Kalter Ostwind, endlose Weite: Die Reutlingerin Katharina Koch, Jahrgang 1997,erzählt von ihrem freiwilligen ökologischen Jahr auf der Hallig Hooge.

Hooge - Wir brechen früh am Morgen auf. Das Watt ist kalt unter den Füßen. Hinter uns geht die Sonne auf und taucht alles in ein wunderschönes Licht. Das Einzige, was wir hören, sind die Vögel, der Wind und das Glucksen des Watts. Nach einer Stunde Marsch erreichen wir den Japsand, eine Außensandbank vor Hallig Hooge. Fünf Kilometer lang, einen Kilometer breit. Wir wollen die Wat- und Wasservögel zählen, die dort rasten. Alle zwei Wochen zu Springtide werden die Tiere erfasst. Erst am Abend kehren wir bei Niedrigwasser und mit dem Sonnenuntergang im Rücken wieder zurück.

So sahen einiger meiner Tage während meines freiwilligen ökologischen Jahres (FÖJ) auf Hallig Hooge aus. Im Juli 2015 bin ich dorthin gezogen. Bis August dieses Jahres habe ich bei der Schutzstation Wattenmeer gearbeitet. Ich wollte diese Erfahrung machen und hatte mich auf eine Stelle beworben. Kurz nach dem Kennenlerngespräch auf Hooge bekam ich schon die Zusage. So begann das Abenteuer.

Hallig Hooge liegt mitten im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer zwischen den Inseln Amrum und Pellworm. Sie ist fünf Kilometer lang und drei Kilometer breit. Die Gemeinde hat 110 Einwohner. Manche sind dort geboren und aufgewachsen, andere kamen hierher, weil sie mitten im Meer und in der Natur leben wollten. In der Schule sind sieben Kinder, im Kindergarten vier. Lebensmittel gibt es beim Hallig-Kaufmann, alles andere muss man auf dem Festland besorgen. Wenn vormittags und abends die Fähre anlegt, herrscht am Anleger reger Betrieb. Mit ihr kommen die Post, der Arzt, die Handwerker und die Gäste.

Warum Wattkartierung spannend ist

Als ich im Juli ankam, war Hochsaison. Ich gehörte zu einem Team aus von fünf Freiwilligen – zwei im FÖJ, drei im Bundesfreiwilligendienst. Außerdem gibt es einen hauptamtlichen Hausleiter und immer wieder Praktikanten. Die Schutzstation Wattenmeer ist ein gemeinnütziger Naturschutzverein mit fast zwanzig Stationen an der schleswig-holsteinischen Wattenmeerküste, auf den Inseln und Halligen.

Das Wichtigste war für mich zunächst, die Hallig kennenzulernen – durch Wattexkursionen, ornithologische Führungen, Seetierfangfahrten. Ich habe gelernt, die einzelnen Vogelarten auseinanderzuhalten und zu zählen. Ich weiß jetzt, wie man mit einem Kompass umgeht und einen Wattwurm ausgräbt. Anfangs war es für mich eine große Überwindung, selbst Führungen zu machen und Vorträge zu halten. Aber mit der Zeit wurde ich ruhiger und gewann an Selbstvertrauen. Und es ist ein tolles Gefühl, wenn man merkt, dass man Gäste für etwas begeistern kann. Schulklassen zum Beispiel hatten zuerst meist keine große Lust auf eine Wattwanderung, fanden das Ganze langweilig und eklig. Aber nach der ersten Strandkrabbe war das Interesse geweckt, und es wurden fleißig Muscheln und Schnecken gesammelt.

Oft wurden wir gefragt: „Wie zählt man denn die Vögel? Das geht doch gar nicht!“ Das geht – mit viel Übung und Geduld! Man braucht nur ein starkes Fernrohr, ein Spektiv, damit schwenkt man die Wiesen ab und erfasst die Arten per Zähluhr in Zehner- oder Hunderterschritten – je nachdem, wie groß die Schar ist. Spannend war auch die Wattkartierung: Im März und August gingen wir zum Japsand, blieben auf dem Rückweg alle 50 Meter stehen, um einen Quadratmeter Boden auszustechen und zu schauen, was dort für Organismen leben. Außerdem machten wir alle zwei Wochen ein Spülsaummonitoring zur Erfassung von angespültem Müll und anderem Treibgut.

Kaffee nach der Kirche

Während der Saison hatten wir viel zu tun. Die Ausstellung hatte jeden Tag geöffnet, täglich hatten wir Führungen. Und das Seminarhaus war fast durchgängig belegt – ein Haus für Selbstversorger mit 24 Betten, das Gruppen anmieten können. Wir betreuten das Haus und stellten das Bildungsprogramm auf die Beine.

Im November ging die Saison zu Ende. Es waren keine Ausflugsschiffe mehr unterwegs, die Fähre fuhr nicht mehr jeden Tag, die Gaststätten schlossen, und es waren kaum noch Gäste da. Winter auf der Hallig ist etwas ganz Besonderes. Alles scheint dann irgendwie langsamer zu gehen. Man hat auf einmal Zeit, trifft sich zu Spielenachmittagen, auf Geburtstagen oder zum Kaffee nach der Kirche.

