Eine StZ-Leserin nimmt die „Lügenpresse“ in Schutz Keine Sympathie für Schreihälse

Leidenschaftliche Zeitungsleserin: Beate Meinck erwartet von der Presse Meinungsvielfalt und den Mut zur Liberalität. Foto: factum/Weise

Vor kurzem porträtierte die StZ einen wütenden Leser, der sich und seine konservativen Ansichten verunglimpft sah. Jetzt kommt die Widerrede einer liberalen Leserin. Und die hat es in sich.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)

Reutlingen - 300 000 Bücher sind der Kosmos, über den Beate Meinck gebietet. Sie leitet die Stadtbibliothek von Reutlingen. Auf ihrem Schreibtisch lagern drei Exemplare aus dem Bestand. Ganz oben auf dem kleinen Stapel liegt ein Werk, dem ein Kritiker den Stempel „politisch unkorrekt“ verpasst hat. Meinck schwärmt geradezu davon. Das verwundert, denn Leute, die politisch unkorrektes Verhalten für angesagt halten, sind ihr eigentlich ein Gräuel. Als politisch korrekt gelten Wertmaßstäbe derer, die in solchen Kreisen als „Gutmenschen“ verhöhnt werden. Aber ist es politisch korrekt, einen Kollegen, der Flüchtlinge hasst, einen „rechten Sack“ zu nennen? So redet Vernon Subutex, aus dessen Leben das Buch erzählt, das Beate Meinck griffbereit auf ihrem Schreibtisch hat: ein Bestseller der Französin Virginie Despentes.

 

„Mein Puls ist auf 180“

Was die Romanfigur erlebt, ist Beate Meinck nicht unbekannt: Abstiegsängste, nationalistische Stimmungsmache, ein Rechtsruck der Gesellschaft. Jüngst begegneten ihr solche Tendenzen sogar auf dem Frühstückstisch. Das war ihr dann doch zu viel. Die Stuttgarter Zeitung hatte auf der Seite Drei einen Leser porträtiert, der in der Redaktion zu viele „Hetzer“ und „böse Gutmenschen“ am Werk sieht. In vielen Artikeln würden „die schwachsinnigsten linken Parolen wohlwollend behandelt“, so meint er. Die Wahrheit über die Schattenseiten der deutschen Einwanderungsgesellschaft werde „manipuliert“, Bedenken von Leuten wie ihm systematisch verschwiegen, lautet seine Unterstellung. „Das macht mich wirklich sauer“, schimpft Beate Meinck in einer Mail an die Redaktion. „Mein Puls ist echt auf 180.“ Sie musste ihren Ärger in einem Beschwerdeschreiben loswerden – „sonst platze ich!“

Da war sie nicht die Einzige aus dem Publikum der StZ, der es so erging. Die Geschichte über den Heimerdinger Rentner Fridolin Bauer, die erzählte, warum Wutbürger klassische Medien als „Lügenpresse“ schmähen und „wo das Misstrauen wurzelt“ (so der Titel), löste eine Lawine von Leserbriefen aus. Deren Stoßrichtung ist höchst unterschiedlich. Die einen begrüßen einen vermeintlichen „Perspektivwechsel“ und geben der Hoffnung Ausdruck, in Zukunft mehr Beiträge offeriert zu bekommen, „die nicht der linksgrünen Meinungsführerschaft huldigen“, wie es in einer dieser Mails heißt. Manche würdigen zwar den „Mut“, der „Unzufriedenheit mit der einseitig empfundenen Berichterstattung“ ein Forum zu schaffen, rügen aber einen angeblich despektierlichen Unterton des Textes. Andere beklagen, solche Ansichten, wie Fridolin Bauer sie vertritt, hätten in einem Blatt mit der liberalen Tradition der Stuttgarter Zeitung nichts verloren. Zudem werde in der Geschichte über den vergrätzten Leser dessen rechtes Gedankengut unkommentiert referiert, es werde ihm „kein einziges Argument oder Faktum entgegengesetzt“. Die widersprüchlichen Ansprüche von Sympathisanten des empörten Lesers und derer, die ihm gerne widersprechen würden, lassen sich kaum miteinander in Einklang bringen.

„Diese Menschen schreien immer laut“

Warum empört Sie die Geschichte über Fridolin Bauer?

