Eine Schwester nimmt Abschied für immer Wenn unerwiderte Bruderliebe über den Tod hinaus wirkt

Letzte Ruhe unter der Linde im Friedwald. Hier ist ihr Bruder gut aufgehoben, findet Ute. Foto: © sichtlichmensch/ Andreas Reiner

Ute hat ihren Frieden damit gemacht, dass ihr älterer Bruder in ihrem Leben keine Rolle spielen will. Als er überraschend stirbt, merkt sie, dass Familie doch nicht so einfach aufhört. Die Geschichte eines Abschieds.

Familie/Bildung/Soziales: Hilke Lorenz (ilo)

Nur kein Brimborium. Keine Todesanzeige. Kein Trauerredner. Was hätte sie ihm auch erzählen sollen. Einfach ein schlichter Abschied, weil man seinen Bruder ja irgendwie beisetzen muss, sollte es sein. Anton, der Name ist geändert, ist Utes großer Bruder. Zwei Jahre älter als sie. Da möchte man sich gerne ein inniges Verhältnis vorstellen, eine Geschwisterliebe, die beide füreinander durch dick und dünn gehen lässt. Stellt sich zwei vor, die sich nach dem Tod der Eltern gegenseitig Halt geben, wie man ihn eben manchmal braucht. Aber Anton ist keiner, der seiner kleinen Schwester das geben kann. Mit seiner Mutter verbindet ihn ein innigeres Verhältnis. Bevor sie 2018 stirbt, gibt sie Ute den Wunsch mit auf den Weg: „Seid gut miteinander!“ Was aber tun, wenn der andere das gar nicht will?

 

„Ich wollte, dass er sich für mich interessiert, dafür, was ich mache“, sagt Ute nüchtern sachlich. Von klein auf war das so. Als einziges Mädchen im Viertel will sie schon damals mit den Buben mitspielen. Der Bruder hält sie auf Distanz. So erinnert sie sich. „Ich wollte, dass ich mich auf ihn verlassen kann“, sagt die 63-Jährige und meint mehr als die lange zurückliegenden Kinderspiele. Ein solcher Mensch ist Anton nie gewesen. „Das hat mich lange beschäftigt.“ Nie fragt er etwas nach. Nach seiner Scheidung macht der Bruder sein Junggesellending mit seinen Biergartenkumpels. Und Ute arrangiert sich mit dem fernen Bruder, der nur ein paar Kilometer entfernt von ihr wohnt. Erwartet nichts mehr von ihm, nimmt immer wieder Abschied vom Traum der geschwisterlichen Nähe. „Das ist nicht von heute auf morgen gegangen.“ Manchmal kommt ihr der abs-truse Gedanken, sie seien womöglich gar nicht verwandt. Im Krankenhaus vertauscht oder so. Denn es fällt ihr nicht immer leicht, diesen Zustand zu akzeptieren. Auch wenn ihr Freundeskreis groß und Langeweile nicht ihr Thema ist.

Am 14. Juli letzten Jahres klingelt es nachts an ihrer Tür. Sie machte nicht auf. Wer kann schon mitten in der Nacht etwas von ihr wollen? Am nächsten Morgen klingelt es wieder. Die beiden Polizisten, denen sie noch im Nachthemd gegenübersteht, teilen ihr mit: Anton ist tot. Gestorben mit 65. In der vergangenen Nacht haben Polizei und Feuerwehr die Tür zu seiner Wohnung aufgebrochen, weil ein Freund aus dem Biergarten sich Sorgen machte, dass es seit Tagen kein Lebenszeichen mehr von Anton gegeben hat und die Rollläden unten bleiben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, um die Todesursache zu klären. Es ist Hochsommer und brütend heiß. Wann genau und woran Anton gestorben ist, lässt sich nicht mehr feststellen. Zwei Monate zuvor hat Ute ihren Bruder zum letzten Mal getroffen. „Aber er hat in den letzten Jahren nicht den Eindruck auf mich gemacht, er sei unglücklich“, erinnert sie sich. Wenigstens das. Nur egal war ihm eben vieles.

