Eine Metropole macht sich grün Paris will durchatmen

Die Fassaden des Musée du Quai Branly sind schon lange begrünt. In Zukunft sollen weite Teile von Paris zu einer grünen Zone werden. Foto: epd

Die Metropole an der Seine hat sich ein ehrgeiziges Programm zur Ökologisierung verpasst. Treibende Kraft ist Bürgermeisterin Anne Hidalgo. Kritiker glauben, sie handele nicht ganz uneigennützig.

Korrespondenten: Knut Krohn (kkr)

Paris - Der junge Reiseführer mit den Rastalocken präsentiert routiniert sein Standardprogramm: „Vor uns der Eiffelturm, dahinter das Marsfeld, links Montmartre mit der Kirche Sacré-Cœur, hinten am Horizont zu erkennen Notre-Dame.“ Doch unversehens fragt eine ältere Dame nach dem „grünen Paris“, von dem sie gehört habe. Und der Tourguide gerät ins Schwärmen, erzählt weit mit den Armen ausholend von einem Park, einer grünen Oase – dort, wo sich jetzt noch der lärmende Verkehr über die breiten Straßen wälzt. Fast entschuldigend sagt die Touristin aus Italien: „Ich habe in Rom als Stadtplanerin gearbeitet und habe von dem Projekt gehört.“ Der Reiseführer lacht: „Ich studiere hier in Paris Landschaftsarchitektur.“ Er sei kein Fan von Bürgermeisterin Anne Hidalgo, „aber was sie da plant, ist schon genial.“

 

Anne Hidalgo will das Gelände rund um den Eiffelturm in eine begrünte Zone verwandeln, einen 54 Hektar großen Park. Dort würden die Besucher nicht mehr den Lärm des Verkehrs, sondern „das Singen der Vögel hören“, verspricht Hidalgo und weiß, dass das kein verkehrstechnisches Nullsummenspiel wird.

„Raum zum Atmen“

Die Autos müssen weichen. Die zwischen Trocadéro und Eiffelturm liegende Pont d’Iéna soll begrünt und für den Verkehr gesperrt werden. Weiter ist geplant, die viel befahrene Uferstraße auf der Seite des Eiffelturms von vier auf zwei Straßen zu verengen – zudem soll dort nur noch Tempo 20 erlaubt sein. Ziel von Anne Hidalgo ist es, einen „Raum zum Spazierengehen, Schlendern und Atmen“ zu schaffen. Auch Zahlen kann die Bürgermeisterin liefern: 72 Millionen Euro soll die Umgestaltung kosten und bis zu den Olympischen Spielen in Paris im Jahr 2024 fertig sein. Umsetzen soll das alles die US-Landschaftsarchitektin Kathryn Gustafson, die den Prinzessin-Diana-Gedenkbrunnen im Londoner Hyde Park entworfen hat.

Es sind nicht immer Projekte dieser Größenordnung, meist sind es kleine Veränderungen, die den Einwohnern von Paris ihre Stadt wieder näherbringen sollen. In manchen Fällen reicht es, eine Blumenwiese auf einer Verkehrsinsel anzulegen – was von der Bürgermeisterin in den sozialen Netzwerken allerdings auch als Erfolg gefeiert wird. Ein Lieblingsplan Hidalgos ist die Befreiung der großen Plätze der Stadt vom Verkehr, sie für die Fußgänger zu öffnen und zu begrünen. Sieben Plätze stehen auf ihrer ehrgeizigen Liste – der umgebaute Place de la Nation wurde bereits eingeweiht.

Hyperaktive Bürgermeisterin

„Man hat das immer einen Platz genannt, aber bis jetzt war es eigentlich nur ein großer Kreisverkehr“, sagte Catherine Baratti-Elbaz, die sichtlich zufriedene Bürgermeisterin des 7. Arrondissements. Am Tag der Eröffnung nahmen die Bewohner des Viertels den neuen Raum sofort in Beschlag. Kinder tobten über den Rasen, die Eltern saßen entspannt im Schatten der vielen Bäume oder spielten Boule. Anne Hidalgo postete auf dem Kurznachrichtendienst Twitter stolz Fotos von dem gelungenen Event.

