Eine Stuttgarterin beim legendären Boat Race Carina Graf – Abschied aus dem Cambridge-Achter

Doppel-Siegerin auf der Themse: Carina Graf (Stuttgart) im Cambridge-Boot. Foto: /Imago/Graeme Wilcockson

Carina Graf promoviert nicht nur an der Eliteuniversität in Cambridge, sie ist auch Teil des Ruderteams. Nach zwei Siegen im legendären Achter-Duell zwischen Cambridge und Oxford hat sie diesmal den Sprung ins erste Boot verpasst – das Rennen verliert für sie deshalb aber nicht an Faszination.

Bei den wichtigsten Sportereignissen in Großbritannien geht es stets um Tradition, Geschichten, Mythen. Aber mittlerweile auch um viel Geld – egal ob beim Tennis in Wimbledon (seit 1877), beim FA-Cup im Fußball (1872), bei den Open Championships im Golf (1860) oder dem Pferderennen Grand National (1836). Nur eine Ausnahme gibt es. Beim Boat Race (1829), dem bekanntesten Ruderwettkampf der Welt zwischen den Achtern der Eliteuniversitäten Oxford und Cambridge, zählt allein der Sieg, was die Faszination allerdings keinesfalls schmälert. Im Gegenteil. „Dieses Rennen“, sagt Carina Graf, „ist jede Anstrengung wert.“ Sie muss es wissen.

 

Die Ruderin, die aus Stuttgart stammt, hat auf der Themse schon zweimal gewonnen (2023, 2024), einen dritten Triumph erlebte sie als Ersatzfrau (2021). „Es ist eine riesengroße Ehre, Teil dieser Mission zu sein“, erklärt sie, „und letztlich hat dieses Rennen mehr Aufmerksamkeit als ein olympischer Wettkampf.“ Das belegen eindrucksvolle Zahlen.

Auch an diesem Sonntag werden an der 6,779 Kilometer langen Strecke zwischen Putney und Mortlake wieder rund 250 000 Zuschauer stehen, bis zu 15 Millionen Interessierte sitzen vor den TV-Geräten. Die Atmosphäre begeistert alle – auch diejenigen, die nicht in der ersten Reihe sitzen. Carina Graf wurde diesmal nicht für den Cambridge-Achter nominiert, sie rudert im Duell der Reserveboote. Und fühlt sich trotzdem nicht degradiert. „Im Jahr nach den Olympischen Spielen ist der interne Wettkampf stets sehr eng, weil viele Athleten aus Ruder-Nationalteams beim Boat Race dabei sein wollen“, sagt sie, „ich bin stolz, zu dieser Familie zu gehören.“ Ein letztes Mal.

Neurowissenschaftlerin promoviert in Cambridge

Carina Graf, die ihr Abitur am Heidehof-Gymnasium im Stuttgarter Osten gemacht hat, studierte anschließend Medizinphysik in Dortmund und Vancouver. Erst in Kanada entdeckte die Sportbegabte, die bis dahin viel ausprobiert hatte (Fußball, Volleyball, Klettern, Rettungsschwimmen), ihre Leidenschaft fürs Rudern, die sich nach dem Wechsel nach Cambridge im dortigen Achter noch steigerte. An der Eliteuniversität forscht die Neurowissenschaftlerin in der Methodenentwicklung für Hirnbildgebung und schreibt ihre Dissertation. Eine Doktorandin, das ist Teil der Geschichte, darf nur vier Jahre lang am Boat Race teilnehmen. „Das ist vollkommen in Ordnung“, sagt Graf, „ein bisschen Wehmut wird am Sonntag aufkommen. Aber ich habe alles gegeben, um stets das Maximale herauszuholen.“ Dies belegt ein Blick in ihren Terminkalender.

Der siegreiche Cambridge-Achter nach dem Rennen im Jahr 2024. /Foto: Imago/i-Images

In der Vorbereitung auf die Rennen klingelte jeden Morgen um 5 Uhr der Wecker, um 6 Uhr stand die erste von täglich zwei Trainingseinheiten auf dem Programm. Insgesamt beanspruchte der Sport – neben der Vollzeit-Arbeit als Wissenschaftlerin – rund 25 Stunden pro Woche. „Es war anstrengend“, sagt Carina Graf, „aber auch eine enorm wertvolle Zeit. Die besten Freunde, die ich in den vergangenen Jahren gefunden habe, kamen alle aus dem Rudern. Und ich habe viel gelernt. Der Leistungssport lehrt einen nicht nur Selbstverantwortung, sondern auch, Verantwortung fürs Team zu übernehmen. Der soziale Aspekt war mir immer sehr wichtig.“ Und natürlich auch die Frage, zu was der eigene Körper fähig ist.

Bisher kein Kontakt zum Deutschen Ruderverband

Obwohl Carina Graf im Vergleich zu ihren Kolleginnen im Boot eine Späteinsteigerin ist, gehörte sie Jahr für Jahr zu den Stärksten. Weil sie gute körperliche Voraussetzungen mitbrachte und hart trainierte, aber auch, weil sie sich intensiv mit der Biomechanik und den Leistungsdaten beschäftigt hat. Weshalb die Stuttgarterin durchaus Lust und den nötigen Ehrgeiz hätte, sich mit Athletinnen, die bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften starten, zu vergleichen. „Meine Stärke ist die Kraft-Ausdauer. Ich denke viel darüber nach, wie ich mich weiter verbessern kann und welche Faktoren einen lebenslangen Effekt haben könnten“, sagt sie, „wenn mich der Deutsche Ruderverband mal zu einem Leistungstest einladen würde, würde ich das machen – alleine schon, um zu sehen, wie das abläuft und was passiert.“

Zunächst gilt der volle Fokus von Carina Graf aber dem Rennen am Sonntag. Sie wird den Wind und die Wellen beobachten, die auf der Themse immer eine Rolle spielen, sie wird die Strömung einberechnen und den Kolleginnen die Daumen drücken, die den achten Sieg in Serie für Cambridge anstreben, das im direkten Duell bei den Frauen 48:30 vorne liegt. „Die Tradition bei diesem Rennen ist zu jeder Zeit spürbar“, sagt Carina Graf, „es hat im englischen Sport eine ganz besondere Bedeutung.“ Auch wenn das Geld keine Rolle spielt. Oder gerade deshalb.

Film über das Ruder-Duell zwischen Cambridge und Oxford

TV-Beitrag
Der NDR strahlt in seinem dritten TV-Programm in der Sendung „Länder, Menschen, Abenteuer“ an diesem Donnerstag ab 20.15 Uhr eine Dokumentation über das Ruder-Duell zwischen Cambridge und Oxford aus, in dem auch die Stuttgarterin Carina Graf eine Rolle spielt und zu Wort kommt.

Mediathek
Ab Freitag, 11. April, ist der Beitrag auch in der ARD-Mediathek zu finden.

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