„Sie müssen als Journalist selbstverständlich mit diesen Menschen sprechen. Das zu ignorieren ist der falsche Weg. Mich hat vor allem aufgeregt, dass dieser Einstellung ein so prominenter Platz eingeräumt wurde. Ich frage mich: Welche Absicht steckt dahinter? Wird da jemandem eine Bühne geboten, die man ihm nicht geben sollte?“

Was ärgert Sie besonders?

„Menschen mit dieser Einstellung schreien immer sehr laut. Und Leute wie ich, die darüber den Kopf schütteln, wir melden uns relativ selten zu Wort. Warum bekommen eigentlich immer die Aufmerksamkeit, die am lautesten schreien? Ich habe ganz oft den Eindruck, dass die Presse gerade denen, die behaupten, sie kämen nicht zu Wort, besonders viel Platz einräumt. Umso mehr das geschieht, umso lauter schreien sie.“

Wie sollte eine Redaktion damit umgehen?

„Liebe Presse, lasst euch doch nicht so von Schreihälsen der Republik vor sich hertreiben. Traut euch, unabhängig zu sein. Und haltet das aus. Ich halte gar nichts von der Forderung, die Presse müsse immer neutral und nüchtern bleiben. Das ist totaler Schwachsinn.“

Beate Meinck, 43 Jahre alt, ist nicht mit Zeitungen aufgewachsen. Ihre alleinerziehende Mutter sah sich außerstande, das Geld für ein Abonnement aufzubringen. Meinck musste sich diesen Zugang zur Welt im Schüleralter erst erschließen. Das geschah an einem Ort, der ihrem heutigen Arbeitsplatz sehr ähnlich ist: in der Stadtbücherei von Tuttlingen, wo sie aufgewachsen ist. Der Vorteil: Dort gab es nicht eine Zeitung, sondern viele. Den Luxus, in der Bibliothek auf verschiedene Gazetten zugreifen zu können, schätzt sie heute noch. „Das Schöne an der Zeitungslandschaft ist doch, dass sie so vielfältig ist“, sagt Meinck. Das Meinungsbild, das sie beim Blättern und Scrollen durch digitale Ausgaben vorfinde, sei „so vielfältig wie die Gesellschaft“. Für die politische Kultur einer Demokratie sei es wichtig, in den Zeitungen einer großen Bandbreite an veröffentlichter Meinung zu begegnen. „Hinter jeder Zeitung stecken Menschen“, sagt Meinck, „Journalisten sind alle keine Maschinen“, da sei es normal, dass sie unterschiedliche, manchmal auch gegensätzliche Ansichten vertreten. Ihr ist unverständlich, wie Leser von Zeitungen erwarten könnten, dass ihnen dort nur die eigene Meinung begegne. „Für solche Leute müsste es ein deutsches Zentralorgan geben“, sagt die Leserin, „das liefe auf Gleichschaltung hinaus.“

Wenn Beate Meinck über jene Zeitgenossen spricht, die sich selbst für „besorgte Bürger“ halten, sagt sie oft: „diese Menschen“. In dieser Redeweise kommt Distanz zum Ausdruck, auch eine gelinde Empörung – aber keine Verachtung. Sie wolle sich deren Erwartungen nicht beugen, aber der Auseinandersetzung mit ihren oft schwer erträglichen Ansichten auch nicht verschließen. Demokratie gründe schließlich auf Diskurs. Wer sich abschotte, kapituliere letztlich vor den Meinungen, die er nicht teile. „Diese Menschen“ nennt Beate Meinck auch manchmal „die Schreihälse der Republik“. Sie ist selbst keine schweigsame Person, aber „Schreihälse“ sind ihr offenkundig zuwider.

„Viele Wutbürger haben selbst keinen Kompass mehr“

Wer sind die Leute, die Sie „Schreihälse der Republik“ nennen?

„Wutbürger, die sich selbst für ‚besorgt‘ halten. Die mich als Gutmenschen bezeichnen. Das sind die Leute, die ständig reklamieren, was sie sagen, werde man ja noch mal sagen dürfen.“

Was hat sich da verändert?

„Vor 20 Jahren hätte vieles, was heute gesagt wird, tatsächlich noch niemand sagen dürfen. Und zwar nicht, weil es eine Doktrin gab, die das verboten hätte, sondern weil es gegen den gesellschaftlichen Konsens verstieß. Diese ‚Schreihälse‘ sprechen immer von ‚deutschen Werten‘. Das richtet sich aber nur an die Adresse von Flüchtlingen: Menschen, die neu bei uns sind. Ich habe das Gefühl, sie haben selbst den Kompass für unsere Werte verloren und finden selbst keine Orientierung mehr.“

Was ist falsch daran, Besorgnisse zu äußern?

