Eine Stuttgarter Hebamme und ihre Geburtsvorbereitungs-Kurse Hilfe für queere Familien in der Schwangerschaft

Hebamme aus Leidenschaft: Cathi Kaiser liebt ihren Beruf. Während der Ausbildung stellte sie fest, wie schwer es Regenbogenfamilien in Kreißsälen und Kliniken oft haben. Foto: Christin Hartard

Regenbogenfamilien stellt der Weg zum eigenen Kind oft vor besondere Herausforderungen. Die Stuttgarter Hebamme Cathi Kaiser bietet ihnen in queeren Geburtsvorbereitungskursen die Möglichkeit, sich in einem geschützten Rahmen auf die Geburt und das Wochenbett vorzubereiten.

Die Hebamme Cathi Kaiser sitzt mit ihren schwarzen Radlerhosen und den kurzen, wasserstoffblonden Haaren im Schneidersitz auf einer Yogamatte und knetet eine Gummibrust. Immer wieder streicht sie an dem ballförmigen Modell mit den Fingerspitzen vorsichtig von hinten nach vorne. Sie erzählt von Milcheinschuss, Milchpumpen und den Vorteilen des Stillens. Wie genau das funktionieren würde, wenn sie das Baby auch stillen wollen würde, fragt eine Frau, die Cathi Kaiser gegenübersitzt. Nicht sie hat den runden Bauch, sondern ihre Partnerin, die sich neben ihr auf dem Sofa mit einem nassen Waschlappen den Nacken kühlt. Es sei kein einfacher Weg, antwortet Cathi Kaiser, aber eine sehr spannende Option für Regenbogenfamilien.

 

Induzierte Laktation nennt sich das, worüber die Gruppe im Geburtsvorbereitungskurs gerade spricht. Durch regelmäßige Bruststimulation und bestimmte Medikamente kann grundsätzlich jeder Mensch Milch bilden und ein Baby stillen – ohne vorherige Schwangerschaft und unabhängig vom Geschlecht. „So etwas lernt man nicht in der klassischen Hebammenausbildung, das habe ich mir selbst angelesen“, sagt Cathi Kaiser. Die 32-Jährige leitet den queeren Geburtsvorbereitungskurs im Beratungszentrum für Regenbogenfamilien „BerTa“ in Stuttgart. Als der Kurs im Jahr 2021 startete, war es der erste dieser Art in Baden-Württemberg und einer der wenigen in ganz Deutschland. Jena, Frankfurt, Mainz, Nürnberg, Berlin, Hamburg, Freiburg, Karlsruhe. . . Queere Geburtsvorbereitungskurse sind heute vor allem in großen Städten keine Seltenheit mehr.

Drei lesbische Paare hören aufmerksam zu

Ganz egal, wen man liebt, welchem Geschlecht man sich zugehörig fühlt – queer, das soll alle ansprechen, die eben nicht in die Heteronorm, nicht in die Schubladen Mann/Frau passen. „Alle Regenbogenfamilien“, wie Cathi Kaiser es sagt. Heute sitzen ihr drei lesbische Frauen-Paare gegenüber und hören aufmerksam zu. Da werden dicke Bäuche gestreichelt und vielsagende Blicke getauscht. Ein Paar sorgt sich, weil es vor kurzem erfahren hat, dass das Baby in Beckenendlage liegt und jetzt eventuell per Kaiserschnitt geholt werden muss. Ein anderes Paar hat bereits einen Sohn und nutzt den Kurs, um sich noch mal bewusst Zeit für diese neue Schwangerschaft zu nehmen.

Die Hebamme Cathi Kaiser ist selbst queer und lebt mit einer Frau zusammen. Als sie vor einigen Jahren der Medienbranche den Rücken kehrt und ihre Ausbildung zur Hebamme beginnt, ist ihr schnell klar: Das ist es, was sie machen will. Da sein für andere in einem Moment, in dem es wirklich drauf ankommt. Der Prozess der Geburt fasziniert sie. Die Arbeit im Kreißsaal fühlt sich nicht an wie Arbeit, sagt sie. Doch eines stört Cathi Kaiser: Das verkrustete und heteronormative Bild von Schwangerschaft und Familie, das in den meisten Kreißsälen noch immer vorherrsche.

Andere Lebensmodelle werden oft nicht mitgedacht, sagt die Hebamme. Auf Broschüren sind Frauen mit runden Bäuchen und Väter mit breitem Lächeln zu sehen, in den Anmeldeformularen der meisten Kliniken wird nach dem Mann der Schwangeren gefragt. Dafür werden queere Familien häufig danach gefragt, wie das Kind entstanden sei. Total unangebracht, meint Cathi Kaiser. Schließlich frage man Hetero-Familien auch nicht, wie das mit dem Schwangerwerden geklappt hat, in welcher Position und ob man vielleicht Hilfe gebraucht hat.

