Eine Sammlung Römertöpfe erzählt Geschichte

Von "Bad Cannstatt und Neckarvororte" 

Stadtmuseum Die Ausstellung über die antiken Kannenbäcker zeigt die Bedeutung Cannstatts im 2. und 3. Jahrhundert als Industriestandort für die Großproduktion von Gebrauchskeramik und gibt Einblicke in das damalige Leben und den Niedergang der Epoche. Von Sybille Neth

Stadtmuseum Die Ausstellung über die antiken Kannenbäcker zeigt die Bedeutung Cannstatts im 2. und 3. Jahrhundert als Industriestandort für die Großproduktion von Gebrauchskeramik und gibt Einblicke in das damalige Leben und den Niedergang der Epoche. Von Sybille Neth

Hilario - der Heitere heißt der römische Töpfer vom Hallschlag, ob er je gelebt hat, ist fraglich. Aber die Arbeiten seiner Zunft sind jetzt im Stadtmuseum zu sehen. Eine kleine Ausstellung mit Gebrauchsgeschirr aus der Ausgrabung auf dem Hallschlag. Ortsgeschichtlich haben die Keramikscherben, die kugeligen Krüge, Reibeschalen und Backformen viel zu erzählen und auf den ausführlichen Schrifttafeln erklären die Ausstellungsmacher um Andreas Thiel vom Landesamt für Denkmalpflege, wie Cannstatt im zweiten und dritten Jahrhundert nach Christus als einer der größten Industriestandorte für die Geschirrproduktion im heutigen Europa ausgesehen haben könnte.

Hilario führt sozusagen durch die 4000 Quadratmeter große Ansiedlung der Töpfereien, die sich damals auf dem Hallschlag befand. Mindestens 80 Ofenanlagen entdeckten die Archälogen hier und 13 Töpferöfen konnte sie rekonstruieren. Neben der Großproduktion von Geschirr, spielte Cannstatt auch als Militärstandort am Neckarlimes eine wichtige Rolle. Die Siedlung auf dem Hallschlag und an beiden Seiten des Neckars war die Etappenstation für den gesamten römischen Fernverkehr zwischen Rhein und Donau schlechthin.

Dreimal sogar stießen die Archäologen auf die Siedlung am Sparrhärmlingweg. Die ersten Scherben fanden sie 1817, aber in großem Stil begann der Konservator Oskar Paret 1929 zu graben. Genau 80 Jahre später wiederholte sich die Geschichte, weil der rührige Hobbyarchäologe Walter Joachim zugegen war als an der gleichen Stelle wieder die Bagger auffuhren.

Im Jahr 1929 als der erste Band von "Tim und Struppi", aber auch der erste "völkische Beobachter" erschien und Carl Benz verstarb, leitete Paret eine für die damalige Zeit bemerkenswerte Neuerung in der Archäologie ein: Eine Rettungsgrabung für die römischen Funde am Sparrhärmlingweg, denn dort wurden neue Wohnhäuser gebaut. "Das waren die Anfänge der Denkmalpflege", berichtet der Denkmalschützer Thiel, der die jetzige Ausstellung betreut hat und Parets Errungenschaft in den Kontext seiner Zeit stellt. Funde von 1929 lagern seither im Württembergischen Landesmuseum, jetzt sind sie im Stadtmuseum zu sehen. 2009 wurden diese, mittlerweile in die Jahre gekommenen, Wohnhäuser abgerissen. Die Stuttgarter Wohnungs-und Städtebaugesellschaft (SWSG) errichtete an ihrer Stelle neue Wohnungen nebst Tiefgarage. Als sich die Baggerschaufeln ins Erdreich bohrten, um die Grube für die unterirdischen Autoabstellplätze auszuheben, wachte der ehrenamtliche Mitarbeiter des Landesdenkmalamtes Joachim mit strengem Augen. "Die Bergung war ein Wettlauf mit der Zeit", erinnert sich Claus Wolf vom Landesamt für Denkmalpflege. Joachims Engagement ist es zu verdanken, dass der Töpfereibezirk entdeckt wurde, bevor er für immer unter der Wohnbebauung des 21. Jahrhunderts verschwunden ist.

Ob Hilario, der Töpfer, womöglich ein Mörder war, lässt die Ausstellung zwar offen. Über die mögliche dunkle Seite des "Heiteren" wird jedoch spekuliert, denn die Archäologen fanden auch ein Paar, das unübersehbar erschlagen und dann in einen teilweise verfüllten Brunnen geworfen wurde, neben ihnen lag ein Hund, der ebenfalls dort hineingeworfen worden war. Die teilweise verquere und verschränkte Lage der Skelette lies diese Schlussfolgerung zu. Jetzt sind die menschlichen Überreste im Stadtmuseum unter gläsernem Verschluss und erzählen durch ihr tragisches Ableben, dass im ausgehenden dritten Jahrhundert die Römerzeit durch eine Zeit des Aufruhrs abgelöst wurde, in deren Verlauf viele Menschen eines gewaltsamen Todes gestorben sind.

Im ersten Stock des Stadtmuseums erfährt der Besucher auch etwas über die Arbeitsweise der Archäologen, denn nach einer Ausgrabung, die immer eine planvolle Zerstörung des Fundes darstellt, bleibt nur "ein Denkmal auf Papier": Fotos, Pläne und Beschreibungen für die Nachwelt. Zur Ausstellung mit dem Titel "Die Töpfe des Hilario. Antike Kannenbäcker am Neckar" gibt es ein umfangreiches Begleitprogramm mit Führungen durch das römische Cannstatt. Für Kinder und Schulklassen gibt es originelle Mitmachaktionen. Die Ausstellung ist bis 25. September geöffnet. Nähere Informationen gibt es unter den Telefonnummern: 216 - 61 89 oder 216-6191.