Eine Partei im Modus der Selbstbeschäftigung Die SPD sucht ihre(n) Retter

Eine Option unter vielen: Klara Geywitz und Olaf Scholz bewerben sich um den SPD-Vorsitz. Foto: dpa

Die Kandidatentournee der SPD verspricht ein Maximum an Basisdemokratie, hat aber ihre Tücken. Eine Doppelspitze birgt zudem Risiken. Am Ende entscheiden ganz andere Frage, meint StZ-Autor Armin Käfer.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)

Stuttgart - Die Reise der SPD zu sich selbst führt an diesem Samstag nach Bernburg an der Saale. Dort ist die dritte von insgesamt 23 Gelegenheiten für Genossen, die Aspiranten für den Parteivorsitz zu besichtigen. Wer Bernburg an der Saale nicht gleich zu verorten weiß, zählt zur großen Mehrheit derer, die auch die meisten der inzwischen nur noch 15 Namen auf der Kandidatenliste wohl erst googeln müssen. Der Mangel an Prominenz im Bewerberfeld spiegelt den Bedeutungsverlust dieser Partei – wenngleich ihre Verdienste für die Demokratie in Deutschland kaum zu überschätzen sind. Wahltriumphe zählen zur großen Vergangenheit der SPD. Die Zukunft erscheint weniger glorreich. Egal, wer den Marathonlauf dieser Kandidatenkür gewinnt.

 

Rekordverdächtiges Prozedere

Alles an diesem Prozedere ist rekordverdächtig: die Dauer, die Kosten, die Zahl der Bewerber. Die SPD leistet sich nachgerade ein Maximum an Basisdemokratie. Mehr ginge nur, wenn die Kandidaten jeden Genossen einzeln heimsuchen würden. Mit dem beispiellosen Aufwand verbindet sich die Hoffnung, die neue Spitze möglichst tief im Parteivolk zu verankern. Was den Anschein erweckt, die Partei und ihre künftige Spitze zu stärken, könnte sich aber auch ins Gegenteil verkehren. Bei diesem Verfahren und der Vielzahl an Bewerbern ist unwahrscheinlich, dass die Kür auf eine absolute Mehrheit hinausläuft. Die wohl unvermeidliche Stichwahl dürfte knapp ausgehen. Der Parteitag im Dezember stünde dann vor dem Problem, das Mitgliedervotum so eindeutig zu bestätigen, dass es nicht blass wirkt vor den Wahlergebnissen, die bisherige SPD-Vorsitzende für sich verbuchen konnten. Deren Fulminanz stand freilich oft im umgekehrten Verhältnis zur Fortune des Gewählten. Erinnert sei bloß an die 100-prozentige Entscheidung für Martin Schulz.

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Warum braucht eine in Umfragen und Wahlergebnissen zum Schatten früherer Größe geschrumpfte Partei partout eine doppelt besetzte Chefetage? Darauf läuft es doch hinaus. Die SPD entdeckt den Charme kollektiver Führung zu einem Zeitpunkt, da sie bei den Grünen, welche das Prinzip kultiviert haben, langsam aus der Mode kommt – schon wegen der Notwendigkeit, einen Kanzlerkandidaten zu benennen. Aber solche Sachzwänge müssen den Sozialdemokraten bei der nächsten Bundestagswahl kein Kopfzerbrechen bereiten. So wie die Dinge liegen, können sie sich bestenfalls in ihrer Juniorrolle als Mehrheitsbeschaffer einrichten.

Zwei Chefs statt einem versprechen im Idealfall, dass sich mehr Mitglieder mit der Spitze identifizieren, sich mehr von ihr repräsentiert sehen. Zumal die Bewerbertandems vielerlei Paritäten abbilden. Eine Doppelspitze birgt aber auch mehr Konfliktpotenzial – das Risiko der Selbstlähmung von oben herab. Auch das lässt sich im Archiv der Grünen besichtigen.

Wie lässt sich soziale Gerechtigkeit neu buchstabieren?

Je schlechter es der SPD geht, desto größer wird die Sehnsucht nach Flucht aus der großen Koalition. Dabei steht deren prominentester Gegner, Kevin Kühnert, gar nicht zur Wahl. Unter den Bewerbern gibt es mehr linke als Realo-Duos – die sich aber Stimmen streitig machen. Zudem scheint das Zutrauen in die Politik der Groko gerade wieder zu wachsen. Marschiert Genosse Trend mal wieder nicht im Gleichschritt mit der SPD?

Wenn Selbstbeschäftigung allein schon eine Erfolgsstrategie wäre, müssten die Sozialdemokraten nach all ihren Programmdebatten, Zukunftskongressen und jetzt dieser Marathonkür in ganz anderen Höhen schweben. Am Ende zählen aber konkrete Botschaften: Wen will die SPD eigentlich vertreten? Womit macht sie sich unentbehrlich? Wie lässt sich ihr Generalthema, die soziale Gerechtigkeit, neu buchstabieren? Antworten auf diese Fragen sind entscheidender als die Namen des oder der künftigen Vorsitzenden.

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