Stuttgart - Zwischen Feigheit und Tollkühnheit liegt der Mut. Quasi als goldene Mitte. Und doch könnte man jeden Unternehmer derzeit gut verstehen, der bei seinen Investitionen eher vorsichtig agiert. In diesen Tagen auf 300 Quadratmeter Handelsfläche in der Innenstadt etwas Neues anzufangen, braucht eine gehörige Portion Mut. „Den haben wir“, sagt Optikermeister Henning Neidhart. Zusammen mit seiner Frau Isabel eröffnet er im Juni das neue Zeiss Vision Center. Eines von 14 in Deutschland, das nun in der Nähe zum Mutterhaus in Oberkochen in der Stephanstraße 30 und in einem wettbewerbsstarken Umfeld eröffnet. Neben den elf Filialen der Ketten wie Fielmann oder Prooptik und anderen gibt es zehn Inhaber geführte Optiker und nun bald den ersten Marken-Augenoptiker.
Neben der Bereitschaft, unternehmerisches Risiko einzugehen, braucht jeder Neustart natürlich ein schlüssiges Konzept. Das Alte, das Übliche scheint in diesen Tagen keine Chance mehr zu haben. Das zeigt gerade dieser Laden neben dem Lokal der Schönbuchbrauerei. In den Räumen der Neidharts waren zuvor in zwei Läden ein Herrenausstatter und ein Brautmodengeschäft untergebracht. Beide sind den langen Lockdowns zum Opfer gefallen. Ein neues und weiteres Textilgeschäft dürfte wenig Chancen haben. Nicht zuletzt deshalb warnten zuletzt einige vor einer Verödung der City und vielen Leerständen. Auch hier setzt Henning Neidhart einen Kontrapunkt: „Daran glaube ich nicht, die Innenstadt ist und bleibt attraktiv.“
In Zukunft punktet Qualität
Und das gelte nicht nur in den Toplagen. Neidhart ist bewusst in die 1B-Lage gegangen. Natürlich braucht auch er eine gewisse Passantenfrequenz. Aber sein Konzept im Premiumbereich der Optik verlangt eine gute Mischung zwischen Ruhe und Belebung. Sein Laden soll kein Durchlauferhitzer sein, es verträgt keine abgehetzten Kunden. Hier werde man, so Henning Neidhart, zwischen eineinhalb und zwei Stunden beraten. Dazu gehört das sogenannte Augenscreening. „Das Ziel des Screenings besteht darin, mögliche Auffälligkeiten am Auge zu erkennen, die eventuell eine zusätzliche fachärztliche Untersuchung erfordern. Sollte eine weiterführende Untersuchung ratsam sein, erstellen wir für Ihren Augenarzt einen Kurzbericht“, erklärt Maik Hartung von Zeiss. Zudem seien die „Anforderungen der Verbraucher an gutes Sehen gestiegen“, meint Isabel Neidhart und spielt damit auch auf die Veränderung durch die Digitalisierung und den Zuwachs an Zeit vor Bildschirmen an.
Für die Branchenkennerin des Immobilien-Unternehmens Colliers Stuttgart, Patricia Karwath, trifft das Konzept der Neidharts daher den Puls der Zeit. Damit deute sich sehr gut der kommende Wandel im Stadtbild an: „Wir werden kein spezielles Wachstum bestimmter oder neuer Branchen erleben, sondern die Neuerungen kommen wie in diesem Fall eher aus den bestehenden Branchen heraus.“ Auch die Stichworte bei diesen inhaltlichen Erneuerungen seien gleich: Wer heute beim Kunden landen will, hat Vorteile, wenn die Begriffe Nachhaltigkeit, Regionalität und Qualität eine übergeordnete Rolle in seiner Firmenphilosophie spielen.
Patricia Karwath bringt es für diesen Zeiss-Laden in einem Satz auf den Punkt: „Gut zu sehen und gut auszusehen, ist gerade in der Coronazeit wichtiger denn je.“ Corona bringe die Menschen zur inneren Einkehr und der Frage: Was ist eigentlich wichtig im Leben? Und dies dürfe dann auch gerne ein paar Euro mehr kosten. Wichtig dabei: „Kunden wollen nicht nur irgendeine Nummer sein.“ Daher ist sie davon überzeugt, dass Qualitätskonzepte wie das der Neidharts auch auf andere Branchen in der Innenstadt übertragbar sei. Mehr noch: Aus Sicht der Immobilien-Vermittlerin ist „jetzt genau der richtige Zeitpunkt“ für die Umsetzung solcher Ideen. In dieser Umbruchphase böte sich die „Möglichkeit, überhaupt solche Flächen in der Innenstadt zu bekommen“. 300 Quadratmeter mit fünf Meter hohen Decken sowie einer Vollverglasung seien sonst eher schwer zu kriegen. Noch dazu in derart aufstrebenden Lagen zwischen Lautenschlagerstraße und Stephanstraße. Karwath: „Rund um den Palast der Republik entsteht unter anderem mit der Dinkelacker-Gastronomie ein richtig schöner Ort“. Und das bei den Mieten in der Innenstadt. Selten zuvor waren aber laut Karwath die Vermieter so gesprächsbereit und machten oft Zugeständnisse – auch bei Bestandsmietern. Gleichwohl gebe es freilich je nach Lage und Größe der Ladenfläche Unterschiede beim Preis. „Nur eines ist sicher“, sagt sie: „Nach oben geht der Mietpreis nicht mehr.“
Guter Zeitpunkt für Investitionen
Kurzum: Weder Isabel und Henning Neidhart noch die Immobilien-Expertin von Colliers läuten der Innenstadt das Totenglöckchen. Im Gegenteil: Sie gehen davon aus, dass nach der langen Zeit des Stillstandes die Lust auf Stadt bei den Menschen zurückkehrt. „Es wird Nachholbedarf geben“, sagt auch Citymanager Sven Hahn, warnt aber vor dem Glauben, dass der Restart ein Selbstläufer werde. Denn grundsätzlich hätte man sich daran gewöhnt, die Dinge vom Sofa aus zu konsumieren: Liefer- und Streamingdienste sowie Online-Shops machen dies möglich. Daher fragt Hahn rhetorisch: „Warum gehen so viele Leute gerne zu Breuninger? Nicht weil es das jeweilige Produkt nur dort gibt oder es günstiger ist, sondern wegen des Drumherum beim Einkaufen.“ Sein Fazit: „Die Leute müssen kommen wollen. Sie müssen Lust auf die Stadt haben.“ Dazu braucht es mutige Unternehmer mit klugen, neuen Konzepten.