Es ist wieder ein Morgen, an dem sie froh ist, daheim zu sein. Der 13-jährige Laurenz ist krank, die Schülerbetreuung von Ludwig (10) schließt heute früher. Auf der A81 stehen die Pendler um 9 Uhr noch hochnervös im Unfallstau. Kerstin Bienzle fasst das alles nicht an. Mit einem Kaffee sitzt sie am Esstisch ihrer Wohnung in einem Gärtringer Neubaugebiet. Vor den großen Fenstern stehen weiße Einfamilienhäuser mit anthrazitfarbenen Fensterrahmen und Dächern, wie man es jetzt halt hat, mit Trampolinen und SUVs vor der Tür. Auf Kerstin Bienzles Tasse steht „hygge“. Das heißt auf Dänisch soviel wie „im trauten Heim“.
Kerstin Bienzle hat schon Marmeladentoasts geschmiert, Müslis gemixt und Vesper gerichtet. Dann hat sie durchgelüftet und die Bettdecken geschüttelt. Der Rest des Vormittags ist nun ihre Zeit – bis sie um 12 Uhr zu kochen anfängt. Alles frisch und bio und nach ihrem Wochenessensplan. Heute wird es Tomatensuppe geben und Salat. Das geht fix, weil die Zutaten gewaschen und in Glasschüsseln verteilt im Kühlschrank stehen.
Die Hausfrau ist Chiffre für ein rückwärtsgewandtes Leben
Kerstin Bienzle, 52 Jahre alt, ist das, was man gemeinhin eine Hausfrau nennt. Oder Care-, also Kümmer-Arbeiterin auf Neudeutsch. Sie fährt mit dem Lastenrad zum Markt, backt Erdbeer-Vanille-Kuchen, putzt die Waschbecken, hängt Wäsche in der Sonne auf, reinigt den Schulranzen in der Spülmaschine. Sie bugsiert Kinder in Schulen, nimmt sie wieder in Empfang und hört ihre Geschichten an („Der war gemein!“). Geht mit Bulldogge Max Gassi und fährt zum Wertstoffhof. Sie hilft beim halbschriftlichen Dividieren, fährt die Jungs zum Faustballtraining und zur Ergotherapie.
Dass sie all das in Vollzeit ohne Bezahlung oder erkleckliche Rentenansprüche tut, ganz freiwillig zumal, macht sie zu einer Figur, die es eigentlich gar nicht mehr geben dürfte. Zumindest wenn es nach weiten Teilen der Politik, der Wirtschaft und des Feminismus ginge. Mütter sollen schnell wieder Fachkräfte und finanziell unabhängig sein. Die Hausfrau, jahrzehntelang selbstverständliches Rollenmodell und Prestigeobjekt der Mittel- und Oberschicht in Westdeutschland, ist zur Chiffre für ein rückwärtsgewandtes Leben geworden. Zu einem Modell, das zwar noch nicht ausläuft, aber doch seltener wird: 69 Prozent der baden-württembergischen Mütter mit minderjährigen Kindern sind heute berufstätig, elf Prozent mehr als noch vor 25 Jahren.
„Ich vermisse nichts“, schreibt sie
Vielleicht dachte auch Kerstin Bienzle deshalb, sich erklären zu müssen. Auf ihrem Internetblog „Tagaus Tagein“, auf dem sie Tipps für eine nachhaltige und minimalistische Haushaltsführung gibt, schrieb sie vor ein paar Jahren: „Ich vermisse nichts und fühle mich auch nicht, als würde ich niedrige Arbeiten verrichten. Ich habe auch nicht das Gefühl, daheim zu verblöden, und langweilig ist mir schon gar nicht. Will ich kreativ sein, tobe ich mich auf meinem Blog aus.“ Das klingt ein wenig trotzig, aber auch sehr selbstbewusst. „Vielen Dank dafür“, schrieben andere Frauen darunter.
Dabei war Kerstin Bienzle das Hausfrauendasein nicht in die Wiege gelegt. Die steht 1971 in Bautzen in der damaligen DDR. Ihr Stiefvater ist Dreher, seine Frau arbeitet in einem Rechenzentrum. Selbstverständlich kehrt die Mutter in Vollzeit in ihren Beruf zurück, als die Tochter ein halbes Jahr alt ist. Das Baby kommt in die Krippe, die der Sozialismus in jedem Dorf gebaut hat, die Oma hilft aus, bis die Mutter um 16.30 Uhr von der Arbeit kommt. Als Kind schaut sich Kerstin Bienzle die Eltern an und denkt: „Die arbeiten immer so lange und abends sind sie müde.“ Mit Tochter und Sohn beschäftigen sich Mutter und Vater in ihrer Erinnerung kaum.
