Es muss nicht immer ein Cold Brew im Glas sein. Am Erwin-Schoettle-Platz schmeckt auch lauwarmes Bier an einem schwülen Sommertag, mit dem Geräusch der einfahrenden Stadtbahnen im Hintergrund, einer Wiese unterm Hintern, die schon mal bessere Tage gesehen hat, und den zärtlichen Stapfgeräuschen der älteren Männer, die mit Zollstöcken für Fairplay beim Boule sorgen wollen. Ja, hier an diesem Platz im Stuttgarter Süden ist die Welt noch in Ordnung, wenn man Ordnung als Phänomen der Normalität im ewigen Durcheinander des Zeitgeists versteht.
Erwin, mon Amour
Seit ich vor mehr als zwölf Jahren nach Stuttgart gezogen bin, antworte ich auf die Frage nach meinem Wohnsitz immer mit „zwischen Marienplatz und dem Erwin“, was automatisch und unisono immer folgende Reaktion zu Tage befördert, wenn auch in abgewandelter Reihenfolge: „Ach, schön beim Marienplatz, ja der ist so toll, die Cafés und die Pizzeria, ja wow, im Sommer bin ich oft dort, einfach cool...“
Nun will ich wirklich keine Marienplatz-Hasserin sein, obwohl ich einige Gründe für meine Abneigung auflisten könnte. Doch ich kann und will nicht verstehen, warum man den Erwin, wie ich ihn liebevoll nenne, ohne mit der Wimper zu zucken im Beliebtheitsranking hinter seine laute und gepflasterte Schwester reiht. Der Erwin bietet doch so viel Charme, so viel Grün, so viel mehr vom Süden.
Orpheus, Eurydike und Bier vom Kiosk
Läuft man von Heslach Richtung Zentrum, kann man zwischen den Spalier stehenden Häusern schon von Weitem die sakrale Herrlichkeit der Matthäuskirche bewundern, welche die Südseite des Platzes rahmt. Überhaupt gibt es am Erwin viel zu entdecken: Am Rand des Boulefelds sieht man Orpheus und Eurydike beim Aufstieg aus dem Hades in die Oberwelt, der für beide nicht sonderlich gut ausgehen sollte. Mit dem Rücken zur Kirche sitzt der bronzene Heslacher Hocker auf einem Stein und lässt sich im Sommer von den Wassersprudlern befeuchten.
Die Route Richtung Stadt führt zur wohl charmantesten Ecke des Erwins: Hinter der Matthäuskirche umkreisen Kinder mit Dreirädern und Rollerskates die Spaziergänger, hier wird geduldig gewartet bis eine Tischtennisplatte frei wird, gegenüber trinken Jugendliche mehr oder weniger heimlich Bier, ein paar Meter weiter kann man im Schatten der Bäume das Treiben beobachten und sich beim kleinen Laden am Eck selbst ein Bier holen. (Die Auswahl an bayerischen Biersorten ist phänomenal)
Auf die Umlaut-Schreibweise darf und muss übrigens verzichtet werden:
Der frühe Abend endet entweder auf der Bank unter den griechischen Mythologie-Gestalten, beim Kniffel spielen und einem Glas Weißwein im Patacon Obi in der ehemaligen Sakristei – oder man traut sich selbst auf das Boulefeld. Die kritischen Blicke der Profis muss man dann aber aushalten können.