So etwas soll es hier im queeren Geburtsvorbereitungskurs nicht geben. Hinter Cathi Kaiser hängt ein Bild, das die Geburt als Gipfelbesteigung beschreibt. Daneben eine Schautafel mit gezeichneten Geburtspositionen, darauf zum Beispiel zwei Frauen, die Gebärende sitzt in der Hocke, die andere stützt sie von hinten unter den Achseln. Cathi Kaiser würde an der Stelle wahrscheinlich statt Frauen „weiblich gelesene Personen“ sagen. Denn nur weil jemand weiblich aussieht, heißt das noch lange nicht, dass diese Person sich auch als Frau identifiziert. Deshalb klebt auf Cathi‘s Brust ein Namensschild. Mit Eding steht da „Cathi – sie/ihr“. Jede Person hier im Kurs hat so ein Schild. „So stellen wir sicher, dass jeder mit dem richtigen Pronomen angesprochen wird“, erklärt Kaiser. Denn gerade in dieser sensiblen Phase der Schwangerschaft sei es für queere und besonders für Transpersonen anstrengend und verletzend, sich immer wieder erklären zu müssen. Es sei vor allem dieses Bewusstsein für queere Lebenswelten, das den Kurs ausmacht. Schließlich soll der Geburtsvorbereitungskurs ein Safe Space sein, wie Cathi Kaiser es nennt. Ein Ort, an dem sich jeder angenommen fühlt und niemand unangenehmen Fragen ausgesetzt ist.

Mona, die „nichtgebärende Mutter“

Unangenehme Fragen kennt Mona zu Genüge. Monas Frau ist in der 36. Woche schwanger. Sie selbst bezeichnet sich als „nichtgebärende Mutter“. Mona arbeitet als Lehrerin. Als sie mit der Abteilungsleitung über das Thema Elternzeit spricht, wird sie gefragt, ob sie denn auch Vaterschaftsurlaub machen möchte. Vaterschaftsurlaub als Frau? Einfach total unpassend, sagt Mona, die eigentlich anders heißt. Ihren echten Namen behält sie lieber für sich. Zu viel Gerede. Sie und ihre Frau wohnen in einem 17 000-Einwohner-Ort in Baden-Württemberg. Für die Hebamme, die sie dort begleitet, sind die beiden das erste gleichgeschlechtliche Paar seit fünfzehn Jahren.

Der Weg zum Kind sei schwierig und einsam gewesen, erzählt sie. In ihrem Ort habe es kein anderes lesbisches Paar gegeben, mit dem man sich hätte austauschen können. Genau deshalb haben Mona und ihre Frau sich für den queeren Geburtsvorbereitungskurs entschieden. „Hier können wir unter Gleichgesinnten sein und Kontakte knüpfen. Unser Kind soll später einmal sehen, dass es auch andere Kinder gibt, die zwei Mamas haben.“ Außerdem hätte sie in einem anderen Geburtsvorbereitungskurs wohl nie erfahren, dass auch sie als nichtschwangere Mutter ihr Baby stillen kann. Die Hebamme, die sie zuhause betreut, hatte diese Möglichkeit nicht auf dem Schirm, sagt Mona.

Stillen, Bonding, Geburtspositionen, das sind die Themen, auf die sich alle freuen. Das, womit man sich beschäftigen möchte. Und dann gibt es da noch dieses eine Thema, auf das jede hier im queeren Geburtsvorbereitungskurs gerne verzichten würde: Stiefkindadoption. Selbst jetzt, wo Mona und ihre Frau ihr lang ersehntes Baby schon fast in den Armen halten, steht ihnen und allen anderen lesbischen Paaren noch eine letzte, große Hürde bevor. Denn obwohl das Paar verheiratet ist, wird nur diejenige, die das Kind gebärt, auf dem Papier Mutter und hat die Rechte eines Elternteils. Mona selbst muss das Kind erst adoptieren.

Vor ihnen liegt ein langer, bürokratischer Weg. Von der Erklärung beim Notar, über den Antrag beim Familiengericht bis hin zur Überprüfung durch das Jugendamt bei den Eltern. Phillip Schmölz, groß gewachsen, lockige Haare und blau lackierte Fingernägel ist Sozialarbeiter bei „BerTa“ in Stuttgart und berät die Frauen im Geburtsvorbereitungskurs zur Stiefkindadoption. Sechs bis achtzehn Monate könne es dauern, bis auf dem Standesamt endlich die Geburtsurkunde geändert werde und auch die Frau der leiblichen Mutter als Elternteil eingetragen sei, sagt Schmölz. „Das ist eine lange Zeit, in der rechtliche Ungewissheit herrscht.“ Für die Eltern eine sehr belastende Situation.

Diskriminierende Strukturen für Regenbogenfamilien?

Wieso es queeren Familien so schwer gemacht wird, kann auch die Hebamme Cathi Kaiser nicht verstehen. „Regenbogenfamilien müssen oft viele diskriminierende Strukturen durchgehen auf dem Weg zum eigenen Kind“, sagt sie. Umso wichtiger ist es ihr, diese Familien auf diesem Weg gut zu begleiten. Für sie steht außerdem fest: Queere Elternschaft bietet so viele Chancen. Keine festgefahrenen Rollenbilder, keine klassische Aufgabenverteilung wie in den meisten Hetero-Beziehungen, dafür ganz viel Raum zum Umdenken und Andersmachen.

Der Zeiger auf der Uhr neben der Regenbogenflagge zeigt kurz nach 13 Uhr. „Gibt es noch offene Fragen?“, will Cathi Kaiser wissen. Nein, keine Fragen. Alle fühlen sich so gut vorbereitet, wie man sich eben fühlen kann, wenn man weiß, dass sich bald alles ändert und ein winziges, neues Menschlein dafür sorgt, dass das Leben Kopf steht.

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