Ukrainische Schauspielschülerin in Stuttgart Jeanne d’Arc aus Donezk

Kristina Moiseieva will Schauspielerin werden, seit sie mit zehn Jahren das erste Mal auf einer Bühne stand. In Deutschland kann die 19-Jährige jetzt weiter an ihrem Traum arbeiten. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

In ihrer Heimat studierte Kristina Moiseieva Schauspiel. Als der Krieg kam, nahm die Stuttgarter Hochschule für Darstellende Künste sie auf – zunächst als Gaststudentin. Ihre Geschichte.

Kristina Moiseieva schiebt ihren kleinen Körper durch die Menschenmenge und bahnt sich ihren Weg nach draußen. Vor der Tür sackt sie in sich zusammen, rutscht mit dem Rücken an der Wand zu Boden. Ihre Augen sind geschlossen, ihr Kopf nach oben geneigt. Sie atmet ein und wieder aus. Als sie die Augen öffnet, weint sie.

 

Sie sitzt vor der Hochschule für Musik und Darstellende Künste in Stuttgart. Es ist ein Sonntagabend im Februar, das Foyer des Schulgebäudes hinter ihr ist genauso verlassen wie die Straße vor ihr. Nur im Aufenthaltsraum der Schauspielstudenten reden junge Menschen aufgeregt und lachen ausgelassen. Auf der Straße sind ihre Stimmen durch ein geöffnetes Fenster zu hören.

Die Aufnahmeprüfung der Schauspielschule ist vorbei, es ist das Ende eines dreistufigen Auswahlverfahrens. Mehr als 300 Bewerber konkurrierten um acht Plätze, eine von ihnen war Kristina. Jetzt fällt die Anspannung von ihr ab.

Kristina Moiseieva will Schauspielerin werden, seit sie mit zehn Jahren das erste Mal auf einer Bühne stand. Das Laientheater in ihrer ukrainischen Heimatstadt Kramatorsk im Oblast Donezk suchte nach einem Mädchen, das singen und tanzen kann. Kristina nahm Ballett- und Gesangsunterricht, also fragte man sie. Sie sagte zu.

Sie kann das Angebot der Stuttgarter Hochschule kaum glauben

Im Theater fand sie ein zweites Zuhause. Alle waren so schön und so nett, sie wollte eine von ihnen sein. Also zog sie nach dem Abitur nach Kiew, um dort Schauspiel zu studieren. Anderthalb Jahre später begann der Krieg. Anfangs war nicht klar, ob und wie der Unterricht weitergeführt werden kann. Einer ihrer Lehrer hatte Kontakte zu Schauspielschulen in Deutschland und Österreich. Also bat er sie in seiner Not, ukrainische Studenten aufzunehmen. Sie sagten zu.

Am 14. April 2022 erhält Kristina Moiseieva eine Mail von der Hochschule für Musik und Darstellende Künste in Stuttgart. Sie soll in Deutschland studieren, zumindest für zwei Semester. Sie kann es kaum glauben. Sie antwortet am gleichen Tag, sagt aber noch nicht sofort zu. Soll sie Kiew wirklich verlassen? Vielleicht ist ja das Schlimmste auch schon vorbei? Ihr Pass ist nicht mehr gültig, sie beantragt vorläufige Reisedokumente. Bestimmt ist es in zwei Wochen vorbei, sagt sie sich. Bestimmt kann sie bald wieder nach Kiew zurückkehren. Ihre Mutter und Großmutter sind mittlerweile auch in die ukrainische Hauptstadt geflohen. Am 20. April sitzt Kristina Moiseieva im Zug nach Deutschland.

Bisher war sie nur einmal in Deutschland – als Kind für ein paar Tage mit ihrer Mutter in Dresden. Daran erinnert sie sich jedoch kaum. Mittlerweile ist Kristina Moiseieva 19 Jahre alt. Sie spricht kein Deutsch, auch ihr Englisch ist schlecht. Zehn Minuten bevor sie am Bahnhof in Stuttgart ankommt, fängt sie an zu weinen.

