Eine Kindheit auf einem Hohenloher Bauernhof Glumb und Gsälzbrot

Rainer Hofmann hat seinen Platz in der Landwirtschaft gefunden Foto: Gottfried Stoppel

Früher gehörte sein Hof zur Schweinehochburg Hohenlohe. Heute produziert er Saatgut. Rainer Hofmann hat den Wandel in der Landwirtschaft und Dorfkultur von klein auf hautnah miterlebt.

Reportage: Robin Szuttor (szu)

Im einzigen Café von Blaufelden kennt man seine Leute. Hier wird jeder mit Namen begrüßt, die meisten mit Vornamen. Ein Kunde mit verspiegelter Sonnenbrille löst an diesem Morgen gleich allgemeine Heiterkeit im Laden aus: „Hasch gsuffa geschdr?“ Und irgendwie kommt man im Laufe der munteren Plauderei auch auf Queen Elizabeth, die vor 50 Jahren mit ihrem Sonderzug kurz am Bahnhof Blaufelden haltgemacht haben soll.

 

Rainer Hofmann lebt drei Kilometer vom Ort entfernt in Wittenweiler. Das heute still liegende Gleis führt direkt am Hofmanns-Hof vorbei. Er erinnert sich: Seine Familie stand damals kurz vor Mitternacht in voller Stärke parat und hoffte, dass die Queen vielleicht mal rauswinkt. Aber das Einzige, was die versammelten Dörfler zu sehen bekamen, war ein schwarzer Waggon mit schwarzen Fenstern. Schon war der Zug wieder in die schwarze Nacht entschwunden.

Die Queen blieb noch ewig die gleiche. Die Landwirtschaft vor seiner Haustür hat sich seitdem so rasant gewandelt wie nie zuvor. Und mit ihr die Dorfkultur zwischen Freiheitsliebe und Starrsinn, wie sie bis dahin Jahrhunderte überlebt hatte. Heute steht Hofmann vor der Rente und blickt zurück:

Harte, herrische Männer

Das Dorf meiner Kindheit war klein und eng. Bauernhöfe links und rechts der Straße, keine Schule, keine Kirche, kein Laden, kein Gasthaus, keine Dorfgemeinschaft. Acht Höfe mit herrischen, harten Männern, denen der Krieg noch in den Knochen steckte. Und mit Frauen, die versuchten, etwas Menschlichkeit in die Familien zu bringen.

Wenn eine Ehe unglücklich war, hieß das noch lange nicht, dass man sich trennte. Geschieden wurde nur vom Tod. Generationskonflikte gab es auf jedem Hof. Man schenkte sich nichts. Die gemeinsame Küche war ein ständiger Konfliktherd.

Ein Sohn wurde Bauer, man brauchte jemanden zum Arbeiten. Der Hof musste weitergehen. Den Alten war es relativ egal, ob vom Betrieb zwei Familien leben konnten. Schaffen und sparen – das wurde ja von ihnen auch verlangt. Die Versorgung der Alten war selbstverständlich und wurde eingefordert. Sie drohten paradoxerweise sogar damit, sich in der nächsten Stadt eine Wohnung zu nehmen und nicht mehr auf dem Betrieb mitzuarbeiten.

Im Dorf gab es keine Vereine. Eine Feuerwehr hatten wir mit anderen Weilern zusammen. Eine Dorfgemeinschaft außerhalb der Arbeit bestand nicht. Unsere Väter hatten andere Sorgen. Ein Maibaum wurde erst in den 70er Jahren von meiner Generation wieder gemeinsam aufgestellt.

Es gab kaum einen stolzen Bauern oder einen gut funktionierenden Hof. Es gab sogar schlechte Bauern, aber früher hielt man das eine Generation durch. „Bo dem is gor nix los“, lachte man mit verstecktem Spott: „A Glumb hat der bonander.“

Streit und Neid waren an der Tagesordnung. Im Hohenlohischen wird „geglotzt“, wenn man mit jemandem Streit hat. Das heißt, man schaut sich nicht an, wenn man sich trifft. Und das kann eine ganze Generation andauern. Oder länger.

Ich wüsste nicht, dass eine Familie mal im Urlaub war. Sie hätten ja gar nichts mit sich anzufangen gewusst. Gut war, dass man das alles als Kind für völlig normal gehalten hat.

Wir hatten das Glück, dass es zehn gleichaltrige Kinder im Dorf gab. Jeden Abend waren wir auf dem Bolzplatz. Nur durfte man da nicht immer spielen, denn es war auch die Heuwiese des Gemeindedieners, der ein paar Ziegen und Kaninchen hielt. Beim Wählen der Spieler lernte man schon die Lebenswirklichkeit kennen. Die Guten zuerst, dann verteilte man den Rest.

