Eine Konstanzer Kaufmannsfamilie im 16. Jahrhundert Die Sklavenhändler vom Bodensee
Zwei Wissenschaftlerinnen in Konstanz folgen den Spuren der Kaufmannsfamilie Ehinger, die im 16. Jahrhundert ein frühes Kapitel deutscher Kolonialgeschichte schrieb.
Zwei Wissenschaftlerinnen in Konstanz folgen den Spuren der Kaufmannsfamilie Ehinger, die im 16. Jahrhundert ein frühes Kapitel deutscher Kolonialgeschichte schrieb.
Konstanz - Keine Frage: Das Porträt des Renaissancemalers Christoph Amberger zeigt einen sehr reichen Mann. Sein Blick unter dem samtenen schwarzen Barett ist streng. Fast ein wenig verbissen presst er die Lippen, die ein dichter Bart umsäumt, fest zusammen. Sein marderpelzbesetzter Umhang zeigt auf Brusthöhe ein rotes Kreuz – es ist das Jakobskreuz und weist ihn als Ritter des spanischen Santiago-Ordens aus. Als Großmeister steht dem Orden zu dieser Zeit kein Geringerer als Karl V., Kaiser des Heiligen Römischen Reichs und König von Spanien, vor. In der linken Hand des reichen Mannes ruht eine sogenannte Bisamapfel-Uhr, eine der ältesten Taschenuhren der Welt. Ein Statussymbol, das auf die herausragende gesellschaftliche Stellung verweist und nicht zuletzt auf den großen Wohlstand und Erfolg dieses Konstanzer Kaufmanns, der den Namen Ulrich Ehinger trägt.
Das Gemälde, das heute im Kunsthistorischen Museum in Wien aufbewahrt wird, ist zwischen 1531 und 1533 entstanden – unmittelbar nachdem der Patrizier Ehinger und seine Familie aus dem Venezuela-Geschäft der Handelsgesellschaft der Augsburger Welser ausgestiegen waren. Es hatte sich für den Kaufmann vom Bodensee offensichtlich mehr als gelohnt: „1537 hat Ulrich Ehinger in seinem Testament auf 49 Seiten aufgelistet, welche Reichtümer in seinen Truhen liegen und wem er was vererbt“, sagt Kirsten Mahlke, Professorin für Kulturtheorie und Kulturwissenschaftliche Methoden an der Universität Konstanz. „Deren Inhalt gleicht dem Schatz eines Aristokraten.“
Doch noch bemerkenswerter als der Reichtum der Patrizierfamilie Ehinger, an deren Spitze die Brüder Heinrich und Ulrich Ehinger stehen, ist die Quelle, aus der sie einen Großteil dieses Wohlstands geschöpft hatten. Denn die beiden 1484 und vermutlich 1485 geborenen Brüder waren nicht nur bedeutende Akteure in einem gesamteuropäischen Netzwerk aus Kaufleuten, Bankiers, Juristen und Diplomaten, die sich an der spanisch-portugiesischen Eroberung und vor allem an der Ausbeutung der Neuen Welt beteiligten.
Insbesondere Ulrich Ehinger, wie nun die Forschungen von Kirsten Mahlke und ihrer Konstanzer Doktorandin Hannah Beck zeigen, stand als „Hauptvermittler der Kredite, Berater und Schatzmeister des Kaisers“ zeitweise an der Spitze dieser Handelskette. „Vermutlich war es Ulrich Ehinger, der im Jahr 1528 gemeinsam mit dem St. Galler Kaufmann Hieronymus Sailer, im Auftrag der Welser weitere Verträge zur Conquista Venezuelas unterzeichnete.“ „Vermutlich“ deshalb, weil bis dato in der Forschung dem Bruder Heinrich (spanisch: Enrique) diese bedeutendere Rolle zugeschrieben war. Mit dem spanischen Vornamen Enrique unterschrieb, so Kirsten Mahlke, jedoch nachweislich auch jener Ulrich, der auf Christoph Ambergers Gemälde verewigt ist.
Für die Augsburger Welser scheinen die Konstanzer Ehinger ideale Geschäftspartner gewesen zu sein. Der Habsburger Karl V., seit der Kaiserwahl anno 1519 unter anderem bei den Fuggern und Welsern hoch verschuldet, hatte den Augsburgern als Ausgleich für ihre Kredite angeboten, die Anfang des 16. Jahrhunderts noch unbekannte Terra incognita Venezuela im Auftrag der Krone zu erschließen und auszubeuten.
Schon Hans Ehinger, der Vater Ulrichs und Heinrichs, hatte Handelsbeziehungen auf die Iberische Halbinsel gepflegt und seine Söhne früh Spanisch lernen lassen. Damit verfügte die Konstanzer Familie, wie Kirsten Mahlke formuliert, über sehr wertvolle Kenntnisse und Beziehungen, die den Welsern, für die sie zwischen 1519 und 1530 in zentralen Positionen in Spanien tätig waren, von großem Nutzen waren.