Die Bestatterin rät Ute, ihn nicht mehr zu sehen. Sie will das auch gar nicht. Es kostet sie schon viel Überwindung, kurz nach der Todesnachricht in Antons Wohnung zu gehen. Als einzige Angehörige ist das jetzt ihr Job. Vor dem Gesetz ist es egal, wie gut und intensiv die Beziehung von Geschwistern zueinander ist. Für die Bestattung braucht Ute die Krankenkassen- und Rentenversicherungsnummer ihres Bruders. Immerhin: Einen Schlüssel zu seiner Wohnung hat sie. Sie nimmt eine gute Freundin mit und einen Freund ihres Bruders. Gegen den Geruch in der Wohnung behelfen sie sich mit Masken. Sie tragen Einweghandschuhe. Gefühlt schwirren Millionen von Fliegen durch die Wohnung. Ute will das alles schnell abwickeln, nicht in ihr Leben lassen. Denn sie spürt den Berg, der vor ihr steht. „Jetzt muss ich seine Wohnung ausräumen“, ist einer ihrer ersten Gedanken. Erst mal ist da Wut über den unerwarteten Abgang des Bruders. Wie ein Faustschlag trifft sie die Situation. Dazu kommt das Gefühl, jetzt wirklich ganz alleine zu sein. Die Trauer kommt später, aber auch die will sie erst mal nicht wirklich zulassen.

Ein Tatortreiniger macht den Anfang

Anton war ein Sammler und Aufheber. Entsprechend hoch ist der Berg. Ute will die Sache pragmatisch angehen. „Ich wollte mich da nicht emotional reinhängen. Ich wollte das abwickeln.“ Es beginnt das große Sortieren. Das Grobe übernimmt eine Art Tatortreiniger, ein Freund räumt das Schlafzimmer, in dem Anton gestorben ist. Dann ist Ute dran. Ab und zu kommt ihr der Gedanke, dass der Bruder es ganz schrecklich finden würde, wie sie jetzt seine Schränke und Schubladen durchforstet. Aber wer soll es machen, wenn nicht sie?

Zwischen all dem setzt sie sich Anfang August in ein Carsharingauto, lädt noch zwei betagte Freundinnen der Familie aus Kinderzeiten ein und fährt zum Friedwald in Schwaigern (Kreis Heilbronn). Sie will die Beisetzung noch vor ihrem Geburtstag in ein paar Tagen hinter sich bringen. Den Friedwald hat sie gewählt, weil auch ihre Mutter auf deren ausdrücklichen Wunsch hin dort begraben ist. Der Bruder hat sich dazu nie geäußert, auch nicht beim Besuch an der Ruhestätte der Mutter.

Der Förster hat den Platz unter einer dicken alten Linde ausgesucht. Es gießt in Strömen. Es wird eine Beisetzung in Gummistiefeln und mit Regenschirm, „aber es war dann doch für mich sehr passend, wie es gelaufen ist“. Nur einen Biergartenkumpel hat Ute von dem Termin in Kenntnis gesetzt und einen ehemaligen Arbeitskollegen. Doch dann stehen da plötzlich über 20 Menschen in der Feldahorngasse im Friedwald und wollen Abschied nehmen. Auch alte Freunde kommen, die Ute gar nicht benachrichtigt hat. Sie begrüßt alle und fragt, ob jemand etwas über den Bruder erzählen möchte. Eine Cousine, ein Arbeitskollege und ein Freund aus dem Biergarten treten nacheinander vor und berichten von Erlebnissen mit Anton. Von seiner Leidenschaft für Fahrradklamotten und seiner Begeisterung für Töpfe etwa. Auch ohne offiziellen Trauerredner gibt es kleine, sehr persönliche Erinnerungen. Der Tag klingt in dem Biergarten aus, in dem Anton und seine Freunde Stammgäste waren. Es tut Ute gut. „Das war dann ganz arg schön“, sagt sie.

