Einkaufen Dorfmarkt statt Discounter in Corona-Zeiten?

Von Caroline Holowiecki 

Durch die Pandemie verändern viele Kunden ihr Einkaufsverhalten. Die kleinen Nahversorger sind offenbar im Trend. Die freuen sich natürlich, doch es bringt auch Herausforderungen mit sich. Ein Lädchen brauchte neulich sogar einen Türsteher.

Alush Hoxhaj, der neue Betreiber von Tante Emma, in seinem Laden Foto: Caroline Holowiecki
Alush Hoxhaj, der neue Betreiber von Tante Emma, in seinem Laden Foto: Caroline Holowiecki

Degerloch - Schlag 15 Uhr geht bei Tante Emma der Rollladen hoch. Siesta vorüber. Alush Hoxhaj schiebt vor dem Degerlocher Laden Blumentöpfe zurecht und drapiert Obst. Im vierten Monat betreibt er den Minimarkt an der Großen Falterstraße; ein Start mitten in die Corona-Krise. Aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Virus haben viele Menschen ihr Einkaufsverhalten verändert. Um weniger Leuten zu begegnen und schneller fertig zu sein, heißt es: Dorfmarkt statt Discounter. Für Alush Hoxhaj brachte das Warteschlangen bis zur Straßenecke. „Einerseits war es schon gut, weil mehr los war. Aber es war auch alles schwierig“, sagt er. Mittlerweile habe sich die Situation im 32-Quadratmeter-Geschäft beruhigt, aber Freitage und Samstage seien fordernd.

Plötzlich kamen auch viele fremde Kunden

Auch bei Abbas Khalil ist etwas Ruhe eingekehrt. „Der Spuk ist vorbei“, sagt er und lacht. Der gebürtige Libanese betreibt mit seiner Frau seit mehr als drei Jahrzehnten den Frischmarkt in Kaltental. Auf den 100 Quadratmetern plus Außenfläche begrüßt er für gewöhnlich fast nur Stammkunden, zum Start der Corona-Krise waren es aber plötzlich auch viele Fremde. Bis zu 300 Menschen am Tag. „Die ersten acht Wochen sind wir überrannt worden“, sagt der 59-Jährige. Samstags habe man sogar mit einem Türsteher arbeiten müssen. Angehörige hätten nach Feierabend ausgeholfen, „um überhaupt die Regale vollzubekommen“.

Wer Abbas Khalils Feinkostlädle nicht kennt, findet es nicht. Laufkundschaft gibt es auf dem sogenannten katholischen Berg kaum. Dass doch mit einem Schlag Neukunden den Weg her gefunden haben, führt er auf die Furcht vieler vor Menschenmassen zurück, aber auch auf etwas anderes. „Auf einmal haben die Leute ihr Heimatgefühl wiedergefunden.“ Ob das anhält, da ist er skeptisch. „Unsere Stammkunden sind uns seit 30 Jahren treu und bleiben es womöglich auch noch die nächsten 30 Jahre.“ Von den anderen befürchtet er indes: „Die kommen nicht mehr.“

Der Bonus in Stetten hat in der Pandemie aufgemacht

Karsten Fischer wiederum sieht eine Chance – trotz vieler Erschwernisse. Er ist bei der gemeinnützigen Gesellschaft für Schulung und berufliche Reintegration als Vertriebsleiter für die Bonus-Märkte zuständig. Das Besondere an den 23 Filialen in Baden-Württemberg und Bayern: Das Personal wird unter anderem vom Jobcenter gefördert.

Außerdem übernehmen die Läden oft die Nahversorger-Funktion in Regionen, die für die großen Ketten wirtschaftlich uninteressant sind. Einer dieser Dorfläden hat jüngst in Leinfelden-Echterdingens Ortsteil Stetten eröffnet – in der ersten März-Woche, also mit der großen Corona-Welle. Auch er ist förmlich gestürmt worden, gleichzeitig mussten ständig neue Hygieneregeln umgesetzt werden. „Das ist schon für einen gestandenen Marktleiter eine Herausforderung“, sagt Karsten Fischer, für ein neues Team erst recht. „Wir waren personell gar nicht drauf eingestellt. Die Personaldecke wäre mit dem geplanten Umsatz ausreichend gewesen“, der tatsächliche Umsatz sei aber bis zu 30 Prozent höher gewesen.

Wenden sich jetzt wieder mehr Menschen den kleinen Läden zu?

In den Bonus-Märkten hält der Ansturm an. Karsten Fischer spricht im Durchschnitt von bis zu 50 Prozent mehr Umsatz. Er hofft dauerhaft auf eine Trendwende. Jetzt sei die Zeit für Kaufleute, sich zu positionieren, „vielleicht werden sich die Kunden wieder mehr auf kleine Märkte einlassen. Wer jetzt den klassischen Nahversorger an der Ecke hat, ist doch gottfroh“. Branchenuntersuchungen hätten ergeben, dass drei bis fünf Prozent der Neukunden hängenbleiben könnten, wenn die Inhaber etwa durch besonderen Service punkteten. „Da kommt es auf den Einzelhändler an.“

Alush Hoxhaj jedenfalls zeigt sich rührig. In aller Herrgottsfrühe steht er auf, fährt zum Großhandel und holt, was im Tante-Emma-Laden ausgegangen ist oder wonach Kunden fragen. Ebenso in der Mittagspause und nach Feierabend. „Ich besorge alles, wenn jemand anruft“, sagt er. Seine Kundschaft wisse das zu würdigen. „Sie freuen sich“, sagt der 47-Jährige aus dem Kosovo, „wegen Corona sagen sie: Schön, dass Sie da sind.“

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