hedes Schwester Grete will die Eltern überzeugen, nach Palästina auszuwandern. Sie wollen nicht. Hede will. Sie ist keine Zionisten, doch die „Zustände in Deutschland“ sind für sie „unerträglich“ gewordenen. Mühsam bringt die Familie das Geld dafür auf. Ihr Vater verabschiedet sie mit den Worten: „Ihr werdet das Ende des Ungeheuers erleben. Wir nicht.“ Auch ihn beschleichen jetzt Vorahnungen.

Die Eltern: Natalie und Hugo Schack. Beide werden in Auschwitz ermordet Foto: Gerhard Fritz

Am 1. Januar 1936 besteigt Hede ein Schiff nach Tel Aviv. An Bord erklingt „Muss i denn zum Städtele hinaus“ . . . In Haifa trifft sie ihre Schwester Grete. Sie notiert: „Wir sind beide entwurzelt. Ich sterbe vor Sehnsucht nach meinem Beruf, Geigen, Singen, den Eltern.“ Hede schlägt sich als Hausgehilfin, Kindermädchen, Ladenfräulein durch. Irgendwann findet sie auch dort einen Zugang zur Musik. Leben kann sie davon kaum.

Dann ein kurzer und sehr intensiver Moment der Hoffnung: „1938 Besuch meiner Mutter“, schreibt sie. Und: „Ich werde verrückt vor Freude. Wir besprechen alles, dass die Eltern so bald wie möglich kommen sollen.“ Dann notiert sie: „Mutter fährt zurück. Ich weine einen Tag und eine Nacht – weiß, dass ich sie das letzte Mal gesehen habe.“ Sie wird recht behalten.

In der Reichspogromnacht am 9. November 1939 wird ihr Musikaliengeschäft in der Hauptstätter Straße verwüstet. „Die Nazis warfen ganze Klaviere und Flügel auf die Straße“, erfährt Hede später.

„Wir werden verschickt“ stand auf einer Postkarte aus Deutschland

Als der Zweite Weltkrieg ausbricht, meldet Hede sich bei der britischen Armee zum militärischen Hilfsdienst. Sie kommt in ein Camp in der ägyptischen Wüste, wo sie Büroarbeiten verrichtet. Später singt sie in Kairo für deutsche Kriegsgefangene. Kontakt nach Deutschland hat sie keinen mehr. Es gibt nur die Postkarte einer Frau, die als Köchin bei ihren Eltern arbeitete. „Wir werden verschickt“, steht darauf. Und der Brief eines Freundes, in dem indirekt von Deportationen die Rede ist. Hede ist schockiert. „Ich besaufe mich zwei Nächte lang mit einem Kameraden“, schreibt sie, die sonst nie trinkt.

Ein Auftritt in den 1950er Jahren in Paris Foto: Gerhard Fritz

Immerhin: Hede erlebt „das Ende des Ungeheuers“. Nach Kriegsende entschließt sie sich, nach Europa zurückzukehren – auch aufgrund der wachsenden Spannungen in Palästina. Kurz hält sie sich im zerstörten Stuttgart auf, dann geht sie nach Paris, das ihr neuer Lebensmittelpunkt wird. Sie lernt an der katholischen Universität gregorianisches Singen und trifft auf ihre „zwei Engel“ – die Geistlichen Père Gaston Brillet und den Jesuiten Teilhard de Chardin. Letzterer hilft ihr eine für sie „fürchterliche Zeit“ zu bestehen. Es ist jene Zeit, als sie vom Tod ihrer Eltern erfährt. 1941 wurden sie in Auschwitz ermordet. Ihre Namen sind heute in der Gedenkstätte „Zeichen der Erinnerung“ am Stuttgarter Nordbahnhof zu lesen. Stolpersteine gibt es für Natalie und Hugo Schack noch keine.

Mit der Witwe von Kurt Tucholsky waren sie befreundet

Ihr Leben ist beschwert, doch es geht weiter. 1950 tritt Hede zum Katholizismus über. Im selben Jahr lernt sie in Paris ihren künftigen Mann Walter Münz kennen, einen jüdischen Architekten aus Berlin, der rechtzeitig hatte fliehen können. Münz war mit dem Schriftsteller Kurt Tucholsky bekannt, der sich 1935 das Leben genommen hat. Gemeinsam besuchen sie Tucholskys Witwe Mary Gerold, mit der sie sich eng befreunden.

Es folgt ein einjähriger Aufenthalt in Nairobi. Dann entschließen die beiden sich zu einem „Neuanfang in meiner Heimatstadt Stuttgart“, wo sie 1959 „Hochzeit ganz im Stillen feiern“. Hede Schack ist jetzt Hede Münz und erlebt eine „schwere, aber unendlich glückliche Zeit“. Negativ berührt ist sie vom „Wirtschaftswunder-Protzentum: Die scheinen nicht gelitten zu haben, auch nicht ihr Gewissen“, schreibt sie. 1960 geht das Paar nach Israel: „Versuch, dort eine Existenz aufzubauen statt in Deutschland“, notiert sie. Es bleibt bei dem Versuch. 1961 kehren Hede und Walter Münz nach Stuttgart zurück und ziehen in die Danneckerstraße. Sie unterrichtet Französisch, Englisch, Gesang und Geige. Er hält Vorträge und arbeitet als Fachredakteur.

Die Waldorfschule am Kräherwald wird ein wichtiger Bezugspunkt

1962 stirbt Walter Münz unerwartet. Wieder ein Schicksalsschlag und wieder fängt Hede Münz neu an. Die Waldorfschule am Kräherwald spielt dabei eine wichtige Rolle: „Freunde brachten mich als Lehrerin an die Kräherwaldschule“, berichtet sie – „und so wuchs ich in die Anthroposophie hinein.“ 25 Jahre gibt sie dort Geigenunterricht. Sie hat ein großes Herz für Kinder.

Monika Fahrner-Fritz, die Hede Münz 1990 kennenlernte, nennt sie eine „faszinierende Persönlichkeit“: „Ihre Ausstrahlung war immer positiv, obwohl ihr Leben fast nur aus Umbrüchen und einer Kette von Schicksalsschlägen bestand. ,Fabelhaft‘ war eines ihrer Lieblingswörter.“ Man darf sich Hede Münz als versöhnten Menschen vorstellen.

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