Einkaufen im Kreis Böblingen Immer mehr Leerstände in Shopping Centern

In den Shopping Centern ist nicht mehr alles Gold, was glänzt: Blick ins Breuningerland Sindelfingen Foto: Kreiszeitung Böblinger Bote

Leerstände in den Einkaufszentren im Kreis Böblingen mehren sich. Mittlerweile gehören diese auch im erfolgsverwöhnten Breuningerland Sindelfingen zum Bild. Gründe dafür gibt es einige, sagen Experten. Und zeigen Lösungen auf.

Böblingen: Jan-Philipp Schlecht (jps)

Der Empfang fiel schon einmal herzlicher aus. Wer das Breuningerland Sindelfingen am Eingang E betritt, schreitet zunächst ein Nicht-Geschäft ab: Zur Linken sind zwei große Ladengeschäfte mit blickdichter Folie verklebt. Blieb das erfolgsverwöhnte Breuningerland lange vom Ladensterben verschont, gehören die Leerstände nun auch dort zum Bild. Im Erdgeschoss haben sich weitere Mieter verabschiedet, darunter der insolvente Modehändler Hallhuber. Insgesamt stehen derzeit rund ein halbes Dutzend Geschäfte leer. Das Centermanagement will darin allerdings kein Problem erkennen. Im Gegenteil.

 

„Der Bestand an Shops im Breuningerland Sindelfingen ist stabil, und wir befinden uns in einer komfortablen Lage, unser Portfolio mit neuen Konzepten und Mietpartnern zu erweitern“, sagt die Betreibergesellschaft Unibail Rodamco Westfield (URW) dazu. Die Leerstände seien nur vorübergehend, heißt es weiter: „Jedoch mit dem Ziel, den Mieter-Mix kontinuierlich weiterzuentwickeln und unseren Kunden immer wieder frische, spannende Konzepte zu präsentieren.“ Welche dies sind, darüber macht URW keine Angaben.

Andere wiederum hätten sich vergrößert. So sei der österreichische Schuhhändler Högl auf eine größere Fläche gezogen, ebenso der Modehändler Only. Doch die Mall ereilt ein Schicksal, dessen sich kaum ein Shopping Center in der Region erwehren kann. In den Mercaden in Böblingen sind derzeit über 20 Geschäfte verwaist. Dabei besteht die Mall erst seit knapp zehn Jahren und ist im Kreis Böblingen mit Abstand die jüngste – das Sindelfinger Stern Center eröffnete 1999, das Breuningerland 1980.

Neueröffnung Decathlon Böblingen am 17. Juli 2024 /Stefanie Schlecht

Von außen betrachtet verschärft die Neueröffnung des Quartiers Pulse in direkter Nachbarschaft die Lage der Mercaden. Immerhin ist Sportartikler Decathlon ins Pulse abgewandert, um sich zu vergrößern. Interessant: Beide Gebäude gehören der Hamburger Hansemerkur Versicherung. Trotz des steigenden Leerstands in den Mercaden gibt man sich dort gelassen, wenn nicht gar optimistisch: „Wir als Eigentümer freuen uns sehr über die Entwicklung beider Objekte“, heißt es über die Mercaden und das Pulse. Vom neu entstandenen Quartier „dürften sowohl die Mercaden Böblingen als auch das Pulse profitieren“, so die Versicherung. Die Mercaden-Leerstände würden Platz für Neues schaffen, gibt man sich zukunftsfroh.

Doch die Krise im Einzelhandel ist unübersehbar. Erreicht sie nach den Innenstädten nun die glitzernden Center?

Bei der Industrie- und Handelskammer sieht man diesen Trend relativ klar. „Auch in diesem Jahr ist die Situation für Shopping Center von den Folgewirkungen der Pandemie und des russischen Angriffskrieges in der Ukraine noch beeinflusst“, sagt Martin Eisenmann, der das Referat Handel in der IHK der Region Stuttgart leitet.