„Dr Vater war a scho a ganz Schwieriger“

Beim Spiel selbst zeigte sich dann schnell die Genetik der einzelnen Familien. Die einen diskutierten immer ewig rum, die anderen waren schnell beleidigt, andere foulten gerne, und wieder andere gingen immer gleich nach Hause, wenn ihnen etwas nicht passte. Und man lernte auch, dass man sich arrangieren muss. Denn es gab halt keine anderen zum Spielen. Beschwerte man sich zu Hause über einen Raudi, hieß es bloß: „Dr Vadder war a scho a ganz Schwieriger.“

Natürlich mussten wir zu Hause mithelfen. Das war ganz normal, und man war ja auch stolz als Bub, wenn man von Jahr zu Jahr mehr konnte. Traktorfahren war eine Messlatte. Auf den Feldwegen fragte niemand nach einem Führerschein.

Wir lebten mit Nutztieren, deren Lebenszweck es war, Milch zu geben, Eier zu legen, Wägen zu ziehen oder als Essen zu dienen. Wir lebten zwischen Hühnern, denen man auf einem Hackstock mit dem Beil den Kopf abschlug und die man dann zum Ausbluten auf die Wiese hinterm Haus entließ. Zwischen Karnickeln, denen man den Prügel ins Genick schlug und das Fell über die Ohren zog. Und Tauben, denen man einfach nur den Hals umdrehte. An den Sonntagen standen sie dann zwischen Semmelknödeln, Kartoffelsalat und Soß’ auf dem Mittagstisch: „Komm, Herr Jesu, sei unser Gast, und segne, was du uns bescheret hast.“ Wir wurden mit unseren Tieren groß. Zwischen Geburten, Wachsen und Gedeihen, aber auch zwischen Schwergeburten, Krankheiten und manchmal elendem Zugrundegehen.

In der Erntezeit wurde das Fußballspielen für drei Wochen unterbrochen. Gerne denke ich zurück an warme Sommerabende, wenn die Ernte eingebracht war. Wir saßen auf einer Gartenmauer und bedienten uns am reifer werdenden Obst aus den Gärten.

Ein elementares Lebensmittel für uns Kinder waren nachmittags die „Gsälzabräder“, auf Hochdeutsch „Marmeladenbrote“. Denn von dem, was es damals mittags gab, konnte man als Kind nicht immer viel essen. Dann war man um drei schon wieder hungrig, und es hieß: „Geh rein und hol dir ein Gsälzbrot.“ Gsälzbrot war immer erlaubt.

Am besten war das von der Nachbarin. Manchmal gesellten sich die Männer dazu und fragten neugierig, wie es daheim so ginge. Bereitwillig und stolz darauf, auch mal ernst genommen zu werden, erzählten wir dann die ganzen Katastrophen aus der Familie. Die Männer machten sich auch nicht die Mühe, sich unsere Namen zu merken. „Du g’herst dochs Hofmanns“, das genügte.

Wenn ich darüber nachdenke, was unser Dorf zusammenhielt, war es die Alternativlosigkeit. Es hätte vielleicht andere Möglichkeiten gegeben, aber die kamen in der Denkweise seiner Bewohner einfach nicht vor.

Eine katholische Frau galt als Risiko

Alle Höfe hatten einen Nachfolger, die meisten bekamen auch eine Frau. Bauerntöchter gab es viele, und Hauswirtschaft war ein Beruf. Eine Frau, die nicht aus der Landwirtschaft kam und zuletzt vielleicht auch noch katholisch war, galt als Risiko. Für viele Altbauern war die Hofübergabe nicht unbedingt ein Grund zur Freude, und sie machten ihren Nachfolgern das Leben schwer. Bauern gingen nicht in Rente. Bauern starben.

Mein Großvater war ein Viehzüchter vor dem Herrn. Er war lieber im Stall als im Haus und beschickte die umliegenden Zuchtviehmärkte mit Bullen und Kühen. Kein sonntäglicher Besuch kam um einen Gang im Stall herum. Meinen Eltern dagegen ist die Tierhaltung immer etwas schwergefallen. Aber sie hatten keine Alternative. Ich war der Älteste von sechs Kindern – und wurde Bauer.

Als ich in den 70ern meine Landwirtslehre begann, kam die Tierproduktion (ein seltsamer Begriff) gerade richtig in Gang. Die modernen Produktionsformen verlangten vor allem Distanz zu den Tieren. Die Remontierung, also die ständige Erneuerung von produktionsfähigen Sauen oder Kühen, wurde zum wichtigen Fachbegriff. Das Einzeltier zählt nichts. Es zählt das System.

Nach meinem Fachschulabschluss 1982 errichteten wir einen Abferkelstall und bauten den Viehstall um. 60 Sauen, 30 Milchkühe war eine ordentliche Größe. Ich besuchte Kurse mit meiner Frau, wir lasen Fachmagazine, traten dem Beratungsdienst bei – aber kamen doch nicht so richtig weiter. Immer hatte ich das Gefühl, die Tiere hatten uns und nicht wir sie im Griff.