„Für mich hat diese Rechthaberei etwas Religiöses. Es geht nicht mehr um Fakten oder rationale Argumente, sondern um Glauben. Und solchen Glaubensüberzeugungen kann man ganz schlecht widersprechen. Diese Menschen sagen einfach: Ich glaube das nicht und reden sofort von ‚Fake-News‘. Damit ist die Diskussion für sie beendet.“

„Rebel Girls“ steht auf einem Plakat zu lesen, das Beate Meinck in ihrem Büro aufgehängt hat. Die Aufschrift ist nicht als Appell zu verstehen, aber vielleicht schon als Bekenntnis. Sie verweist auf ein Buch, das „Gute-Nacht-Geschichten für rebellische Mädchen“ erzählt, Geschichten über „100 beeindruckende Frauen“. Eine Art Rebellion verkörpert auch Meinck – selbst wenn sie niemals widerspenstig wirkt, stattdessen freundlich und charmant davon zu erzählen vermag. Es ist eine Rebellion gegen ihre Herkunft. Sie weigere sich, als Bildungsbürgerin angesehen zu werden, sagt Meinck. Die Herrin über 300 000 Bücher ist vielmehr in einem Haushalt groß geworden, in dem es keine zehn davon gab. Wenn sie lesen wollte, blieb ihr nur der Weg zur Bücherei. „Die Stadtbibliothek war mein Zuhause“, sagt sie. Meinck wuchs in einer Sozialwohnung auf. „Meine Freunde hießen Gülay, Turgay und Sevgy“, erinnert sie sich. Als sie von der Grundschule als Einzige aus ihrem Viertel ans Gymnasium wechselte, blieben diese Freunde zurück. Wissen ist eine der größten Errungenschaften in ihrem Leben. Und Wissen werde auch durch Zeitungen vermittelt.

„Ich erwarte Transparenz“

Wie denken Sie über den Vorwurf der „Lügenpresse“?

„Da wird vieles in einen Topf geworfen, was nicht vergleichbar ist. Natürlich gibt es Fehler in der Zeitung, manchmal auch zu viele Fehler, ärgerliche Fehler. Aber das sind im Regelfall doch keine Lügen. Diese Bösartigkeit kann man der Presse nicht unterstellen. Was ich erwarte, ist Transparenz: Ich möchte wissen, woher die ihre Informationen haben.“

Fühlen Sie sich als Zeitungsleserin manipuliert?

„Wer Zeitung liest, weiß, dass er in der ‚taz‘ anders informiert wird als bei ‚Bild‘. Ich werde eher skeptisch, wenn alle das Gleiche schreiben. Mündige Zeitungsleserin zu sein bedeutet: kritisch zu lesen. Es gibt immer mal wieder Themen, die man hinterfragen muss, über die man sich vielleicht auch mal aus anderer Quelle informieren sollte. Da muss man aber nicht gleich ‚Manipulation‘ schreien.“

Wie oft ärgern Sie sich über Kommentare in der StZ?

„Für mich ist gelebte Demokratie, mich nicht zu wundern, dass es auch andere Meinungen gibt. Ich halte das aus. Wenn es gut begründet ist, dann kann ich auch einen neuen Blickwinkel entdecken, einen neuen Gedanken und etwas dabei lernen.“

Politik ist für Beate Meinck ein Metier, mit dem sie eher fremdelt. Sie gehört selbst keiner Partei an und hat die Parlamentsabgeordneten aus dem eigenen Wahlkreis noch nicht persönlich kennengelernt. „Ich habe ein gesundes Politik-Unvertrauen“, sagt sie, will das aber nicht mit Politikverdrossenheit verwechselt wissen. Sie versteht sich sehr wohl als politischer Mensch, aber nicht im aktiven, schon gar nicht im aktionistischen Sinne. Unlängst sah sie sich allerdings gezwungen zu einer Aktion. Als Bundesinnenminister Horst Seehofer an seinem 69. Geburtstag darüber schwadronierte, dass just am gleichen Tag 69 Afghanen abgeschoben worden seien, da konnte Beate Meinck nicht mehr an sich halten. Sie raffte sich auf und trat spontan bei Amnesty International ein.

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