Stuttgart - Zwei griechische Begriffe, „nóstos“ (Heimkehr) und „álgos“ (Schmerz), stecken im Wort Nostalgie. Man schaut auf Dinge wieder hin nach langer Zeit, und es tut einem wohl und weh zugleich. Nostalgiker also, aber das sagt sich so hin. Sind Nostalgiker Leute, die alte Schallplatten hören und insgeheim denken, es sei dann doch nicht mehr viel Besseres nachgekommen? Sind Menschen nostalgisch, wenn sich ihnen beim Anschauen leicht angegilbter Familienfotografien ein kleiner Seufzer entringt? Oder – schönes deutsches Wort – lediglich erinnerungsselig? Oder, vergleichsweise nicht so schönes griechisches Wort, schwarzgallig, mithin melancholisch?
So genau hat es die Bertelsmann-Stiftung am Ende nicht eingekreist, als sie jetzt in der Europäischen Gemeinschaft 10 855 Bürger befragt hat, ob die sich jeweils als Nostalgiker bezeichnen würden. Wer ja sagte, akzeptierte einfach die Formel, dass die Vergangenheit besser gewesen sei als die Gegenwart. 67 Prozent stimmten insgesamt zu, in Deutschland 61. Verkürzt gesagt sind die Nostalgiker tendenziell rechts der Mitte und die Nicht-Nostalgiker eher links davon sortiert; die einen skeptisch, wenn es ums Gelingen der Ausländerintegration geht, die anderen weniger. Frauen, nicht weiter verwunderlich, weil immer mehr im Hier und Jetzt daheim als in Projektionsräumen, zeigten sich nur zu 47 Prozent für Nostalgie in diesem Sinn empfänglich, Männer zu 53 Prozent.
Nostalgie – schwieriges Thema
Ist das jetzt ein Hochgefühls-Home-Run für die „gute alte Zeit“, die Populisten bemühen, wohl wissend, dass die alte Zeit so gut selten gewesen ist, nur anders halt? Bei den Italienern kommen 77 Prozent zusammen, denen das Heute nicht behagt, wohingegen unter den jungen Polen, deren Staat extrem rückwärtsgewandt regiert wird, die Abneigung gegenüber dem Morgen nicht sonderlich ausgeprägt ist. Gerade mal 35 Prozent hätten es gerne wie einstmals. Nostalgie – schönes und schwieriges Thema zugleich. Ein Beispiel: Als der alte Diener Firs in Anton Tschechows Stück „Der Kirschgarten“ von 1903 am Schluss bewegt an das perfekte Dörren von Früchten und an Früher erinnert („damals kannten sie noch das Rezept“), ist er der Letzte im Haus – und wird vergessen. Hinter ihm fallen die ersten Bäume.