Um das ganze Ausmaß der Handelsbeziehungen aufzudecken und Licht in das bislang nur am Rande erforschte Venezuela-Engagement der Ehinger zu bringen, reiste Hannah Beck nach Spanien, um in dortigen Archiven nach Spuren der Konstanzer zu fahnden. „Ich sichtete private Korrespondenzen, Verträge und Nachlässe“, erzählt Beck, die an der Universität Konstanz Geschichte, Hispanistik und Germanistik studiert hat.
Zum Vorschein kam dabei nicht nur, wie dicht die Ehinger im gesamteuropäischen Handelsnetz verknüpft waren. Es zeigte sich auch, dass die Konstanzer Kaufmannsfamilie vermutlich eine der ersten war, die in den groß angelegten Sklavenhandel investierte. „Bereits 1528, noch im Dienste der Welser, geht es um das Recht, 4000 Sklaven aus Westafrika zu verschleppen“, sagt Kirsten Mahlke. In mehreren selbstständig abgeschlossenen Verträgen folgen weitere 1000 Sklaven für Süd- und Mittelamerika.
Die Afrikaner wurden verkauft und mussten in Minen und auf Zuckerrohrplantagen in der Karibik schuften, oder sie wurden als Perlentaucher eingesetzt. Der Sklavenhandel galt als eine sichere Profitquelle für den Fall, dass die Jagd auf die legendären Goldvorkommen sich als Schimäre erweisen sollte. Denn die Goldschätze der indigenen Völker standen im Sog des El-Dorado-Mythos in dieser Phase im Zentrum des wirtschaftlichen Interesses vieler Konquistadoren.
„Zum ersten Mal findet nun Sklavenhandel im großen Stil statt“, berichtet Hannah Beck. „Der transatlantische Menschenhandel erreichte in dieser Zeit eine Größenordnung, die es bis dahin nicht gegeben hatte.“ Ökonomisch zurückzuführen war er auf den Arbeitskräftemangel in der Karibik, wo die Eroberungskriege, Epidemien und Zwangsarbeit die Bevölkerung seit der Entdeckung des Kontinents 1492 dezimiert hatten.
Die arbeitsintensive Plantagenwirtschaft funktionierte von Anfang an auf der Grundlage von Sklaverei. Davor waren Sklaven vor allem als Haussklaven oder zu militärischen Diensten nach Amerika gebracht worden. Zum massenweisen Menschenimport aus Afrika kam im Zusammenhang mit der Welser-Unternehmung überdies die Versklavung eines Teils der indigenen Bevölkerung des heutigen Venezuela und Kolumbien.
Kartenmaterial aus der frühen Phase der Eroberungsfahrten zeigt, wie wenig die Teilnehmer wussten, was sie in der Neuen Welt erwartete. Küstenverläufe oder andere geografische Bedingungen waren kaum bekannt, und die Überfahrt über den Atlantik war extrem riskant. Nur rund jedes dritte Schiff erreichte sein Ziel. Auch deshalb nennt Hannah Beck das Vorgehen bei der Planung und Umsetzung der Unternehmung hochspekulativ. Trotz der Unsicherheit wollten viele dabei sein und ihr Glück versuchen. Dabei konnten es sich, nüchtern betrachtet, die wenigsten leisten. „Die Unternehmungen in Südamerika fanden auf der Basis massiver Verschuldung einzelner Akteure statt.“ Die Ehinger selbst hatten sich aus dem Venezuela-Geschäft der Welser mit dem spanischen König im Jahr 1530 zurückgezogen – vermutlich nicht die allerschlechteste Entscheidung angesichts des drohenden spanischen Staatsbankrotts.
„Von Konstanz aus kann man die Geschichte der Eroberung Südamerikas neu erzählen“, sagt die Professorin für Kulturtheorie. „Bisher wird sie als rein spanisch-portugiesische Angelegenheit betrachtet.“ Und auch der Beginn der deutschen Kolonialgeschichte, deren Anfang üblicherweise ins späte 19. Jahrhundert verlegt wird, setzt aus der Perspektive der „Welserkolonie“ somit mehr als 300 Jahre früher ein. „Ehinger zeigt wunderbar, dass die Eroberung Venezuelas vor allem von der Profitorientierung privater Unternehmer angetrieben war“, sagt Kirsten Mahlke. Diese saßen überall in Europa, vor allem aber auch in Süddeutschland.
Ein Teil der Ergebnisse der Forscherinnen soll nun in eine Ausstellung fließen, die von kommenden August an im Richental-Saal in Konstanz zu sehen sein soll. Im Zentrum der Schau, die als Schiffsreise in vier Kapiteln erzählt und in Zusammenarbeit mit der Konstanzer Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung sowie der Hochschule Kaiserslautern konzipiert wird, steht die Konstanzer Kaufmannsfamilie Ehinger, die an einem der frühesten Kapitel deutscher Kolonialgeschichte federführend mitgeschrieben hat. Der Titel des ersten Kapitels steht jetzt schon fest. Er lautet: „Black Bodensee“.