Zum Winter gehörte natürlich auch das, was eine Hallig zur Hallig macht und von einer Insel unterscheidet. Auf Hooge heißt es drei- bis fünfmal im Jahr „Land unter“. Dann peitscht der Wind das Wasser auf die Hallig, und die Wiesen sind von Wasser bedeckt. Nur die Häuser auf ihren Warften, den künstlich aufgeworfenen Erdhügeln, schauen noch heraus. Wer von einer Warft zur anderen will, muss warten, bis das Wasser wieder weg ist. Bei einem normalen „Land unter“ dauert das ungefähr 24 Stunden. Mitte November kamen innerhalb von zwei Wochen gleich drei „Land unter“. Wenn dann der Wind abgeflacht ist und alles nur ruhig daliegt, scheint die Zeit komplett still zu stehen.

Der Winter ist geprägt von beeindruckenden Naturerlebnissen. Kurz nach Neujahr wird es durch den anhaltenden Ostwind so kalt, dass das Watt zufriert. Die Sonne lässt dann die vereisten Wattflächen glitzern und funkeln, und die See schiebt das Eis zu Schollen zusammen. Nach ein paar Tagen ist das Spektakel wieder vorbei. Dafür fällt noch etwas Schnee, und die ganze Hallig wirkt wie eingefroren. Die Bäume sind von einem weißen Mantel umhüllt, eine dünne Schneeschicht liegt über den Wiesen.

Eine unglaublich vielfältige Arbeit

Wir hatten im Winter viel Zeit für eigene Projekte und Renovierungsarbeiten. Auch zwei Seminare fielen in die Wintermonate. Insgesamt besuchte ich fünf Seminare, bei denen ich viel Fachliches lernte, aber auch Dinge, die eher wenig mit meiner Arbeit zu tun hatten.

Am 21. Februar ist Biike. Traditionell war Biike das Fest, um die Seefahrer zu verabschieden. Auf den Inseln und Halligen wurden große Feuer angezündet, die ihnen entlang der Küste den Weg wiesen. Auch heute wird noch jedes Jahr das Feuer angezündet, Teepunsch getrunken und Grünkohl gegessen.

Schließlich begann wieder die Saison. Im April bekam ich noch mal einen neuen Aufgabenbereich: die Brutvogelkartierung. Das Wattenmeer ist zum einen für viele Zugvögel eine wichtige Zwischenstation auf dem Weg in die Überwinterungsgebiete, zum anderen aber für viele Vögel auch ein wichtiges Brutgebiet. In regelmäßigen Abständen ging ich also über die Hallig, beobachte die Vögel und schrieb auf, wer an welcher Stelle brütete. Nach und nach konnte ich schließlich die ersten Küken beobachten.

Die Arbeit war unglaublich vielfältig und ging oft über den reinen Naturschutz hinaus. So gibt es in Kooperation zwischen der Schutzstation Wattenmeer und der Halligkirchengemeinde einen „Eine-Welt-Schrank“, aus dem wir fair gehandelte Produkte verkaufen. Diesen habe ich oft nach dem Gottesdienst betreut. Außerdem durfte ich ein Projekt weiterführen, das unser Hausleiter und eine Vorgängerin von mir in die Wege geleitet hatten. Hooge möchte die erste Fairtrade-Hallig werden und damit zeigen, dass fairer Handel auch im Kleinen und ganz draußen im Wattenmeer eine Rolle spielt. Auf diesen Titel haben wir uns im Rahmen der Fairtrade-Towns-Kampagne beworben und hoffen, das Ziel bald zu erreichen.

Ebbe und Flut bestimmen das Leben

Ich habe die Natur noch nie so intensiv wahrgenommen wie in diesem Jahr. Ich habe die fantastischsten Sonnenauf- und Sonnenuntergänge gesehen, unberührte Natur und einen atemberaubenden Sternenhimmel. Im Winter war es so dunkel, dass man seine Hand nicht mehr vor Augen sehen konnte, und im Sommer wurde es nie richtig dunkel. Ich habe in diesem Jahr auf der Hallig gelernt, die Natur bewusster wahrzunehmen und mit ihr zu leben. Auf der Hallig Hooge bestimmen Ebbe und Flut das Leben. Wind und Regen gehören dazu. Man beschwert sich hier nicht über das Wetter.

Ich habe beobachtet, wie die erste Strandgrasnelke zu blühen begann, und verzeichnet, wann die ersten Ringelgänse aus den Überwinterungsgebieten zurückkamen. Ich habe viele tolle Menschen kennengelernt und Freundschaften geschlossen. Ich habe mich selbst in diesem Jahr verändert. Bevor ich nach Hooge gegangen bin, haben mich viele meiner Freunde gefragt, was ich denn dort ein Jahr lang machen wolle, da gäbe es doch nichts. Doch: Es gibt das Meer, die Luft, den Wind und den Regen. Das Watt unter den Füßen, das Blöken der Schafe, die Ruhe, die Weite und den endlosen Horizont.

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