Die Welt teile sich in eine Vor- und eine Nach-Coronazeit, sagt er. Eisenmann: „Dabei stellen sinkende Mieten, weniger Frequenz und mehr Leerstand das Centermanagement der Einkaufszentren bei der Rückkehr zur Normalität vor Herausforderungen.“ Die schwierige Entwicklung belegt eine Studie des EHI Retail Instituts mit Zahlen. Der Anteil der Einkaufszentren mit mehr als fünf Prozent Leerstand sei demnach von 19 Prozent im Vor-Corona-Jahr auf 44 Prozent Anfang 2024 gestiegen, habe sich also mehr als verdoppelt. Deutlich mehr als die Hälfte (57 Prozent) berichten von einem Leerstand von „bis zu 5 Prozent“, während der Anteil der Center mit nur bis zu drei Prozent Leerstand von 66 Prozent im Jahr 2019 auf 34 Prozent gesunken ist. Ein ähnliches Bild zeichnet der Handelsverband Baden-Württemberg.

Handelsexperte Eisenmann: Corona-Folgen noch immer spürbar Foto: Archiv/Stefanie Schlecht

„Die angespannte Situation im Einzelhandel, die auch mit zahlreichen Insolvenzen großer, bekannter Handelsketten einhergeht, macht auch vor Einkaufszentren keinen Halt“, sagt Handelsverband-Chefin Sabine Hagmann. Doch neben Schwarzmalerei zeigen die beiden Experten auf, wie sich die Center auf die veränderte Lage einstellen können – und ein wenig neu erfinden müssen. Es scheint kein Weg daran vorbei zu führen, nicht nur Geld aus den Centern zu ziehen, sondern etwas hineinzustecken.

Hagmann: „Um auch künftig konkurrenzfähig zu sein und attraktiv für Kundinnen und Kunden zu sein, müssen Handelsunternehmen Investitionen tätigen.“ Und das möglichst schnell. Wichtig sei außerdem, „dass bestehende Leerstände schnellstmöglich neu nachbesetzt werden, um einen Dominoeffekt, der Zentren unattraktiv macht und zu immer mehr Leerständen führt, zu vermeiden.“

IHK-Experte Martin Eisenmann rät zu einer Mischnutzung: „Diese Erkenntnis über die Bedeutung weiterer Nutzungen ist wichtig, denn für jedes dritte Einkaufszentrum ist die Komprimierung der Handelsfläche ein zentrales Thema.“ Als Beimischung gefragt: Angebote für Freizeit und Gesundheit.

Büroturm des Breuningerlands Sindelfingen Foto: Archiv/Granville

So seien neben den obligatorischen Büros in vielen Centern Gesundheitsangebote zur festen Säule geworden. Außerdem Freizeitangebote, Entertainment oder Sport, Wohnungen und öffentliche Einrichtungen zunehmend ebenso, sagt Eisenmann. Entscheidend sei, was die größten Synergieeffekte bringe. Eisenmann: „Hier sehen Centermanager die Gastronomie an der Spitze.“ Die Konsumtempel müssten sich neu erfinden – und nicht mehr nur reine Orte des Geldausgebens sein.

Kaufkraft im Kreis Böblingen weiter hoch

Statistik
Laut IHK Region Stuttgart liegt der Kreis Böblingen in Sachen Kaufkraft regionsweit auf Platz eins, bundesweit auf Platz 19.

Kaufkraft
Die einzelhandelsrelevante Kaufkraft betrage statistisch gesehen 8289 Euro pro Kopf in diesem Jahr.

Landkreis
In Summe kommen im Landkreis damit 3,3 Milliarden Euro Kaufkraft zusammen – so viel können die Einwohner theoretisch im Handel ausgeben.

Attraktiv
Das macht den Kreis für den Handel attraktiv, weshalb hier nach wie vor investiert wird. Stichwort: Pulse in der Böblinger Fußgängerzone sowie weitere Geschäftsimmobilien. jps

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