Fast im Wochenrhythmus präsentiert die sozialistische Pariser Bürgermeisterin inzwischen ihre Pläne, die französische Hauptstadt für die Einwohner lebenswerter zu machen – aufmerksam beäugt von der politischen Konkurrenz. Kritiker werfen ihr vor, dass sie erst jetzt, ein Jahr vor den Bürgermeisterwahlen, etwas tue und dabei in eine Art Hyperaktivität verfallen sei. In der Zeit zuvor habe sie sich kaum um die grüne Seite der Millionenstadt gekümmert und sich lediglich auf den Lorbeeren ihres Vorgängers Bertrand Delanoë ausgeruht.

Der legendäre Sozialist hatte sich über zehn Jahre lang mit großer Verve für die Verringerung der Luftverschmutzung und die Reduzierung des Autoverkehrs in der Metropole eingesetzt – und dafür auch umstrittene Entscheidungen gefällt. So wurde unter seiner Ägide 2013 ein mehr als zwei Kilometer langer, viel befahrener Straßenabschnitt auf dem linken Seine-Ufer, von der Pont Royal bis zur Pont de l’Alma, in eine Fußgängerzone umgewandelt. Das Geschrei war groß, aber die Autofahrer gewöhnten sich schnell an die Veränderungen, das befürchtete Verkehrschaos blieb aus.

Olympia 2024 beflügelt die Pläne

Offensichtlich hat Anne Hidalgo erkannt, dass den Einwohnern von Paris die Lebensqualität in der von Verkehr und Dreck geplagten Stadt immer wichtiger wird. Auf der Suche nach einem Hebel, um für wichtige ökologische Projekte Geld lockerzumachen und alles in einem überschaubaren Zeitraum umzusetzen, ist sie fündig geworden. Immer wieder werden von ihr die Olympischen Spiele 2024 ins Feld geführt, womit sie ihre Kritiker auch unter Druck setzen kann. „Die Olympischen Spiele werden ökologische Spiele sein, und wir werden den umweltgerechten Umbau der Infrastruktur vorantreiben“, erklärte sie in einem Interview mit der Sportzeitung „L’Équipe“. Das betreffe die Radwege in der Stadt, den Autoverkehr, den öffentlichen Nahverkehr und auch die Ausweitung der Grünflächen. „Die Olympischen Spiele werden für alle Einwohner von Paris ein Gewinn sein, nicht nur für den Sport“, unterstreicht die Bürgermeisterin bei jeder Gelegenheit.

Wie ernst sie es mit den „grünen Spielen“ meint, erfuhr auch der Mineralölkonzern Total. Das französische Unternehmen wollte sich als wichtiger Sponsor der Spiele engagieren, stieß bei Anne Hidalgo aber auf wenig Gegenliebe. „Total ist ein Unternehmen, das im Bereich der fossilen Brennstoffe führend ist“, erklärte sie in einem Interview etwas verklausuliert. Das Unternehmen befinde sich im Umbau, hin zu grünen Energien, aber das reiche nicht. Das wurde von Beobachtern als ziemlich deutliche Brüskierung des potenziellen Geldgebers betrachtet.

Krach mit der Ölindustrie

Total-Chef Patrick Pouyanné reagierte prompt und zog das angestrebte finanzielle Engagement seines Unternehmens in Sachen Olympia in Paris angesäuert zurück – nicht ohne süffisant darauf hinzuweisen, dass der Stadt damit 100 Millionen Euro verloren gehen. Jeder habe eben seine eigenen Ansichten, erklärte der Manager, aber für ihn sei „die Sache nun gestorben“. Die ganze Angelegenheit war dann aber doch so wichtig, dass sich sogar Präsident Emmanuel Macron zu Wort meldete und die Bürgermeisterin sich einen Rüffel von allerhöchster Stelle abholte. Total als Sponsor auf diese Art zu verprellen sei „gar keine gute Idee gewesen“, mahnte der Staatschef. Für Anne Hidalgo ist der Rückzug von Total allerdings ein symbolischer Sieg, hat sie doch gezeigt, dass sie als Bürgermeisterin es mit dem umweltfreundlichen Umbau der Stadt zu einer grünen und nachhaltigen Metropole wirklich ernst meint.

Bestärkt wird sie zudem durch eine aktuelle Studie der ETH Zürich. Darin heißt es, die Metropolen der Welt müssten sich auf eine drastische Erwärmung des Stadtklimas einstellen. Auf der Nordhalbkugel würden in Großstädten künftig Klimabedingungen herrschen, wie sie heute mehr als tausend Kilometer weiter südlich vorherrschen. London werde Verhältnisse bekommen wie heute Madrid, das Klima in Paris dürfte bald dem der australischen Stadt Canberra entsprechen.

Das sind gute Argumente für eine entschlossene Stadtbegrünung.

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