Eine Liebeserklärung Ti amo, Späti
Lange hatte Stuttgart bekanntlich nur einzigen guten Grund, auf Berlin neidisch zu sein: die Späti-Kultur. Das muss mittlerweile nicht mehr sein, stellt unser Autor erfreut fest. Wir können alles: auch Späti.
Lange hatte Stuttgart bekanntlich nur einzigen guten Grund, auf Berlin neidisch zu sein: die Späti-Kultur. Das muss mittlerweile nicht mehr sein, stellt unser Autor erfreut fest. Wir können alles: auch Späti.
Erinnert sich noch jemand an die Zeiten, als Menschen voller Inbrunst „Stuttgart ist viel schöner als Berlin“ schmetterten? Wenn ich ehrlich sein soll, habe ich mich ja schon damals gefragt, wer eine derartige Offensichtlichkeit unbedingt in Liedform pressen musste. Aber gut. Es liegt eben auf der Hand: Stuttgart. Ist. Schöner. Als. Berlin. Das Ding mit Berlin war aber eben nur, dass es uns Stuttgarter doch immer ein klein wenig neidisch machte, wenn wir mal wieder zum monatlichen Berghain-Trip in den Flixbus gehüpft sind: diese Spätis. Diese verdammten Spätis. Die gab es in Stuttgart lange nicht.
Jetzt schon.
Vorbei sind die Tage von „Wir können alles. Außer Spätis.“ Spätestens jetzt gibt es also keinen gescheiten Grund mehr, nach Berlin zu wollen. Es ist eben wie immer: Man braucht mit Stuttgart einfach ein bisschen mehr Geduld als mit anderen Städten. Das ist wie mit entfernten Bekannten aus Reutlingen, die immer stolz „Stuggi“ sagen, wenn sie mal wieder einen Besuch ankündigen. Irgendwann werden sie es lernen.
Unsere Stadt brauchte länger für den Craft-Beer-Hype oder für den Gin-Tonic-Virus, auch ein Bahnhof kostet hier einfach bissle mehr Zeit. Ähnlich lang ließ die famose Späti-Kultur auf sich warten. Doch jetzt, wo sie mehr und mehr in der Stadt erblüht, kann ich voller Zufriedenheit und Dankbarkeit sagen: Das Warten hat sich gelohnt.
Späti, das kommt ja von Spätkauf, ein überwiegend im Osten der Republik gebräuchlicher Terminus für kühne Läden, die abseits der normalen Öffnungszeiten geöffnet haben. Mystische Biotope der Nachtkultur, zeitlose Orte, irgendwo zwischen Mini-Supermarkt, Tresen und eigenem Kühlschrank. Da geht’s dann natürlich weniger um frische Eier, Sellerie, TV Spielfilm und Mettwurst und eher um die Grundbedürfnisse der Nacht. Das Schöne ist aber eben, dass ich bei Gelegenheit doch noch Lotto spielen und eine Milch mitnehmen kann, wenn ich gerade Bier, Kippen und Zuversicht am Tresen bezahle.
Der Späti ist ein Ort für hoffnungslose Romantiker:innen. Für Spätnachhausegeher:innen. Für Vortrinker:innen. Für Nachtrinker:innen. Für Zwischentrinker:innen. Ein verlässlicher Arm, der dich stützt, wenn du noch nicht nach Hause willst. Der Späti ist für dich da. Er weiß, was du brauchst, und wer weiß, wann du es brauchst. Was bringt mir denn ein Supermarkt voller Bier, wenn die beste Freundin und ich nach Ladenschluss unbedingt noch über die neue Arctic-Monkeys-Platte schwadronieren müssen?
Am Späti trifft man sich anders als an der Theke. Libertärer, ungezwungener, wie in einer alten Gauloises-Werbung. Liberté toujours, Weinschorlé toujours. Eine laue Sommernacht, Straßenlaternen, ein bisschen cornern, in den Nachthimmel schauen und von großen Dingen träumen… wo kriegst du denn für 3,50 noch so viel Leben im trüben Licht der Großstadt geboten?
Diese Schwärmerei ist kein Hoch auf unverhältnismäßigen Alkoholkonsum, sondern auf all die wackeren Späti-Besitzer:innen, die Stuttgart bereichern und sie ein wenig kosmopolitischer erscheinen lassen. Auf all die Nachteulen, die uns lieber mit den bare necessities versorgen statt selbst schlürfen zu gehen. Und mittlerweile gibt es einige davon: Der Laden am Bismarckplatz, der mystische Asia Supermarkt mit dem wohl nettesten Shopbesitzer der Stadt, das Bauchlädle am Marienplatz, die urbane Legende Späti 43, das Spätle… wir wissen, wer ihr seid! Danke, dass ihr uns unverbesserlichen Weitertrinker:innen ein Zuhause, ein Getränk, ein offenes Ohr und Süßigkeiten bietet. Manchmal auch süße Hundis. Ohne Aufpreis.
Klar kann man sich auch einfach ein Bier von zuhause mitnehmen und an den Feuersee setzen. Es ist aber ein ganz besonderes, fast schon sakrales Ritual, den Späti zu besuchen, eine Runde Nachschub zu holen und wieder zu gehen. Man weiß ja, dass er nachher noch aufhat. So ein Sixpack, das wird ja irgendwann auch warm.