Stuttgart - Das Daimler-Stammwerk in Stuttgart-Untertürkheim bekommt das Kompetenzzentrum Elektromobilität. Darauf haben sich nach monatelangen harten Verhandlungen der Betriebsrat und die Werkleitung geeinigt, wie beide Parteien mitteilen. Michael Häberle, Betriebsratschef in Untertürkheim, und Werkleiter Frank Deiß hatten seit Oktober federführend verhandelt. Der Fokus des Standorts mit insgesamt etwa 18 000 Beschäftigten liegt laut der komplexen Vereinbarung künftig auf elektrischen Antriebskomponenten – Batterien und elektrischen Antriebssystemen. Der Konzern plant demnach Investitionen von mehr als 400 Millionen Euro für die Transformation des Standorts Untertürkheim, zu dem sechs Werkteile gehören. Der Standort am Neckar spielt damit in den Planungen des Konzerns, der den Bau von Elektro-Fahrzeugen in den kommenden Jahren massiv vorantreiben will, eine zentrale Rolle.
Teile der Kurbelwellen-Produktion werden verlagert
Beide Seiten, der Betriebsrat und die Werkleitung, gehen Kompromisse ein, um Untertürkheim mit dem Kompetenzzentrum zukunftsfähig zu machen. Die Produktion für Kurbelwellen wird zu einem großen Teil an den Standort Jawor in Polen verlagert. Dies war von Beginn an eine der zentralen Forderungen von Werkleiter Deiß. Häberle hat dies abgelehnt, weil dringend benötigte Beschäftigung wegfallen würde. Nun kommt noch in diesem Jahr „als Kompensation“ die Produktion von Kurbelgehäusen von Jawor nach Untertürkheim, wie Häberle in einem Brief an die Mitarbeiter schreibt. Insgesamt aber sollen „Fertigungstiefe und -volumen konventioneller Antriebe schrittweise reduziert werden“. Neue Produktionsumfänge würde eingehend geprüft, „um die Effizienz und Profitabilität des Standorts zu maximieren“, wie es weiter heißt.
Freiwillige Abfindungen in der Produktion
Im Gegenzug sagt der Konzern nun zu, dass die Fertigung und die Montage von Teilen des elektrischen Antriebsstrangs (EATS) für künftige Elektrofahrzeuge der EQ-Reihe Ende 2024 starten wird. Das geplante Produktionsvolumen werde dabei verdoppelt. Häberle wertet dies in dem Brief an die Mitarbeiter als „klares Bekenntnis zu unserem Standort und seiner Belegschaft“. Gleichzeitig bleibe man im konventionellen Antrieb „handlungsfähig“. Jedes Werkteil profitiere von den Vereinbarungen, sagte er. Werkleiter Deiß sieht den „historischen Beschluss“ für Untertürkheim als „logischen nächsten Schritt und Sinnbild für die Transformation unserer Antriebssparte“. Die Vereinbarungen seien auf „electric first“ ausgerichtet. Der E-Campus, für den ein neues Gebäude gebaut werde, bringe zusätzliche Arbeitsplätze im dreistelligen Bereich. Wie viele Arbeitsplätze durch den Wandel hin zur E-Mobilität am Standort verloren gehen könnten, dazu äußerten sich Häberle und Deiß nicht. „Der Betriebsrat redet nicht über Abbauzahlen“, so Häberle. Die Zahl der Mitarbeiter werde aber über die Jahre sinken, sagte Deiß. Die Vereinbarung sieht gleichwohl neue Personalmaßnahmen vor: In der Produktion und produktionsnahen Bereichen wird es die Möglichkeit freiwilliger Abfindungen geben. Ein freiwilliger Wechsel an andere Standorte in der Region – Sindelfingen und Rastatt – ist möglich. Und in Absprache mit dem Betriebsrat hat das Unternehmen die Möglichkeit, Mitarbeiter „temporär auf nicht gleichwertige Arbeitsplätze zu versetzen“ – bei unveränderter Entgeltfortzahlung.
Alternative Standorte waren im Gespräch
Die Daimler-Führung hatte in den Verhandlungen alternative Standorte für das Kompetenzzentrum E-Mobilität ins Spiel gebracht, sollte eine Einigung mit dem Betriebsrat in Untertürkheim nicht in absehbarer Zeit möglich sein. Die Verantwortlichen bei Daimler sehen sich unter Zeitdruck – und haben dies auch den Arbeitnehmervertretern unmissverständlich deutlich gemacht. Der Wandel hin zur E-Mobilität beschleunige sich massiv. Werkleiter Deiß will nach eigenem Bekunden keine Zeit mehr verlieren und den Umbau des Stammwerks nun zügig angehen. „Der Wandel hin zur Elektromobilität bedeutet nachhaltige Veränderungen für Untertürkheim. Er ist aber ein wichtiger Entwicklungsschritt für die Zukunft des Standorts als Kompetenzzentrum für Antriebstechnologien im globalen Mercedes-Benz Produktionsnetzwerk, den wir gemeinsam konsequent angehen wollen“, sagt Deiß.
Zwischenzeitlich war die Stimmung schlecht
Auch die Arbeitnehmerseite machte sich stets für die Ansiedlung des E-Campus stark, Betriebsratschef Häberle pochte aber darauf, die traditionelle Produktion von Verbrennungsmotoren und Teilen wie Kurbelwellen in Untertürkheim halten zu wollen, um für eine längere Übergangszeit die Beschäftigung in den sechs höchst unterschiedlichen Werkteilen zu sichern.
Zwischenzeitlich war die Stimmung in den Verhandlungen deshalb schlecht. Die Werkleitung warf dem Betriebsrat vor, die Zeichen der Zeit nicht erkannt zu haben und an Bestehendem unbedingt festhalten zu wollen. Der Betriebsrat warf dem Konzern wiederum vor, den E-Campus als „trojanisches Pferd“ zu benutzen, mit dem versucht werde, „bereits heute einen Abbau von Arbeitsplätzen künstlich zu erzwingen“.