Als sie aus dem Zug steigt, wird sie von zwei ihrer neuen Kommilitonen erwartet, Katharina und Luise. „Es ist jemand gekommen, um mich abzuholen“, schreibt sie ihrer Mutter. Sie bringen Kristina in ihre Wohnung. Am 25. April beginnt der Unterricht. Anfangs ist sie mal in der Klasse der deutschen Studenten aus dem ersten Jahr, mal in einer Klasse mit anderen ukrainischen Studenten. Sie gewöhnt sich schnell ein, trotzdem vermisst sie Kiew. Hört sie in Stuttgart jemanden Ukrainisch sprechen, spricht sie ihn sofort an. Früher hätte sie sich das nie getraut.

Für das Sommerfest zum Semesterende bereiten die Studenten des ersten Jahres ein Stück vor. Kristina ist nicht eingeplant, sie ist ja nur Gast. Doch am zweiten Probentag trifft sie Richard, einen ihrer Kommilitonen. „Willst du nicht einfach mitmachen?“, fragt er. Kristina sagt zu – und steht bald darauf mit ihrer Klasse auf der Bühne. Da ist es wieder, das zweite Zuhause.

Ein Meister für jede Schauspielklasse

Doch nicht alles ist gleich. In der Ukraine hat jede Schauspielklasse einen Meister. „Er ist fast wie ein Vater, er hilft immer, er löst alle Probleme“, sagt Kristina. In Deutschland gibt es das nicht. Dafür lernt sie neue Techniken, zum Beispiel die von Sanford Meisner, einem amerikanischen Schauspiellehrer. Der sagt: „Schauspielern ist die Fähigkeit, unter vorgegebenen imaginären Umständen wahrhaftig zu leben.“ Diese Technik üben sie zwei Wochen lang, Kristina ist begeistert. Für ihre Ferien kauft sie sich ein Buch darüber.

Im Unterricht hört sie ganz genau zu, sie will kein Wort verpassen. Auf der Bühne strotzt sie nur so vor Energie. Ihr Ehrgeiz und ihr Talent fallen auch den Dozenten auf. Franziska Kötz, die Leiterin der Schauspielschule, schlägt ihr vor, sich um einen Studienplatz zu bewerben.

Für die erste Runde des Auswahlverfahrens muss sie einen Monolog vorbereiten: „Lovely Rita“ von Thomas Brasch. In dem Stück geht es um eine 17-jährige Waise am Ende des Zweiten Weltkriegs, die Schauspielerin werden möchte. Kristina Moiseieva lernt es auswendig. Sie lernt nicht nur die Wörter, sondern auch ihre Bedeutung. Sie lernt, welche Wörter sie betonen, wann sie Pausen machen muss. Als sie zufrieden ist, schickt sie ein Video des Monologs an die Schule. Sie wird zum Auswahltag eingeladen. Für die zweite und dritte Runde muss sie in der Schule vorsprechen.

Das Wintersemester hat schon begonnen, mittlerweile ist sie schon fast ein fester Teil der Klasse. Vormittags hat Kristina Moiseieva Unterricht, nachmittags probt sie, abends hat sie Deutschkurs. Danach fällt sie erschöpft ins Bett.

Für die letzte Probe vor der großen Entscheidung hat sie einen Raum in der Schule reserviert. Sie hat drei Stunden Zeit. Vor ihr liegt ein Collegeblock. Sie muss einen selbst geschriebenen Monolog vorbereiten. Es geht um 19 Dinge, die sie in 19 Jahren gelernt hat. Sie schreibt die ersten Sätze auf Ukrainisch, dann greift sie nach ihrem Smartphone, übersetzt von Russisch auf Ukrainisch. Vor dem Krieg hat Kristina Russisch gesprochen, Ukrainisch hat sie in der Schule gelernt. Jetzt spricht sie nur noch Ukrainisch, sogar mit ihrer Mutter.

