Eine Mutter erzählt Wie es ist, sich mit kleinen Kindern zu trennen

Loyalitätskonflikte gegenüber Eltern müssen vermieden werden, sagen Experten. Foto: imago/Oleksandr Latkun

Sich trennen oder zusammenbleiben? Sind die Kinder noch sehr klein, fällt die Entscheidung besonders schwer. Eine Mutter erzählt, wie sie die Trennungsphase erlebt hat. Experten erklären, was Kinder brauchen, um trotzdem glücklich zu sein.

Lange Zeit hadert Alma Wind (Name geändert) mit der Entscheidung, sich zu trennen. „Zwei Kinder, eine glückliche Ehe, das habe ich mir immer gewünscht“, sagt die 40-Jährige. Wind und ihr Ex-Mann lernen sich während des Studiums kennen. Sie heiraten, sind gleichzeitig beste Freunde und arbeiten in Erfolg versprechenden Jobs. Wind wird mit dem ersten Kind schwanger, dann mit dem zweiten. In der Ehe der beiden ruckelt es, bald immer heftiger. Nach der Geburt des zweiten Kindes steht sie vor der Entscheidung: unglücklich bleiben und den Kindern eine heile Welt vorspielen – oder sich trennen, weil es sich nicht mehr richtig anfühlt?

 

Dass Konflikte in Partnerschaften zunehmen, wenn Kinder dazukommen, überrascht Trennungscoachin Dorothea Behrmann nicht: „Ein Kind bedeutet für Beziehungen immer einen Umbruch. Mehr Verantwortung, neue Aufgaben – ein Paar wird auf ganz neue Weise als Team herausgefordert“, sagt Behrmann, die Personen bei einer respektvollen Trennung von ihrem Partner unterstützt. Nahezu jede fünfte Familie lebt laut Angaben des Statistischen Bundesamtes heutzutage in Trennung.

„Ein günstiges Alter für die Trennung gibt es nicht“

Bei beiden Kindern ging Wind in Elternzeit. Doch statt Anerkennung für ihre Care-Arbeit zu erhalten, gab ihr Ex-Mann ihr das Gefühl, finanziell abhängig von ihm zu sein. „Ein einfaches Danke habe ich nie erhalten“, erzählt sie. Doch Wind zögerte die Trennung hinaus, auch weil ihre Kinder noch so klein waren. Als ihre Tochter knapp zwei und ihr Sohn drei Jahre alt waren, zog sie einen Schlussstrich.

Den Zeitpunkt der Trennung vom Alter der Kinder abhängig zu machen, hält der Entwicklungspsychologe und Bindungsexperte Claus Koch ohnehin für den falschen Weg. „Ein günstiges Alter der Kinder für eine Trennung gibt es nicht.“ Auch ein sechs Monate altes Kind nehme bereits wahr, wenn sich Eltern streiten, hektischer und ungeduldiger sind als gewohnt. „Kinder verspüren durch die Unruhe der Eltern eine innere Unsicherheit. Oftmals können sie dann schlechter einschlafen, klammern oder weinen mehr“, sagt Koch. Gebe es gar kein solides Fundament für die Beziehung, sei eine geordnete Trennung der bessere Weg.

Nur wenige Paare praktizieren das Wechselmodell

Für Wind platzte mit der Trennung ein Traum. „Überall sah ich plötzlich scheinbar glückliche Familien“, erzählt sie. Freunde und Bekannte waren überrascht und hatten eine Trennung mit so kleinen Kindern nicht erwartet. Besonders die ersten Monate waren hart für Wind. „Er war sehr wütend und wollte die Trennung nicht.“ Zunächst teilten sie sich die Stockwerke der Wohnung auf, dann zog Wind in eine Dreizimmerwohnung in derselben Stadt.

Wollen Eltern getrennte Wege gehen, muss eine passende Betreuungsform gefunden werden. Das Wechselmodell, bei dem sich Eltern meist hälftig die Betreuungszeit aufteilen, wird Schätzungen zufolge in Deutschland gerade einmal von fünf Prozent der Eltern gelebt. Und für Kinder bis sechs Jahren sei es laut Bindungsexperte Koch eher nicht geeignet. „Kleine Kinder brauchen Rituale und Strukturen. Sie müssen sich an Geräusche und Gerüche gewöhnen und wollen von denselben Menschen ins Bett gebracht werden“, sagt Koch. Eine Studie der Universität Duisburg-Essen zeigt, dass eher Kinder ab sieben Jahren von einem Wechselmodell profitieren. Und das nur, wenn die getrennten Eltern ein gutes Verhältnis pflegen und Konflikte nicht vor ihren Kindern austragen.

