Eingriffe ins Erbgut Gibt es bald Designerbabys?

Diese Illustration zeigt einen Embryo im sechsten Monat. Foto: Adobe Stock/SciePro

Die Wissenschaft verfügt in der Gentechnik inzwischen über Möglichkeiten, das Erbgut von Lebewesen zu verändern. Forschende diskutieren bereits über die Gründe für Eingriffe ins Erbgut von Menschen. Doch wie weit ist es tatsächlich noch bis zu einem solchen Einsatz?

Stuttgart - Sehr langsam aber stetig öffnet sich die Tür zum gentechnisch veränderten Embryo. Eine Gruppe international renommierter Wissenschaftler diskutiert in einem viel beachteten Gutachten bereits über Gründe, die den Eingriff in das Erbgut eines Menschen vor seiner Geburt rechtfertigen könnten. Wenn ein Designerbaby geboren wird, soll das Ziel die Gesundheit des Kindes sein. „Erste Anwendungen sollten auf die Prävention sehr schwerer Krankheiten beschränkt werden, die durch die Mutation eines einzigen Gens entstehen“, heißt es in dem Gutachten vom September 2020, an dem mehr als zwei Dutzend wissenschaftliche Akademien in den USA, Großbritannien und anderen Staaten mitgearbeitet haben.

 

Die Forscher haben keine konkreten Pläne für diesen Eingriff. Sie lehnen die sogenannte Keimbahntherapie zum derzeitigen Zeitpunkt sehr deutlich und mit klaren Worten als nicht akzeptabel ab. Aber trotzdem fordern sie den Beginn der Debatte über die Manipulation am menschlichen Erbgut. „Bevor ein Land entscheidet, ob es der Veränderung des genetischen Materials menschlicher Eizellen und Spermien, mit der Absicht eine Schwangerschaft herbeizuführen, zulässt, ist ein umfassender gesellschaftlicher Dialog erforderlich“, heißt im Gutachten.

Rein praktisch rücken Experimente am Menschen in den Bereich des Möglichen. Denn die Wissenschaftler verfügen in der Gentechnik seit etwa zehn Jahren über neue Werkzeuge, beispielsweise die Genschere Crispr/Cas9, mit denen sich das Erbgut in Mikroorganismen, Pflanzen und Tieren vergleichsweise einfach verändern lässt. Die Pflanzenzucht und viele Produkte der Biotechnologie profitieren davon. Doch die Methode ist noch sehr weit vom Einsatz am ungeborenen Menschen entfernt. Die Genschere macht zu viele Fehler, und die möglichen Nebenwirkungen während der Reparatur eines defekten Gens sind weder vollständig bekannt noch verstanden. Auf die Forscher wartet noch viel Arbeit.

Keimbahneingriffe galten lange Zeit als eine rote Linie

Trotzdem macht sich die Expertengruppe in ihrem Gutachten Gedanken darüber, wie ein verantwortbarer Weg in die klinische Praxis in der Zukunft aussehen könnte. Bereits diese Erwägung stößt auf Ablehnung. „Keimbahneingriffe, wie die Veränderung von Embryonen, galten für lange Zeit als eine rote Linie in den Wissenschaften“, sagt Robert Ranisch, Leiter der Forschungsstelle „Ethik der Genom-Editierung“ an der Universität Tübingen. Der vorliegende Report zeige einmal mehr, dass die internationale Diskussion über Genomveränderung von einer rapiden Grenzverschiebung gekennzeichnet sei.

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Tatsächlich ist das neue Gutachten nicht das erste mit dem Aufruf zur Debatte. Auch der Deutsche Ethikrat, ein Beratergremium der Bundesregierung, schließt in seiner Stellungnahme im Mai 2019 die Veränderung des menschlichen Erbguts mithilfe der Gentechnik nicht mehr grundsätzlich aus. Um es noch einmal klarzustellen: Niemand unterstellt den Forschern den Hang zu Versuchen an Menschen. „Begrüßenswert an dem aktuellen Report ist, dass er ganz klar den Fokus auf Sicherheitsbedenken legt, das ist deutlich zu lesen“, sagt auch Ranisch. Dennoch stellt er fest: „Aus dem einstigen Tabu ist eine Möglichkeit geworden.“

Ein chinesischer Wissenschaftler hatte eine Diskussion aufgebracht

Die aktuelle Stellungnahme ist eine Reaktion auf die weltweit verurteilten Experimente von He Jiankui. Der Chinese hatte im November 2018 über die Geburt eines Zwillingspärchens berichtet, dessen Gene er im Vorfeld verändert habe. He Jiankui sagt, er habe die Kinder auf diesem Weg vor einer HIV-Infektion schützen wollen. Die Reaktion war weltweit Empörung. Zum einen lässt sich eine Aids-Erkrankung mit weitaus einfacheren Methoden verhindern. Zum anderen ignorierte He Jiankui international akzeptierte wissenschaftliche Standards. Trotzdem hat die Nachricht aus China die Diskussion über Designerbabys angefacht. Viele Menschen denken dabei gleich an die Geschichten aus Hollywood: an Kinder mit Superkräften oder überbordender Intelligenz. Das aktuelle Gutachten erteilt diesen Gedanken eine Absage. Wenn ein Designerbaby geboren wird, soll das Ziel die Gesundheit des Kindes sein.

„Erste Anwendungen sollten auf die Prävention sehr schwerer Krankheiten beschränkt werden, die durch die Mutation eines einzigen Gens entstehen“, schreiben die Forscher. Konkret genannt als Beispiele werden Mukoviszidose, die Bluterkrankungen Thalassämie und Sichelzellenanämie oder Tay-Sachs-Krankheit des Gehirns. In diesen Fällen könnte zumindest in der Theorie das defekte Gen im Rahmen einer künstlichen Befruchtung durch den Einsatz von Gentechnologie repariert werden, noch bevor die befruchtete Eizelle in die Gebärmutter eingesetzt wird.

Es gibt andere Möglichkeiten – etwa die Präimplantationsdiagnostik

Dennoch bleibt fraglich, ob ein Eingriff in das Erbgut in diesen Fällen nötig ist. „Für Familien, in denen schwerste erbliche Erkrankungen auftreten, gibt es andere Möglichkeiten auf gesunden Nachwuchs, insbesondere durch die in Deutschland gesetzlich geregelte Präimplantationsdiagnostik“, sagt Jan Korbel, Leitender Wissenschaftler an der Universität Heidelberg. Bei einer Präimplantationsdiagnostik wird das Erbgut mehrerer Embryonen nach der Befruchtung im Reagenzglas analysiert, die Eltern können sich dann für einen Embryo entscheiden.

Diese Genanalyse darf in Deutschland nach dem Embryonenschutzgesetz nur unter strengen Voraussetzungen vorgenommen werden. Hierzulande wurden im Jahr 2018 weniger als 350 Anträge für eine Untersuchung auf schwere Erbkrankheiten oder Chromosomenanomalien gestellt. Andere europäische Länder haben lockerere Regelungen. In den Niederlanden und anderswo lassen Eltern bei der vorgeburtlichen DNA-Analyse das Erbgut bereits auf Mutationen untersuchen, die für die Huntington-Krankheit, für Brust- und Eierstockkrebs, Muskelschwund oder Mukoviszidose verantwortlich sein sollen.

Die Debatte, was Eltern über die Gesundheit des ungeborenen Kindes wissen wollen oder wissen müssen, wird kommen.

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