Sie schaltet das Licht im Raum aus und die Scheinwerfer auf der Probebühne an. Sie stellt sich in den Lichtkegel. Sie atmet ein und wieder aus. Dann beginnt sie, auf Ukrainisch zu sprechen. Sie liest den Text wieder und wieder. Ihre Stimme wird immer lauter, ihre Stimmfarbe immer dunkler. Dann setzt sie sich wieder an den Tisch. Startet schließlich einen neuen Versuch, diesmal auf Englisch. Irgendwann bricht sie auch den Versuch ab. Sie gähnt schon. Aber sie muss weiter üben.

„Der Schwarzdorn blüht, doch die Blüte fällt ab“

Ein zweiter Monolog. „Jeanne oder Die Lerche“ von Jean Anouilh. Es geht um die französische Nationalheldin Jeanne d’Arc. Wieder stellt sich Kristina Moiseieva in den Lichtkegel, atmet ein und wieder aus. Dann verändert sich ihr Blick. Anouilh stellt Jeanne d’Arc als zart dar, fast schon angewidert vom Krieg. Kristina schaut dem fehlenden Publikum sanft und unschuldig entgegen.

Sie gähnt, muss aber noch ein Lied üben. Sie hat sich das ukrainische Volkslied „Цвіте терен“ ausgesucht: „Der Schwarzdorn blüht, doch die Blüte fällt ab. Wer die Liebe nicht kennt, kennt auch nicht den Kummer“, singt sie auf Ukrainisch. „Ich bin ein junges Mädchen, ich kenne Kummer. Ich esse nicht genug am Abend und schlafe nicht in der Nacht.“

In der Nacht vor dem letzten Auswahltag schläft Kristina Moiseieva schlecht. Sie hat keinen Appetit, trotzdem zwingt sie sich am Morgen, eine Banane zu essen. Ihre langen Haare bindet sie zu einem Zopf. Um neun Uhr geht es los. Am Vortag haben die Männer vorgesprochen, drei Bewerber wurden genommen. Heute werden also noch fünf weitere Plätze vergeben.

Auf der Arbeitsbühne trägt Kristina Moiseieva ihre „Jeanne d’Arc“ vor, danach wartet sie im Aufenthaltsraum. Das Vorsprechen der anderen Bewerberinnen sieht sie nicht. Sie wird wieder gerufen. Ihr selbst geschriebener Monolog. Dann wieder warten. Ihre Mitschülerin Melina schiebt ihr eine Gabel mit Nudeln in den Mund. Sie wird wieder gerufen. Ihr Lied. Danach kann sie zum ersten Mal durchatmen. Sie ist müde.

Um frühen Abend verkündet Franziska Kötz die Entscheidung. Die zwölf Bewerberinnen setzen sich in einer Reihe auf den Boden, erwartungsvoll blicken sie der Jury entgegen.

Franziska Kötz dreht sich zuerst zur Jury, dem Kollegium der Schauspielschule. „Ich möchte mich bei euch allen bedanken“, sagt sie. „Ihr habt so leidenschaftlich für unsere Bewerberinnen gekämpft. Wir hatten es wirklich nicht leicht.“ Jetzt wendet sie sich den jungen Frauen zu. „Ihr habt das großartig gemacht.“ Dann wird es ganz still.

„Aufgenommen an der Schauspielschule der HMDK Stuttgart ist . . .“ Kötz nennt den ersten Namen, das Mädchen rechts neben Kristina schlägt die Hände auf den Mund und bricht in Tränen aus. Der zweite Name. Der dritte Name, es ist das Mädchen links neben Kristina. Der vierte Name. Der fünfte Name. Alle Plätze für das erste Jahr an der Hochschule sind vergeben. Eine Kristina ist nicht dabei. Franziska Kötz schaut noch immer erwartungsvoll in die Runde. Ein letztes Mal erhebt sie ihre Stimme. „Und“, sagt sie, „aufgenommen in das zweite Jahr an der Schauspielschule der HMDK Stuttgart ist Kristina Moiseieva.“

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