Eingeschränkte Mobilität Verkehrsinfarkt in der Dienstwagen-Hochburg Belgien

Von Markus Grabitz 

Aus steuerlichen Gründen stellen Betriebe in Belgien Mitarbeitern immer häufiger einen Wagen zur privaten Nutzung zur Verfügung. Jetzt versucht der Fiskus, die Gegenbewegung einzuläuten.

In Belgien bekommen besonders viele Mitarbeiter einen Dienstwagen. Die hohen Steuern auf Lohn und Einkommen sollen umgangen werden. Foto: dpa-tmn
In Belgien bekommen besonders viele Mitarbeiter einen Dienstwagen. Die hohen Steuern auf Lohn und Einkommen sollen umgangen werden. Foto: dpa-tmn

Brüssel - Der belgische Staat gibt den Bürgern Geld, wenn sie den Schlüssel für ihren Dienstwagen abgeben. Seit Anfang des Jahres läuft das „Cash for car“-Programm in der Dienstwagen-Hochburg Belgien. Mitarbeiter von Firmen, die etwa auf ihren BMW 116d-Dienstwagen verzichten, bekommen 480 Euro im Monat zusätzlich zu ihrem Lohn ausgezahlt. Steuerfrei versteht sich, lediglich Sozialabgaben werden für Arbeitgeber und Arbeitnehmer fällig. Wer bislang einen BMW 420d von seinem Arbeitgeber zur Verfügung bekam, bekommt gut 970 Euro im Monat zusätzlich.

Vergünstigungen in Form eines steuerfreien Mobilitätsbudgets bekommen zudem Dienstwagen-Halter in Belgien, wenn sie auf ein kleineres Modell oder ein E-Bike umsteigen, wenn sie näher an ihre Arbeitsstätte ziehen, wenn sie Fahrgemeinschaften mit Kollegen bilden oder ihren Dienstwagen stehen lassen und sich verpflichten, künftig mit Bus und Bahn zur Arbeit zu fahren.

Die Maßnahmen sind dafür gedacht, die Straßen zu entlasten. Vor allem im Großraum Brüssel und Antwerpen, wo die größte wirtschaftliche Aktivität im Land stattfindet, verbringen die Berufstätigen viel von ihrer Lebenszeit im Stau. Der Ausbau der Straßeninfrastruktur sowie des öffentlichen Nahverkehrs hinkt seit den 80er Jahren hinter der Bevölkerungsentwicklung hinterher. Viele besser verdienende Familien haben die Stadtzentren verlassen und sind an die Stadtränder umgezogen.

Jeder zehnte hat einen Dienstwagen

Das kleine Belgien ist eine Dienstwagen-Hochburg. Vermutlich nirgendwo sonst auf der Welt hat ein höherer Anteil von Arbeitnehmern einen Wagen und meist noch eine Tankkarte, die ihnen sein Arbeitgeber zur Verfügung stellt. 2016 hatten Schätzungen zufolge 445 000 Arbeitnehmer in dem Elf-Millionen-Einwohner-Land mit knapp fünf Millionen Erwerbstätigen einen Dienstwagen. 2007 lag diese Zahl noch bei 288 000. Die Steigerungsraten sind mit fünf Prozent im Jahr rasant. Die Firmenwagen der Selbstständigen kommen noch hinzu. Im Vergleich zu Deutschland wird die Dimension klar: Nach Angaben des Branchenverbandes VDA sind in Deutschland derzeit rund 595 000 Dienstwagen unterwegs – bei einer etwa sieben Mal so großen Gesamtbevölkerung von über 80 Millionen.

Vor allem die deutschen Hersteller profitieren vom Dienstwagen-Boom in Belgien. So verkauft BMW in Belgien insgesamt rund 50 000 Fahrzeuge im Jahr, ein Großteil davon an die Betreiber von Flotten. Damit setzt BMW in Belgien etwa doppelt so viel Fahrzeuge ab wie in den Niederlanden, wobei die Niederlande mit 17 Millionen Einwohnern sechs Millionen mehr Menschen haben als Belgien. Auch Daimler macht glänzende Geschäfte in Belgien, 2017 verkaufte der Hersteller 40 000 Mercedes-Pkw in Belgien. Auch bei den Stuttgarter Zahlen ist der Unterschied zu den Niederlanden auffällig: Dagegen wurden 15 000 Pkws in den Niederlanden abgesetzt.

Hohe Abgaben bei geringen Einkommen

Die hohe Dienstwagen-Dichte in Belgien hat Gründe: Belgien ist das Hochsteuerland der EU. Während Einnahmen aus Vermietung und Verpachtung selbst bei mehreren Objekten steuerfrei sind, werden die Beschäftigten bei der Einkommensteuer so kräftig zur Kasse gebeten wie nirgendwo sonst. Bereits ab einem zu versteuernden Einkommen von gut 21 000 Euro im Jahr werden 45 Prozent Einkommensteuer fällig. Zum Vergleich: In Deutschland zahlen diesen Satz („Reichensteuer“) Ledige, die mit 250 000 Euro im Jahr mehr als das Zehnfache verdienen. In Belgien müssen Beschäftigte bereits ab einem zu versteuernden Einkommen von knapp 39 000 Euro den nationalen Spitzensteuersatz von 50 Prozent entrichten.

Der hohe Steuerdruck hat dazu geführt, dass Schlupflöcher gefunden werden. Ein beliebtes Schlupfloch ist der Dienstwagen und die Karte zum gratis tanken. Immer mehr Unternehmen sind dazu übergegangen, ihren Mitarbeitern als Lohnbestandteil Autoschlüssel und Karte auszuhändigen. Die Dienstwagennutzung wird – wie in Deutschland – deutlich weniger besteuert. Klar ist, wer beim Dienstwagen-Privileg in die Röhre schaut: Das sind diejenigen, meist nicht so gut verdienenden Mitarbeiter, die keinen Dienstwagen haben und ihr Einkommen komplett und zu hohen Sätzen versteuern müssen.

Nachdem gut ein halbes Jahr das Programm „Cash for Car“ läuft, zeichnet sich indes ab: Die Belgier haben wenig Interesse, ihren Dienstwagen abzugeben. Nach einer Analyse vom Unternehmen SD Worx, das die Lohnabrechnung für 24 000 belgische Unternehmen erledigt und über die die belgische Tageszeitung „De Tijd“ berichtet, haben erst 23 Mitarbeiter aus 22 Unternehmen einen Antrag gestellt. Die deutschen Hersteller können also weiter auf gute Geschäfte in Belgien hoffen.