Eine Stuttgarterin erzählt Wie Corona meine Freundschaft zerstört hat

Daniel war mal Sonjas bester Freund. Foto: Unsplash/Priscilla Du Preez

Was macht es mit Freundschaften, wenn der eine denkt, man lebt in einer Diktatur? Sonja und Daniel waren 30 Jahre miteinander befreundet - doch heute haben sich die beiden Stuttgarter nichts mehr zu sagen. Wie Corona eine Freundschaft zerstört hat.

Stuttgart - "Auf Tinder wäre Daniel der typische 36-Jährige, mit Bergsteig-, Bier- und Fahrrad-Emojis", erzählt Sonja Scheible* zu Beginn unseres Treffens. "Jetzt ernährt er sich plantbased und stopft sich mit sogenannten 'Life-Plus-Produkten' voll." Davor hätte er nie Nahrungsergänzungsmitte genommen, erzählt die 36-jährige Stuttgarterin.

 

Die Pandemie im Whatsapp-Status

Daniel war mal ihr bester Freund. Und das sogenannte "davor" endete, als er seine neue Freundin kennenlernte. Sonja sitzt auf ihrer Couch im Stuttgarter Westen, rührt ihren Kaffee um und tippt auf ihrem Handy herum. Sie klickt ein paar Mal und zeigt dann Fotos. Es sind Screenshots von Bildern und Schnipseln, die Daniel und seine 23-jährige Freundin verschicken oder in ihrem Whatsapp-Status haben. Es sind Sätze wie "Vitamin C hilft gegen Corona", "Gegen die Diktatur", "Freiheit statt Zwangsimpfung" und viele Bilder von angeblichen Corona-Protesten.

Wo soll sie mit ihrer Erzählung anfangen?

Die große dunkelblonde Frau muss erst einmal Luft holen, bevor sie weitererzählt. Die Screenshots fertigte Sonja an, weil sie kaum glauben konnte, was mit ihrem besten Freund passiert war.

Die beiden kommen aus dem gleichen kleinen Ort am Rande Stuttgarts und lernten sich in der Grundschule kennen. Sie hatten den gleichen Schulweg, spielten zusammen im Schultheater, trösteten sich beim ersten Liebeskummer in der Pubertät, tranken als Teenager heimlich Alkohol, unterstützten sich im Berufsleben, teilten einen großen Freundeskreis. Wo soll sie mit ihrer Erzählung anfangen?

Sonja legt ihr Telefon weg und atmet tief durch. "Das Theater hat letztes Jahr angefangen, als seine neue Freundin Einladungen für eine Glühwein-Party verschickt hat - und das mitten im Lockdown", erzählt sie. Sie schüttelt dabei mehrmals den Kopf. Damals überlegt sie nicht lange und antwortet ihr, dass es einigermaßen unangebracht sei, sich in dieser Situation in einer großen Gruppe treffen zu wollen. "Von da an ging es los", sagt Sonja und berichtet von ihren Versuchen, den beiden mit Argumenten entgegenzukommen. Ohne Erfolg.

"Seine alte Seite fehlt mir sehr"

"Es fühlt sich so an, als hätte er zwei Seiten", sagt Sonja. "Die neue Seite kommt zum Vorschein, wenn seine Freundin dabei ist. Seine alte Seite, sie fehlt mir sehr."

Warum zerbrechen Freundschaften? Weil man sich auseinanderlebt, den anderen belügt, vielleicht nicht richtig füreinander da ist? Diese Gründe kamen ihr früher wenigstens plausibel vor.

Als Sonja sich stärker gegen die Verschwörungstheorien und Fake News wehrt, die Daniels Freundin auf ihren Social-Media-Kanälen teilt, eskaliert die Situation. "Die beiden wollten damals einen Brief an die Bundesregierung schreiben, um zu erfahren, warum es auf den Intensivstationen keine Versorgung mit Vitamin C gibt", erzählt sie. "Ich konnte dann einfach nicht mehr, und habe den beiden meine Meinung gesagt."

Ausrufezeichen, Hass und Peace-Symbole

Das war der Moment, in dem Sonja bewusst wurde, dass etwas gehörig nicht stimmt. "Es ist gefährlich, das Coronavirus zu relativieren. Es sterben Menschen und mich haben ihre Nachrichten und Posts voller Ausrufezeichen, Hass und Peace-Symbolen nur noch angewidert."

Neuer Whatsapp-Status: "Ich entbinde die Bundesregierung von ihrer selbsternannten Pflicht, mich vor Covid 19 schützen zu müssen und übernehme volle Verantwortung für MEIN LEBEN!!"

Neue Nachricht: "Interessierst du dich für Persönlichkeitsentwicklung? Wir haben einen Coach, der kostenlos und live berät. Der ist ziemlich cool und erfrischend. Vielleicht ist das ja was für dich?"

Neuer Facebook-Post: "Australien eröffnet Quarantänelager und liefert Ureinwohner ein, Griechenland stellt Nicht-Geimpftsein und (angebliche) Fake-News unter Geld- und Freiheitsstrafe, ..."

Werden sie wieder zueinander finden?

Seit einer Woche hat Sonja die beiden nun auf allen Kanälen geblockt. Der Tod ihres 70-jährigen Onkels war zu viel für sie. Er war geimpft, hatte eine Herzmuskelentzündung und starb nach einer Corona-Infektion. "Ich musste trauern und da hat jede Nachricht von den beiden in meinem Herzen gebrannt. Mitunter der schlimmste Kommentar war 'Mein Beileid, aber war er sportlich und hat sich gesund ernährt?'", sagt die blonde Frau. Ob sie und Daniel jemals wieder zueinanderfinden werden? Sonja weiß es nicht.

*Name von der Redaktion geändert

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