Sein Mercedes ist jetzt in Kamerun

Zu Hause aber geht das Ausräumen weiter. Ute begreift das eher als „zwangsweise Annäherung“, die ihr ihren Bruder aber nicht näherbringt. „Er ist mir eher noch fremder geworden.“ Von allem gab es in der Wohnung viel. Alles hochwertig. Viele neu gekaufte Töpfe, teure Messer, Uhren, mehrere E-Bikes, Fahrradklamotten und Fahrradschuhe – einen ganzen Schrank voll. „Die sind jetzt alle in Kamerun“, sagt die Weltenbummlerin, mit verschwörerischem Unterton. Auch Antons Daimler fährt jetzt durch das afrikanische Land. Einer der Entrümpler kommt von dort. Vieles verschenkt Ute. Anderes verkauft sie.

Sie findet Geld, Dollars und andere Devisen von lange zurückliegenden Reisen, die sind zum Teil so alt, dass eine Bank sie nicht mehr nehmen und in dieser Menge wegen des fehlenden Herkunftsnachweises nicht eintauschen will. Der 60-Euro-Gutschein für Manufactum, den sie ihrem Bruder zum 60. Geburtstag geschenkt hat, liegt zwischen all den anderen Papieren. Uneingelöst. Das Geschirr, das sie ihm mit Freunden bei der Auflösung der elterlichen Wohnung 2018 auf seinen Wunsch hin in einen Korb gepackt hat, steht unangerührt wie eben hingestellt. Das hinterlässt trotz aller innerer Distanz, mit der sie das Ausräumen der Wohnung angeht, einen bitteren Nachgeschmack. „Das kann ich nicht nachvollziehen – und will es auch gar nicht“. Fremd ist Anton ihr in diesen Momenten.

Steuererklärung für einen Toten

So schnell, wie sie erhofft hat, geht es dann aber doch nicht. Aber da die Wohnung ihrem Bruder gehörte, muss sie sich nicht beeilen. Die Einzige, die Druck machen könnte, ist sie selbst, ihre Furcht, es könne noch etwas Wichtiges in der Wohnung sein. Sie merkt jedoch: „Es brauchte Zeit, und ich brauchte Zeit.“ Die lässt sie sich, macht sogar noch die ausstehende Einkommensteuererklärung für den Verstorbenen. Auch die Frist für den Antrag auf Grunderwerbsteuer hat er verstreichen lassen. Sie füllt den Antrag aus. Es gibt Phasen der Wut, dass er sich nicht selbst um seine Dinge gekümmert hat. Aber ob Wut oder Verwunderung, das Rätsel Bruder lässt sich auch durch Nähe zu den Dingen in seiner Wohnung nicht lösen. Es gibt kein Erinnerungsstück an ihn, das Ute mitnimmt. „Ich habe nicht danach gesucht.“

Ein gutes halbes Jahr nach der Beisetzung steht Ute wieder an der Linde, unter der die Urne mit Antons Asche begraben ist. „Hier kann er gut sein“, sagt sie und schaut nach oben. „Hier ist er gut aufgehoben.“ In der Nähe der Mutter. Manchmal denkt sie: „Für manche Sachen gibt es jetzt niemanden mehr, den ich fragen kann.“ Sie ist die Letzte, die von ihrer Familie übrig geblieben ist. Antons Wohnung ist jetzt endlich leer. Die Räume sind nun bereit zur Weitergabe an neue Besitzer. Antons Putzfrau, die ihn sehr gemocht hat (und er sie), putzt noch einmal durch. Ute ist dabei. „Das war ein guter Abschluss“, sagt sie. Und es ist ein letztes, ganz ungeplantes Abschiedsritual.

Dieser Artikel erschien erstmals am 8. April 2024.

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