Anfang der 90er Jahre, als ich den Hof übernahm, war die Zeit unserer großen Zukunftspläne: Milchviehhaltung aufgeben, Sauen verdoppeln und die angefangene Saatgutvermehrung von Blumen, Kräutern, Gräsern ausweiten. Also zogen meine Frau und ich los, besichtigten so richtig große, gut geführte, erfolgreiche Sauenbetriebe. Tief beeindruckt saßen wir eines Morgens vor unserer Kaffeetasse und erkannten: Das können wir nicht! Unsere Persönlichkeiten passten nicht zu solchen Betriebsgrößen.

Wir weiteten die Saatgutvermehrung aus. Schweinepest und Aujetzkysche Krankheit erschütterten die Tierhaltung. Es gab Keulungen und Totalsanierungen. Hier trennten sich vollends die Wege. Die einen wollten nicht wahrhaben, was da geschah. Die Profis aber sanierten ihre Bestände durch, ohne mit der Wimper zu zucken, und ließen sich den Schaden von der Tierseuchenkasse erstatten. Während die einen noch ihren Viechern nachtrauerten, waren die Ställe der anderen schon wieder voll in der Produktion.

Das war das Schlüsselerlebnis. Wir gaben die Sauen auf und gründeten ein Vertriebsbüro für unsere Kräuter- und Grassamen. Die Kühe liefen zunächst noch als finanzielles Fundament nebenher. Als ich Mitte 50 war, ließen wir auch das auslaufen. Es wurde keine Kuh mehr besamt. Nach wie vor gab es Geburten, Milch und Heumachen. Aber irgendwann verließ die letzte Milchkuh den Stall. Meinem Vater tat das sehr weh. Mir auch. Aber ich musste meinen Weg gehen.

Goldhafer, Zittergas und Hirtentäschel

Rainer Hofmann ist bis heute bei seinen Blumen und Gräsern geblieben. Er erntet, trocknet, reinigt und liefert schließlich palettenfertiges Saatgut von 60 Arten. Ob Goldhafer oder Zittergras, Hirtentäschel, Schafschwingel, Fiederzwenke, ob Wegwarte oder Wiesenmargerite: Sie alle ernähren die Familie gut.

Als Zuerwerb und Liebhaberstücke hält Hofmann Limpurger Weideochsen, Prachtviecher, die mit Gras und Zeit gemästet werden, wie er sagt. Ein paar Ziegen, Gänse und zwei Esel gehören auch zum Hof. Den Hund, die Katzen und Hühner erwähnt Hofmann erst gar nicht. Zu selbstverständlich.

Er hat zwei Mitarbeiter. Der eine kommt jeden Sommer, der andere jeden Nachmittag. Seine Frau kümmert sich um die Selbstvermarktung vom Ochsenfleisch und die Pflückblumenwiese. Sein 91-jähriger Vater hilft auch noch mit. Rainer Hofmann ist jetzt 64 und denkt an die Rente. „Man kann das Alter nicht ignorieren, ruckzuck ist man 70.“ Er würde gern im laufenden Betrieb übergeben. Die Pflegetochter kann den Hof nicht übernehmen. Wie einen Nachfolger finden? Das Saatgutgeschäft ist eher gärtnerische Tätigkeit als Bauernarbeit. Das muss man wollen, und das muss einem liegen.

Er sei schon immer ein kritischer Mensch gewesen, sagt Hofmann. Heute schaut er versöhnlicher auf die Dinge. Er hat seinen Platz gefunden. „Ich kann auch durchaus mit moderner Tierhaltung leben. Ich weiß, dass es Milchkühen in modernen Ställen besser geht als den Kühen in unserem Anbindestall. Auch ist die Sauenhaltung auf einem ganz anderen Tierschutzniveau als vor Jahren.“ Schwer tut er sich mit dem großtechnischen Mästen von Schweinen und Geflügel. „Eine eigene industrielle Welt, wo Tiere nur Material sind und die Betriebe kompromisslose Managertypen verlangen.“ Die diffusen Strukturen bei Schlachthöfen und im internationalen Fleischhandel waren ihm schon früher unheimlich. Heute erst recht.

Viele Höfe in der Nachbarschaft sind jetzt in der letzten Generation. Oder sie wurden bereits aufgegeben, und die Männer wechselten zum Tiernahrungshersteller Bosch in Blaufelden, im Volksmund gerne auch „Bauernauffangstation“ genannt.

Maschinenbaufirmen wie Groninger oder Schubert in Crailsheim, Bausch & Ströbel in Ilshofen ziehen junge Männer aus Bauersfamilien an – und von den Höfen ab. „Ihre Vorstellungs- und Schaffenskraft machen sie zu begehrten Mitarbeitern“, sagt Hofmann. Die Industrie zahlt gut und ermöglich ihnen, auf der ganzen Welt Verpackungsanlagen aus Hohenlohe aufzubauen. Dann kommen sie wieder heim. „Trotz vielfältiger Alternativen bleiben sie und halten den Ort zusammen“, sagt Rainer Hofmann. „Ich glaube, sie leben gerne hier. Bauern gibt es nicht mehr viele. Aber es geht weiter.“

Buch: „Was die Dörfer einst zusammenhielt“ (224 S., 18 Euro, Landwirtschaftsverlag), herausgegeben von Ulrike Siegel.

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