Die Betreuung mit bunten Kalendern visualisieren

Beim Residenzmodell leben die Kinder hauptsächlich bei einem Elternteil – auch heute noch in etwa neun von zehn Fällen bei der Mutter. Auch wenn das laut Koch bei kleinen Kindern bis eineinhalb Jahren wegen einer starken Mutter-Kind-Bindung oft Sinn mache, dürfe der Vater keinesfalls von der Bildfläche verschwinden. Er rät, feste Zeiten zu vereinbaren, zu denen der Vater Zeit mit seinem Kind verbringt. „Die Mutter kann sich dann zurückziehen und den beiden Raum geben, eine verlässliche Beziehung aufzubauen.“ Die Voraussetzung dafür: „Eltern müssen für zwei oder drei Stunden ihre Konflikte niederlegen, sonst verwirrt es das Kind“, mahnt Koch.

Da Winds Kinder bei der Trennung nicht mehr im Säuglingsalter waren, haben sie von Anfang an drei von vier Wochenenden im Monat bei ihrem Vater verbracht. „Anfangs habe ich mich immer gesorgt, ob sie bei ihm gut betreut sind. Während unserer Ehe hat er sich schließlich kaum gekümmert“, erinnert sich Wind. Heute teilen sie sich die Wochenenden paritätisch auf. Damit Kinder merken, dass hinter der Betreuung eine Regelmäßigkeit steckt, könnten Eltern die Betreuung gemeinsam mit ihren Kindern visualisieren, rät Trennungscoachin Behrmann. Auf einem Abrisskalender oder einem Jahresplaner mit bunten Symbolen sehen Kinder, wann sie bei welchem Elternteil wohnen.

Loyalitätskonflikte unbedingt vermeiden

Dass Wind und ihr Ex-Mann nicht mehr glücklich waren, konnten sie vor ihren Kindern nicht verheimlichen. „Unsere Kinder haben uns nie als funktionierendes Paar erlebt. Unser Sohn hat miterlebt, dass wir uns streiten oder dass ihr Vater im Büro geschlafen hat“, erzählt sie. Als beide ins Kindergartenalter kamen, hätten sie sich immer wieder gewünscht, dass ihre Eltern noch zusammen wären. „Im Kindergartenalter lernen sie andere Familien kennen und merken, dass ein Elternteil im Alltag fehlt“, erklärt Koch. Wichtig für Trennungskinder sei vor allem Transparenz darüber, wie es für die Familie weitergehe. „Kinder brauchen Zuspruch, dass beide Elternteile für sie da sind und dass sie beide lieben dürfen“, sagt der Entwicklungspsychologe Koch. Ansonsten entstünden schwere Loyalitätskonflikte.

„Für ein Schaumbad habe ich keine Zeit“

Bei Wind und ihrem Ex-Mann ist die Beziehung bis heute sehr angespannt. Zwischenzeitlich konnten beide nur über vermittelnde Dritte miteinander sprechen. Heute kommunizieren sie über SMS oder E-Mail. Trennungscoachin Behrmann rät getrennten Paaren oftmals zu einer Messenger-Gruppe, in der wichtige Absprachen getroffen werden können. „Das ist ein geschützter Raum. Hier wird im Sinne des Kindes entschieden.“ Ein Bild der Kinder als Profilfoto der Gruppe erinnere die Eltern, um wessen Wohl es gehe.

Als nahezu alleinerziehende Mutter ist Winds Alltag eng getaktet. Alle wichtigen Absprachen in Schule und Kita, Arzttermine und Hobbys liegen in Winds Verantwortung. Dazu kommen der Druck und auch der Wille, finanziell auf eigenen Beinen zu stehen. „Ich fühle mich pausenlos überlastet. Für ein Schaumbad habe ich keine Zeit.“ Ihre Trennung bereut Wind nicht. Ohne ihren Ex-Partner geht es ihr besser. Ihre Kinder liebt sie, doch immer wieder regen sich Zweifel an ihrer Mutterschaft: „Hätte ich gewusst, dass das Leben als Mutter für mich so ist, hätte ich vermutlich keine Kinder bekommen“, sagt Wind.

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