Eingliederung Vom Operationstisch zurück ins Büro

Dieter Geißler (Mitte) an einem höhenverstellbaren Schreibtisch bei der Polizei, links sein Kollege Thomas Ruckaberle.  Foto: factum/Bach
Dieter Geißler (Mitte) an einem höhenverstellbaren Schreibtisch bei der Polizei, links sein Kollege Thomas Ruckaberle. Foto: factum/Bach

Wachsender Druck und späterer Renteneinstieg: Das geht nur, wenn angeschlagene Mitarbeiter nicht gefeuert, sondern eingegliedert werden.

Böblingen: Kata Kottra
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Böblingen - Manchmal sind es eher unspektakuläre Erfindungen, die behinderten Mitarbeitern die Arbeit erleichtern. Zum Beispiel der Aktenschrank, der wie ein Paternoster funktioniert: Rollstuhlfahrer können die Akten aus den oberen Regalen auf Knopfdruck nach unten gleiten lassen. Die Polizeidirektion in Böblingen hat bereits einen solchen Schrank bestellt. "Aber es dauert noch, bis er ankommt. Die Nachfrage ist sehr groß", erklärt Dieter Geißel.

Zwölf Jahre ist es her, dass Dieter Geißel, der bis dahin bei der Kriminalpolizei in Böblingen gearbeitet hatte, schwer erkrankte. Er bekam ein künstliches Hüftgelenk, doch die Operation ging schief. Zwei Jahre war Geißel krankgeschrieben. "Bis dahin war ich die ganze Zeit unterwegs, Büroarbeit habe ich kaum gemacht", erzählt der heute 58-Jährige. "Danach brauchte ich aber eine Tätigkeit, die meinen körperlichen Einschränkungen entsprach." Geißel musste damals kämpfen, denn eigentlich sollte er entlassen werden.

Menschen müssen immer länger arbeiten

Schließlich fand sich eine Stelle bei der Recherche-Abteilung: Ein Bürojob, aber nah genug dran an den Ermittlungen, wie Geißel findet. Als Vertreter der Schwerbehinderten versucht Geißel heute, erkrankten Kollegen bei der Suche nach einer geeigneten Stelle zu helfen - und das möglichst früh. Denn je länger jemand krankgeschrieben ist, umso geringer sind die Chancen auf den Wiedereinstieg. "Ein Kollege hat direkt nach einer Operation aus dem Krankenhaus angerufen, um die Möglichkeiten abzusprechen", erzählt Geißel zufrieden.

Es ist die Leistungsgesellschaft, die Dieter Geißel und sein "Wiedereingliederungeteam" erst nötig machte: Immer länger müssen die Menschen arbeiten, gleichzeitig wächst bei vielen Unternehmen und Behörden der Druck auf die Mitarbeiter. Die Folge: viele erkranken - körperlich oder psychisch. Betriebliches Eingliederungsmanagement soll verhindern, dass diese Mitarbeiter dauerhaft krankgeschrieben werden oder sogar in die Frührente gehen. Dabei spielen finanzielle Erwägungen eine wichtige Rolle: Nicht nur die Arbeitgeber, sondern auch die Rentenversicherung und die Krankenkassen sind daran interessiert, dass Mitarbeiter nach einer Pause möglichst schnell wieder einsteigen.

Schnell an den Arbeitsplatz zurückkehren

Der 58-Jährige uns sein Team helfen den Schwerbehinderten in der Böblinger Polizeidirektion. Etwa 800 Menschen arbeiten hier. Zehn bis 15 Prozent von ihnen sind gesundheitlich eingeschränkt, sagt Dieter Geißel. Es ist seine Aufgabe und die seiner Kollegen, dass diese Menschen nach einer Krankheit möglichst schnell an ihren Arbeitsplatz zurückkehren - und die Stelle ihren Bedürfnissen angepasst wird. Für dieses Ziel arbeiten in Böblingen die Schwerbehindertenvertreter mit anderen Spezialisten innerhalb der Polizeidirektion zusammen: Ärzten, Konfliktberatern, Suchtkrankenhelfern und dem Personalrat.

Mehr als 90 Prozent der Krankgeschriebenen konnte das "Integrationsteam" in den vergangenen Jahren wieder bei der Polizei eingliedern. Dafür sind die Beamten sogar ausgezeichnet worden.

Nicht weniger leistungsfähig

Eigentlich sind alle Betriebe und Unternehmen gesetzlich dazu verpflichtet, sich um das betriebliche Eingliederungsmanagement zu kümmern. Doch bei kleineren und mittleren Firmen werde diese Vorgabe häufig nicht umgesetzt, bedauert Geißel.

Auch im Sindelfinger Daimler-Werk ist das anders. Von den 37.000 Mitarbeitern gelten 2100 Menschen als schwerbehindert. Diese Mitarbeiter sind aber nicht weniger leistungsfähig, betont der Schwerbehindertenvertreter Peter Niederlohmann.

Große Unternehmen wie der Automobil-Konzern sind gesetzlich sogar dazu verpflichtet, mindestens fünf Prozent Schwerbehinderte zu beschäftigen - im Gegensatz zu anderen Firmen drückt sich der Autobauer Daimler nicht mit einer Geldzahlung vor dieser Vorgabe. Stattdessen werden auch hier die Arbeitsplätze umgerüstet - so dass einige Rollstuhlfahrer sogar in der Produktion tätig sind, sagt Niederlohmann.




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