Sie will ihr „Würmchen“ nicht abgeben
Als sie nach einer Ausbildung zur Sekretärin 1994 selbst eine Tochter bekommt, will sie ihr „Würmchen“ nicht abgeben. Sie nimmt drei Jahre Elternzeit, wird danach – mittlerweile alleinerziehend – Verkäuferin in einem Möbelhaus und merkt: Bei Öffnungszeiten bis 18 Uhr sieht sie die Kleine kaum. Noch schmerzhafter wird der Spagat zwischen Kind und Beruf, als sie 1998 für einen Mann nach Stuttgart zieht. Hieß es in den Ostkitas: „Kein Problem, wann wollen Sie das Kind bringen?“, hört sie aus Stuttgarter Einrichtungen: „Wir haben keinen Platz für Ihre Tochter frei.“
Ihr Mann ist Berufskraftfahrer
Tatsächlich ist es eine Mischung aus Umständen und Überzeugungen, aus großen Entscheidungen und kleinen Zufällen, die Kerstin Bienzle zur Hausfrau machen. Wie das Leben halt so spielt. Der Mann, den sie in Stuttgart heiratet, ist Berufskraftfahrer, immer unterwegs. Er bringt Seecontainer vom Stuttgarter Neckarhafen aus ins ganze Land. Und wenn ein Kunde um 8 Uhr früh die Lieferung am Bodensee braucht, muss Karl Bienzle eben um 4 Uhr los. Keine Chance, dass er kranke Kinder hütet oder den Haushalt wuppt. „Er ist da auch eher altmodisch. Das wäre nicht sein Ding“, sagt seine Frau. Und sie ist auch gar nicht scharf darauf: „Ich bin im Organisieren einfach besser als er.“
Keine Frage, dass Kerstin Bienzle 2010, als der erste gemeinsame Sohn Laurenz auf die Welt kommt, wieder drei Jahre Elternzeit nimmt. Sie verlängert sich um weitere drei, als 2013 Ludwig geboren wird. Aber 2016 muss sie sich entscheiden: Will sie zurück auf ihre Stelle im Beschwerdemanagement einer Stuttgarter Firma, wo flexible Arbeitszeiten und Homeoffice Fremdwörter sind? „Nö!“, sagt die Chefin auf ihre Frage danach.
„Ich will kündigen“, sagt sie zu ihrem Mann
„Je näher der Termin rückte, umso mehr Angst bekam ich, das alles nicht zu packen.“ Ihr Ältester hat mittlerweile eine Autismus-Diagnose. Allein sein kann er nie. Kerstin Bienzle kümmert sich dazu um eine alte Tante und die Schwiegermutter, die im selben Haus in Stuttgart leben, wo sie damals wohnen. Ihre Tage sind vollgepackt. Wer soll das alles übernehmen, wenn sie im Büro sitzen wird? Eine Antwort darauf, die sie zufrieden macht, findet sie nicht. „Ich will kündigen“, sagt sie deshalb zu ihrem Mann. Und der sagt: „Dann bleib daheim. Das ist okay.“
Wer kümmert sich um Kinder und Alte und all das Drumherum, wenn beide Eltern arbeiten gehen? Das fragt sich nicht nur Kerstin Bienzle. Im Kinderbetreuungssystem reiht sich Lücke an Lücke, die behütenden Orte für Senioren werden knapp. Überhaupt: Soll die Sorge umeinander immer nur ausgelagert sein? Das Ideal der erwerbstätigen Mutter – so finanziell sinnvoll für jede, so notwendig für die Wirtschaft es sein mag – macht offenbar, wo Antworten fehlen.
Die Männer müssen mehr übernehmen, sagen die einen
Ideen gibt es schon: Männer müssen endlich ihre Hälfte der Sorgearbeit übernehmen, sagen die einen. Die Wochenarbeitszeit aller muss runter, sagen die anderen. Und währenddessen feiern ultrakonservative Kreise unter #tradwife, also traditionelle Ehefrauen, die Hausfrau als Ideal weiblicher Existenz. Kerstin Bienzle hält sich aus diesen Diskussionen heraus. Ihren Blog und Youtube-Kanal versteht sie rein deskriptiv. Sie zeigt, wie sie Waschmittel selbst zusammenrührt, Spielzeug ausmistet oder nach der Flylady-Methode „mit System putzt“. Ihr gehe es nicht um Ideologie, sondern Lebenshilfe, sagt Kerstin Bienzle und weiß dabei, dass es für ihre Art der Haushaltsführung vor allem eines braucht: Zeit. Dass die Internetaktivitäten mittlerweile ein kleines Einkommen einbringen, fühle sich gut an. Zum ersten Mal verdiene sie Geld mit etwas, das ihres ist.
Es sei ihr immer wichtig gewesen, ihren Mann nicht um Geld fragen zu müssen, sagt Kerstin Bienzle. Auf ihr Konto fließen Kinder- und Pflegegeld. Als Betreuerin des Sohnes ist sie rentenversichert. Ihr Mann zahlt in eine Altersvorsorge für sie ein. Ihr Modell können sich die Bienzles auch deshalb leisten, weil sie mietfrei wohnen. Eine Immobilie war schon im Familienbesitz. Auf teure Urlaube und Klamotten verzichten sie.
Sie wohnen mietfrei, das macht es leichter
Die Wahlfreiheit, die sie lebt, würde sich Kerstin Bienzle für jede wünschen. Da könne die Politik schon mehr tun, findet sie. Indem sie Kümmerarbeit finanziell anerkennt, indem sie Alleinerziehende mehr unterstützt. Sie glaubt, dass auch andere Frauen ihren Weg wählen würden. So nimmt die Mutter es um sich herum wahr.
Vor ein paar Jahren bekam ihre große Tochter ein Kind. Nach einem Jahr stieg sie als Krankenschwester voll im Schichtdienst ein, teilte sich die Betreuung mit ihrem Mann – und war ständig erschöpft. Kerstin Bienzle erinnert sich an ein Gespräch. Die Tochter sagte: „Mama, ich beneide dich.“