Manch einer, der sich wie Laura Stiefel bei der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) mittels eines Abstrichs der Wangenschleimhaut registriert hat, wird erst nach vielen Jahren oder sogar niemals kontaktiert. Denn die Suche nach einem passenden Spender, dessen Gewebemerkmale zu 100 Prozent mit denen des Patienten übereinstimmen müssen, gleicht jener nach der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen.
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Bei Laura Stiefel war das anders. Nur ein Jahr nachdem sie sich auf Anregung einer Freundin bei der DKMS angemeldet hatte, entdeckte die angehende Lehrerin eine E-Mail in ihrem Postfach: „Ich war total überrascht und dachte erst, das sei Werbung. Beim Lesen habe ich dann erfahren, dass ich als Stammzellenspenderin ausgesucht worden bin und dass es sehr dringend ist.“ Denn in der Datenbank war sie der einzige verfügbare und passende Mensch für Hagen Arlandt, der zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere Chemotherapien gemacht hatte.
Die Stammzellenspende selbst ähnelt einer Blutspende
Schon wenige Tage nach der E-Mail ist Laura Stiefel auf das Gründlichste untersucht worden, das Ergebnis lautete: kerngesund und als Spenderin geeignet. Einige Tage musste sie sich Hormone spritzen, um die Produktion von Stammzellen in ihrem Körper anzuregen: „Ein etwas komisches Gefühl, aber man weiß ja, wofür man das macht.“ Am Tag der Spende wurden die lebensrettenden Stammzellen im Laufe von rund vier Stunden aus Laura Stiefels Blut entnommen, der Vorgang ähnelt einer Blutspende. „Ich hatte keinerlei Nebenwirkungen und würde es auf jeden Fall wieder machen.“
Noch am Tag ihrer Spende hat Laura Stiefel bei der DKMS angerufen: „Damals habe ich erfahren, wo der Empfänger wohnt, welches Alter und Geschlecht er hat.“ Heute weiß sie auch, dass Hagen Arlandts Zustand zum Zeitpunkt ihrer Spende so schlecht war, dass seine Ärzte ihm eine Überlebenschance von nur 50 Prozent gaben.
Im Laufe der Zeit hat Laura Stiefel immer wieder nachgefragt, wie es ihrem „genetischen Zwillingsbruder“ geht. Nach zwei Jahren bekam sie dessen Adresse, Spenderin und Empfänger hatten dem Austausch zugestimmt. „Ich habe mich erst gar nicht getraut, ihm zu schreiben“, erinnert sich Laura Stiefel. Hagen Arlandt aber schon: „Seinen Brief habe ich noch vor der Tür geöffnet. Er hat über sich erzählt, und es war sehr berührend.“
Ein seltsames Gefühl, sich einem Fremden so nah zu fühlen
Etliche Briefe sind zwischen Waiblingen und Marktoberdorf hin- und hergeschickt worden. Vor einem Jahr ist Hagen Arlandt zu Besuch in die Rinnenäckersiedlung nach Waiblingen gekommen. „Hagen und ich sprechen gern und viel – aber wir saßen damals nur da und haben uns angeschaut“, berichtet Laura Stiefel über das seltsame Gefühl, sich einem eigentlich Fremden so nah zu fühlen: „Hagen ist zu 100 Prozent ich – wenn er irgendwo einbrechen würde, würde er meine DNA-Spuren hinterlassen.“
Im Oktober vergangenen Jahres haben Hagen Arlandt und seine Lebensgefährtin Marina geheiratet. Laura Stiefel war natürlich dabei. „Für das Ärzteteam ist Hagen ein klinisches Wunder“, berichtet Ehefrau Marina. Hagen Arlandt geht es inzwischen so gut, dass er wieder als Maschinenbediener in der Automobilbranche arbeiten kann, derzeit befindet er sich in der Eingliederungsphase. Über Laura Stiefel sagt seine 33-jährige Ehefrau: „Laura ist unglaublich. Sie weiß gar nicht, welches großartige Geschenk sie uns allen mit ihrer Spende gemacht hat.“
Laura Stiefel wiederum sagt, sie würde auf jeden Fall wieder spenden, sie bleibt weiter registriert bei der DKMS: „Hagen hat es von heute auf morgen getroffen. Das kann jedem passieren.“