Einkaufen in Zeiten von Corona Das sind die Heldinnen dieser Tage

Von Florian Mader 

Edeka-Verkäuferin Canan Bozbiyik weiß gerade nicht, wo ihr der Kopf steht. Statt eines Danks muss sie sich zum Teil beschimpfen lassen.

Die Regale im Heimsheimer Edeka sind oft leer  – es fehlt 40 Prozent Ware. Canan Bozbiyik  und Anna und Katharina Lukasiewicz (v.l.) haben dennoch zu tun. Foto: factum/Simon Granville
Die Regale im Heimsheimer Edeka sind oft leer – es fehlt 40 Prozent Ware. Canan Bozbiyik und Anna und Katharina Lukasiewicz (v.l.) haben dennoch zu tun. Foto: factum/Simon Granville

Heimsheim - Canan Bozbiyik muss noch mal Luft holen. Dass sich solche Szenen in Deutschland abspielen, hat sie sich nicht vorstellen können, erzählt die Verkäuferin: Ein Mann schreit sie an, beleidigt sie schwer. Worum es geht? Natürlich um Klopapier. „Ich habe versucht, ihm zu erklären, dass wir die Ware strecken müssen, damit jeder etwas bekommt“, berichtet Bozbiyik. „Dann aber musste ich sagen: Stopp, es reicht, ich diskutiere nicht weiter.“

Kein Einzelfall. Seit zwei Wochen geht das so, im Heimsheimer Edeka-Markt von Katharina Lukasiewicz. Nerven wie Drahtseile brauchen ihre Mitarbeiter zurzeit, seelsorgerische Fähigkeiten und immer den Überblick. „Es gibt diese hochaggressiven Kunden“, sagt sie. „Allein in dieser Woche musste ich schon zwei Hausverbote verhängen, weil Kunden unsere Mengenbegrenzungen nicht akzeptieren.“ In einem der Fälle habe sie den Mann vor die Wahl gestellt: Entweder vier Packungen Mehl statt zehn. Oder null Packungen und ein Hausverbot. Der Mann habe sich für letzteres entschieden.

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„Wir sind so erschöpft und müde – und dann müssen wir noch so was erleben“, schüttelt Canan Bozbiyik mit dem Kopf. Während zurzeit viele andere im Homeoffice sind oder in Kurzarbeit versuchen, die Zeit totzuschlagen, weiß die Marktleiterin nicht, wo ihr der Kopf steht. Morgens um fünf ist sie schon im Edeka und bereitet den Markt einigermaßen vor.

Leere in den Regalen – Hoffen auf Nachschub

So gut, wie es eben geht. Denn viele Regale sind leer, und das wird erst mal auch so bleiben. 40 Prozent der Ware fehlt derzeit, schätzt Chefin Katharina Lukasiewicz: „Wir bekommen auch nicht genug Nachschub.“ Sie ist mit vielen anderen selbstständigen Edeka-Händlern vernetzt, vom Bodensee bis hoch nach Hessen – überall dasselbe Bild: „Uns wird zum Teil die Hälfte unserer Bestellungen gestrichen“, sagt sie. Nur ein Beispiel: Das Edeka-Fleischwerk in Rheinstetten (Kreis Karlsruhe) sei aufgrund seiner Nähe zum Elsass kaum noch arbeitsfähig, da viele französische Mitarbeiter nicht mehr zu Arbeit kämen, habe man ihr erklärt. Hackfleisch ist bei Kunden zurzeit besonders beliebt, davon hat es zuletzt aber nur noch zwei Kilogramm Nachschub gegeben.

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Die Zentrale der Edeka-Südwest in Offenburg weist solche Befürchtungen zurück. „Die Versorgung der Edeka-Märkte mit Lebensmitteln ist weiterhin bundesweit sichergestellt“, teilt ein Sprecher mit. Trotz „erhöhter Nachfrage in einigen Sortimentsbereichen“ werde man die Märkte täglich beliefern. Davon merkt man in Heimsheim nichts. Canan Bozbiyik sagt ihren Kunden mittlerweile gar nicht mehr, wann ihr eine Lieferung versprochen wurde. „Sonst kommen die Menschen im Pulk hier rein“, hat sie festgestellt. „Aber die Kunden informieren sich jetzt gegenseitig, wenn sie sehen, dass wir einräumen.“

Am vergangenen Donnerstag und Freitag sei der Ansturm extrem gewesen. Am Montag musste Bozbiyik kurz die Türen abschließen. „Es war randvoll – eine richtige Menschenmenge.“

Viele kaufen nur ganz wenig

Und das in Zeiten eines hochinfektiösen Virus, wenn alle sagen, dass man eigentlich Abstand wahren soll. „Ich weiß nicht, wie ich meine Mitarbeiter schützen soll“, sagt Marktbesitzerin Katharina Lukasiewicz. Klar habe sie von Kollegen gehört, die nur noch fünf oder zehn Menschen gleichzeitig in die Märkte gelassen haben. „Aber woher soll ich die Security nehmen, die das durchsetzt?“, fragt sich die Chefin.

Was ihr auffällt: Viele kaufen nur wenige Produkte ein. Gehen manche ausgerechnet jetzt aus Langeweile einkaufen? Wie zum Beweis kommt gerade eine Seniorin mit nur einer Dose Erbsen vorbei, als Katharina Lukasiewicz das sagt. „Dabei sollte doch gerade sie zurzeit zu Hause sein“, überlegt die Einzelhändlerin. „Leute sollten jetzt wirklich vernünftig sein, einmal in der Woche einen Großeinkauf machen und ansonsten nicht unter die Leute gehen.“

Einen Mangel an Arbeitskräften gibt es in Heimsheim übrigens nicht zu vermelden. „Es melden sich sogar schon Schüler, die eh nichts zu tun haben“, sagt Anna Lukasiewicz, die Prokuristin des Betriebs. „Diese können wir aber natürlich nicht einsetzen.“ Aufgrund der Infektionsgefahr verlasse sie sich nur auf vertraute Arbeitskräfte, von denen sie weiß, wo sie sich in letzter Zeit aufgehalten haben.

Nervenaufreibende Situation

Schwierig ist die Situation also für alle Beteiligten. „Mitarbeiter, die aus der früheren DDR kommen, sind am gelassensten“, beobachtet Katharina Lukasiewicz, die den Markt in Heimsheim seit zehn und das Geschäft in Flacht seit einem Jahr betreibt. „Sie kennen noch die Zeiten, in denen es nicht immer alles gibt und Mengen beschränkt werden müssen.“

Leere Regale gibt es übrigens nicht bei allen Produkten. Obst und Gemüse sei genug vorhanden, auch Süßwaren, Tiefkühlkost – und Alkohol.

Genug geredet, Canan Bozbiyik muss wieder an die Arbeit. Wie oft jemand ihr Danke sagt für all die schwere Arbeit? Sie muss kurz überlegen: „Ja doch, gestern hat ein Kunde ein dickes Dankeschön gesagt, das hat mich echt gefreut.“




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