Eine Seilbahn für Stuttgart? Die Pläne kommen nicht vom Fleck

Es müssen nicht immer die Alpen sein: Über das Areal der Internationalen Gartenbauausstellung in Berlin schwebten Gondeln auf einer Strecke von 1,5 Kilometern. Foto: dpa

Ob Gondelbahnen das Stuttgarter Stauproblem lösen können, wird nach wie vor geprüft. Konkrete Erkenntnisse liegen nicht vor. Das liegt auch an einem Kompetenzwirrwarr zwischen Stadt und Land.

Stadtentwicklung/Infrastruktur : Christian Milankovic (mil)

Stuttgart - Die Idee, Seilbahnen zur Lösung des Stuttgarter Stauproblems einzusetzen, ist kein Selbstläufer. Dabei fehlt es für das Projekt weder an Geld noch an politischer Unterstützung. Grund für den Stillstand ist offensichtlich vielmehr ein Kompetenzwirrwarr zwischen Stadt und Land. Statt Planern sind bislang vor allem Gutachter mit der Sache betraut.

 

Erste Untersuchungsergebnisse im Frühjahr

Der Stuttgarter Gemeinderat hat das Seine getan. Im Juli des vergangenen Jahres bewilligten die Kommunalpolitiker auf Anregung von CDU, SPD und Grünen 200 000 Euro für eine Studie, die die Machbarkeit und das Potenzial von innerstädtischen Seilbahnen aufzeigen sollte. Geschehen ist seitdem indes nichts. Das liegt auch daran, dass zum Zeitpunkt der Entscheidung im Rathaus das baden-württembergische Verkehrsministerium unter Winfried Hermann (Grüne) längst eine Untersuchung unter dem vielversprechenden Titel „Hoch hinaus in Baden-Württemberg“ beim Karlsruher Institut für Technologie (KIT) in Auftrag gegeben hatte. Die im Oktober 2015 initiierte Expertise soll „Aufschluss über die Praxistauglichkeit, das Realisierungspotenzial und planerische Erfordernisse urbaner Luftseilbahnsysteme in Deutschland und Baden-Württemberg geben“, wie es auf der Webseite des KIT heißt. Die Karlsruher bieten dafür gleich zwei Forschungseinrichtungen auf. Sowohl das Institut für Verkehrswesen als auch das Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse sind an der Untersuchung beteiligt.

Trotz dieses Einsatzes gibt es noch nichts Greifbares. „Ergebnisse, einschließlich eines Handlungsleitfadens für die Praxis werden voraussichtlich bis zum Ende des ersten Quartals 2018 vorliegen“, erklärt eine Ministeriumssprecherin.

Das Rathaus wartet auf das Land

Im Rathaus hat man eine eigene Sicht auf die Vorgänge. Nach dem Gemeinderatsbeschluss im Sommer habe es Gesprächsrunden mit dem Land gegeben, in denen über die Ausschreibung einer Studie im Sinne der Kommunalpolitiker diskutiert worden sei. Nach den großen Ferien sei der Dialog zum Erliegen gekommen. „Wir haben auf das Land gewartet“, heißt es. Die Stellungnahme des Rathauses fällt moderater aus: „Wir werden uns die Ergebnisse der Hoch-hinaus-Studie ansehen und dann entscheiden, wie es weitergeht“, sagt der Verkehrsplaner Stephan Oehler.

Es könnte also durchaus sein, dass auf die Gutachter weitere Arbeit zukommt. Im Verkehrsministerium heißt es, dass dies davon abhängig sei, „wie erschöpfend die Ergebnisse der Hoch- hinaus-Studie für die spezifischen Stuttgarter Fragestellungen sind. Gegebenenfalls kommt für die dann noch offenen Fragen statt einer weiteren Ausschreibung auch ein Nachtrag zur Hoch-hinaus-Studie infrage. Das wird gerade in Absprache zwischen dem Verkehrsministerium und der Landeshauptstadt geklärt.“ Offenbar ist aber auch im Ministerium klar, dass die Geduld im Rathaus endlich ist. Offene Fragen „sollen nach Möglichkeit im Laufe des Jahres 2018 beantwortet sein“, so die Ministeriumssprecherin.

Experten warnen vor Widerständen

Die Grünen und die SPD im Gemeinderat begehrten von der Stadtverwaltung im Juli 2017 Auskunft hinsichtlich Taktung und Kapazität eines „Seilbahnsystems zum Vaihinger Regionalbahnhalt, zum ehemaligen Eiermann-Campus und gegebenenfalls zum Flughafen und Stuttgart Airport Busterminal (SAB)“, wie es in einem gemeinsamen Antrag hieß. Im Ministerium denkt man in größeren Dimensionen. In der vom Land beauftragten Untersuchung gehe es „vor allem auch darum, die Potenziale für Seilbahnen im Stadtgebiet allgemein und bezogen auf konkrete Relationen abzuschätzen“. Das Verkehrsressort nennt neben der auch im Gemeinderat diskutierten Strecke Vaihingen–Möhringen–Flughafen, die Verbindungen Peregrinastraße– Degerloch/Süd–Hoffeld–Birkach–Uni Hohenheim–Plieningen sowie Pragsattel– Mittnachtstraße–Ostendplatz. Zwei der drei Routen liegen im Wahlkreis von Verkehrsminister Hermann. Für die Stadt habe die Verbindung nach Vaihingen Priorität, sagt der Verkehrsplaner Oehler.

Die Karlsruher Forscher indes warnen vor allzu viel Euphorie. Zwar habe sich in den zurückliegenden Jahren die Anzahl von städtischen Seilbahnideen „deutlich erhöht. Die meisten dieser Vorhaben sind jedoch bisher gescheitert. Trotz technisch voll ausgereifter Systeme stoßen neue Projekte in Deutschland teilweise auf erhebliche Widerstände in der Bevölkerung und unter professionellen Akteuren, die eine Realisierung derartiger Vorhaben verhindern. Dabei scheint es weniger um quantifizierbare Faktoren zu gehen, sondern vielmehr darum, sich gegen etablierte Vorstellungen und Routinen durchsetzen zu müssen.“

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