Einkaufen in Stuttgart-Möhringen Zoff um den Markt gab es schon in den 70ern

Eröffnung des Wochenmarktes in Möhringen 1975 mit den damaligen SPD-Bezirksbeirätinnen Charlotte Beecken und Sieglinde Schell-Dahlem sowie der Initiatorin und SPD-Stadträtin Gerda Strunk (Frauen von links) Foto: Caroline Holowiecki
Eröffnung des Wochenmarktes in Möhringen 1975 mit den damaligen SPD-Bezirksbeirätinnen Charlotte Beecken und Sieglinde Schell-Dahlem sowie der Initiatorin und SPD-Stadträtin Gerda Strunk (Frauen von links) Foto: Caroline Holowiecki

Über den richtigen Standort für den Wochenmarkt in Stuttgart-Möhringen herrscht im Bezirk seit Wochen Uneinigkeit. Was sagt eigentlich die Degerlocherin, die den Markt vor mehr als 45 Jahren initiiert hat?

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Möhringen - Der Bob ist dunkel, aber am Lachen ist Gerda Strunk eindeutig zu erkennen. Auf dem Schwarz-Weiß-Foto steht sie rechts. Am Arm trägt sie einen Korb. Gemüse in Kisten, ein großer Sonnenschirm, ein paar Leute, die einen Plausch halten – eine klassische Marktszene. Dennoch ist bemerkenswert, was da 1975 fotografisch festgehalten wurde. Das Bild zeigt die Eröffnung des Möhringer Wochenmarktes. Und die Frau rechts, eben diese Gerda Strunk, die ist der Grund, warum dieses Bild überhaupt gemacht werden konnte. Sie hat den Wochenmarkt seinerzeit initiiert.

Heute, mehr als 45 Jahre später, sitzt die 96-Jährige an ihrem Tisch in Stuttgart-Degerloch und wühlt in alten Unterlagen. „Ich habe zu viel Papier“, sagt sie und lächelt. Es hat sich einiges angesammelt, allein schon in den 14 Jahren, die Gerda Strunk ihre Partei, die SPD, im Stuttgarter Gemeinderat vertreten hat. „Ich war seit meinem Eintritt in die Partei 1945 politisch aktiv“, sagt sie. Vieles hat sie in den Jahrzehnten angeschoben, doch ihre erste Amtshandlung damals als frisch gewählte Stadträtin, das war die Einführung des Möhringer Marktes. „Ich hatte die Idee“, sagt sie.

Kritik: Die Zufahrt für große Fahrzeuge ist erschwert

Just dieser Wochenmarkt macht seit Wochen Schlagzeilen. Kurz vor dem Jahreswechsel wurde bekannt, dass die samstägliche Veranstaltung vom Oberdorfplatz in den historischen Spitalhof ziehen würde. Seither gibt es Streit. Viele Bürger sind unglücklich mit der Veränderung. Rund um den Spitalhof fehle es an Parkplätzen, es sei zu eng. Beschicker kritisieren zudem, dass die Zufahrt für die großen Fahrzeuge erschwert sei. Mancher Möhringer stört sich so sehr am Umzug, dass er Unterschriften sammelt. Zuletzt war es deswegen auf dem Markt zu tumultartigen Szenen gekommen. Ein Marktaufseher hatte versucht, die Sammlung zu unterbinden. Mitte/Ende April soll das Thema mit dem Bezirksbeirat erörtert werden.

Zoff um den Markt kennt Gerda Strunk, denn den gab’s vor seiner Einführung auch. Sie holt einen Artikel von 1974 hervor. „Abstimmung in Möhringen aufgeschoben – Der Markt hat einen schweren Stand“, heißt es dort. Tatsächlich wollten den Markt, um den heute so leidenschaftlich gezankt wird, viele gar nicht haben. Die CDU im Bezirksbeirat und der Gewerbe- und Handelsverein etwa fürchteten den „Todesstoß“ für den Einzelhandel, es gebe auch „keinerlei berechtigtes Interesse der Verbraucherschaft“. Gerda Strunk wiederum sammelte Unterschriften und ging mit anderen Frauen werbend die Filderbahnstraße hoch und runter. Sandwich-Plakate hatten sie umgehängt, das weiß sie noch. „Das hatte ich im Fernsehen gesehen. Das kam aus New York.“

Keine Freundin des neuen Standorts auf dem Spitalhof

Gerda Strunk hat lang in Sonnenberg gelebt. „Der Möhringer mag keine Veränderung“, sagt sie. Vielleicht ist das eine Erklärung dafür, warum der Umzug nicht ankommt. Tatsächlich aber ist die Seniorin selbst keine Freundin des neuen Standortes. Sie sorgt sich um das „Kleinod, es könnte Schaden nehmen“, auch das Grün könnte leiden. Große Verkaufsmobile in den historischen Mauern kann sie sich nicht vorstellen. Die Idylle dürfe man nicht mit Aktivitäten „verhunzen“, die den Spitalhof überforderten. „Er ist das Einzige, was Möhringen hat.“

Und nun? In die Diskussion einmischen will sich Gerda Strunk explizit nicht. „Ich bin doch 96, ich bin aus dem Rennen“, sagt sie. Aber eine Meinung dürfe sie ja haben. Sie findet, das Thema müsse nun kommunalpolitisch angepackt werden, „es muss vor den Bezirksbeirat“. Dort hätte das Ganze nach ihrem Geschmack von Anfang an hingehört. Wenn das lokalpolitische Gremium aber entscheidet, dass der Markt im Spitalhof bleibt? Gerda Strunk hebt die Arme und lächelt. „Das ist Demokratie.“

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