Eine Liebeserklärung Ti amo, Vogelsang!

Kiosk-Romantik am Vogelsang. Foto: Björn Springorum 4 Bilder
Kiosk-Romantik am Vogelsang. Foto: Björn Springorum

Ach, Vogelsang. Schon der Name ist Musik in den Ohren unseres Autors. Eine Liebeserklärung an den schönsten Flecken im Stuttgarter Westen.

Stuttgart – Ich wohne gern im Westen. Sehr gern sogar, lieber als irgendwo sonst. Und ich weiß, wovon ich spreche. Vor fast 20 Jahren, als ich nach Stuttgart kam, zog ich in eine kleine Wohnung in Gaisburg, unweit des Ostendplatzes. Die Sicht auf den Gaskessel war spitze, in der Nähe war eine Videothek. Wichtig – damals!

Schon 2003 sagte man mir, der Osten kommt. Ich wartete vergeblich, aber er kam nicht. Also zog ich weiter, diesmal in ein 300 Jahre altes Haus nach Mühlhausen. War schön da, der Neckar war nah, der Max-Eyth-See auch, die Stadt aber fern. Dann ging es nach Botnang, langsam an den Westen ranpirschen.

Der Ornithologe am Vogelsang

Endlich, vor fast acht Jahren, verschlug es mich in den Westen. Forststraße, oberes Ende, Vogelsang. Und soll ich euch was verraten? Hier will ich eigentlich nie wieder weg, wenn‘s geht. Das liegt natürlich auch an meiner Wohnung, aber fast noch mehr an dem Quartier. Vogelsang, für mich als Ornithologe in spe eh die einzige wirkliche Wohnalternative in Stuttgart, du bist einfach umwerfend. Und das liegt nicht nur am fast schon ohrenbetäubend lauten Vogelgezwitscher hier im Viertel. Beware the Rückkehr der Mauersegler!

Da wäre zum einen der Paul-Gerhardt-Platz direkt vor meiner Haustür, eine Piazza im mediterranen Sinn. Boule wird gekugelt, Menschen klönen auf Bänken und Steinen, Kinder spielen. Hier stehen gleich zwei Tischtennisplatten, um die Ecke, direkt an der Stadtbahnhaltestelle Vogelsang (U2, U29, U34, Baby!) eine. Ich bespiele sie alle, habe aber meine Gedanken zu jeder.

Tischtennis ist mein Leben

Hier meine professionelle Einschätzung: Die Platte an der Haltestelle ist anständig und gerade, drumherum ist es aber ein wenig zu eng für expressives Spiel. Die Platte A am Paul-Gerhardt-Platz ist eben und gerade, der Untergrund aufgrund der exponierten Lage aber oft matschig und nur nach tagelanger Trockenheit zu spielen. Favorit ist deswegen Platte B am Platz, im Windschatten der Kirchmauer. Sie ist zwar etwas schief, aber das schult nur die Koordination. Service-Post Ende.

Nachname mit drei Buchstaben

Besonders gern mag ich die Ecke auch wegen Metzger Sum. Ein Fachgeschäft aus einer anderen Zeit, mit langer Schlange an Samstagen, Mittagsruhe und namentlicher Ansprache der Kunden. Mein langer Nachname macht Herrn Sum immer ein bisschen zu schaffen, wenn ich etwas vorbestellen will. Da wiederholt er dann immer gern sein Familienmotto: „Ein guter Nachname braucht nicht mehr als drei Buchstaben.“

Auch gut ist sein Firmenlogo: Eine Sau, das fröhlich grinsend Würste in den Pfoten hält. Zeitlos! Meist sieht mich Herr Sum in zwei Lebenslagen: Ein karnivores Kochereignis planend, bewaffnet mit großer Tasche und Einkaufszettel. Oder derangiert und verkatert nach einem Leberkäsweckle lechzend.

Rund 9000 Menschen wohnen im Bezirk Vogelsang. Die meisten davon, schätze ich jetzt mal, genießen die Ruhe hier am oberen Ende des Westens so wie ich. So sehr ich den emsigen Bismarckplatz mit seinem Markt und den Lokalen liebe, so gern ich am Hölderlinplatz bin – es scheint, als habe jemand mit einem Lineal eine unsichtbare Grenze gezogen, wo im Westen Restaurants, Kneipen und Bars sein dürfen und wo nicht. Ich wohne oberhalb dieser Linie, schätze also, sie verläuft so ungefähr auf der Seyfferstraße.

Ein Kiosk für alle Fälle

Zu Fuß ist man dennoch sofort im Rest des Westens und sogar in der City. Frage mich nur, was man da soll, wenn man ebenso schnell mit einer Flasche Wein und zwei Gläsern auf den Birkenkopf flaniert ist. Mein Traum: Dort oben einen kleinen Kiosk betreiben. Björns Bierbude. Name steht noch nicht.

Aaah, und apropos Kiosk: Von einem Späti ist der zwar weit entfernt, aber bis 20 Uhr sorgt der unglaublich nette Betreiber des Kiosks am Vogelsang direkt an der Haltestelle rührend für das Wohlergehen der Vogelsängler. Heißen wir so? Jetzt schon. Getränke, Zigaretten, Süßis (kein Kiosk ohne Süßis!), Zeitungen, Annahme von Paketen, das alles sogar mit Kartenzahlung: Da bekomme ich fast feuchte Augen, wenn ich nur drüber nachdenke. Please follow!

Mikrokosmos, Makrokosmos

Ist natürlich nur ein Mikrokosmos in diesem wunderbaren Makrokosmos. In dem haben auch mein Friseur Mauro und meine Bäckerei Eckle ihr Zuhause. Ersterer schneidet sehr gut Haare und verkauft neuerdings auch sardische Spezialitäten, bei zweiterem war ich mir lange nicht sicher, ob die Bäckerei so heißt wie ein früherer Betreiber oder weil sie in einem Eckhaus untergebracht ist. Heute führt eine liebenswerte türkische Familie den Laden und bietet neben Brezeln und Brot auch türkische Leckereien an. Eckle heißt er immer noch, so viel also dazu.

Jede Menge schöne Altbauhäuser gibt es hier natürlich auch, lauschige Hinterhöfe, San-Francisco-Vistas, viel Platz, noch mehr Grün, Blick auf den Fernsehturm und in den Kessel, der beste Spanier der Stadt: „Was willsch mehr?“, könnte man fragen. Und zufrieden antworten: Nichts. Ich bleib‘ hier.




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