14:45 Uhr zeigt das Handydisplay an. Es ist Dienstag. Im Stuttgarter Stadtteil Obertürkheim ist noch nicht viel los, als Aline H. aus der Bahn aussteigt, der große Feierabendverkehr steht noch bevor. Die Lederjacke trägt sie offen, der Herbst meint es noch einmal gut an den letzten Oktobertagen in Stuttgart.
„Einmal war ich schon hier, im Frühjahr bei einer Weinwanderung“, erzählt die 39-Jährige und blickt in Richtung der Weinberge, wo die Reben mittlerweile herbstliche Farben tragen. Sonst komme sie nicht oft nach Obertürkheim. Heute jedoch hat sie einen bestimmten Grund. Kurz vor 15 Uhr möchte sie da sein.
Routinen erleichtern den Alltag
„Stille Stunde“ steht auf dem blauen Aufsteller am Eingang des Cap-Marktes Obertürkheim. „Von 15:00 bis 16:00 Uhr“. Die Stuttgarterin ist pünktlich da. Wie eigentlich immer. Bereits im Vorhinein macht sie sich Gedanken, welche Bahn sie nimmt, wann sie losmuss, um nicht in Hektik zu geraten. Besonders morgens, auf dem Weg zur Arbeit, muss alles stimmen. „Wenn da schon etwas schiefgeht und ich spät dran bin, dann ist der Tag eigentlich schon gelaufen“, erzählt sie. Aline arbeitet als Lehrerin an einem Gymnasium. Um entspannt in der Schule anzukommen, hat sie morgens ihre feste Routine entwickelt. „Das hilft enorm“, findet sie.
Der Platz vor dem Ladeneingang ist gepflastert. Hin und wieder schieben Einkaufende ihre Wagen vorbei. Es folgt ein lautes, unangenehmes Geräusch, wenn die Wagenrollen über die Pflastersteine poltern und das Metall des Wagens rasselt. Minimal zuckt die Stuttgarterin zusammen, anmerken lässt sie es sich aber kaum. Geräusche wie diese empfindet Aline als sehr unangenehm. Aus diesem Grund trägt sie normalerweise auch Kopfhörer beim Einkaufen.
Einkaufen - Ein bunter Strauß an Reizüberflutungen
Das Einkaufen kann für Menschen wie Aline, Menschen mit sensorischen Empfindlichkeiten, zur Qual werden. Was genau daran schlimm ist? „Die Kombination aus allem“, erklärt sie. „Das Piepsen an der Kasse, die Menschenmenge, die lauten Durchsagen, das Licht.“ Quasi ein Komplettpaket an Reizüberflutungen. Und dazu komme die große Auswahl. „Wenn ich zum Beispiel nur eine Zahnpasta brauche, dann stehe ich da vor dem Regal im Supermarkt, und es gibt hunderte verschiedene Sorten.“ In ihrem Kopf beginnt es dann zu rattern. Dann schaut sie sich die Tuben an, vergleicht sie und hält sich daran auf.
Ablenkungen versucht die Stuttgarterin generell zu reduzieren. Ihr Smartphone ist auf stumm, die Benachrichtigungen hat sie ausgeschaltet. „Mich bringt das komplett raus, wenn ich merke, mein Handy vibriert oder da ploppt etwas auf“, erzählt sie. Ihre nahe stehenden Personen wüssten, dass sie nicht immer sofort antworte. „Wenn mich jemand erreichen will, dann ruft die Person meistens Freunde an, mit denen ich unterwegs bin“, erzählt sie lachend. Lange Zeit hatte Aline nur ein einfaches Tastenhandy. „Ich glaube, ich habe mein Studium auch nur geschafft, weil ich wirklich konsequent bis zum Ende kein Smartphone hatte.“
Herzlichen Glückwunsch, Sie haben ADHS!
Damals wusste Aline noch gar nicht, dass sie ADHS hat. Erst in diesem Frühjahr hat sie den Test gemacht und die eindeutige Diagnose erhalten. „Prozesse dauerten mir immer zu lange. Ich war so ungeduldig“, erzählt sie. Eine Kollegin, die selbst ADHS hat, habe sie darauf aufmerksam gemacht, einen Test zu machen. Weiterverfolgt habe sie es dann aber erst einmal nicht. Erst nach längerer Krankheit, gefolgt von einer Therapie und Reha, war das Thema bei der Lehrerin wieder präsent. Beide Male wurde sie darauf angesprochen, ob sie sich nicht vielleicht doch testen lassen möchte.
Bei ihrer Therapeutin hat sie den Test schließlich durchgeführt. „Ich musste da mehrere Fragebögen beantworten, meine Grundschulzeugnisse einreichen, am Computer Reaktionstests machen. Das hat sich aus einer Reihe verschiedener Tests zusammengesetzt.“ Das Ergebnis danach war klar. „Ja, und dann wurde mir herzlich zur Modediagnose gratuliert“, sagt Aline.
Ein bisschen Chaos darf sein
Nachdem Aline von ihrer Diagnose erfuhr, hat sie bei einer Selbsthilfegruppe für neurodivergente Menschen in Untertürkheim vorbeigeschaut. Hilfreich waren für sie dort vor allem die Tipps zur Dosierung von Medikamenten oder die Frage, wie andere Gruppenmitglieder die Ordnung in ihren Wohnungen halten. Das ist ein Punkt, mit dem sich viele Menschen in dem Spektrum schwertun – auch die Stuttgarterin, die lange Zeit dachte, sie sei einfach chaotisch. „Die Spülmaschine einräumen und anstellen ist gar kein Problem. Aber sie dann wieder auszuräumen, ist schwierig. Das zögert man dann so weit hinaus, bis es eigentlich genug Geschirr für eine neue Ladung gibt.“
Der Austausch in der Gruppe, ob im Chat oder persönlich, bringe Leichtigkeit hinein, da man dann merke, dass man nicht verrückt ist oder sich nicht zu wenig anstrengt, sagt die Lehrerin. Für sich selbst hat Aline mittlerweile eine Methode gefunden, wie sie die Ordnung behalten kann. „In meiner Wohnung ist alles steril und es gibt keine Ablageflächen. Dafür habe ich ein Zimmer, in dem Chaos herrschen darf.“ Da seien dann etwa Klamotten oder ihre Arbeitssachen untergebracht.
Die Stille Stunde – wenig bekannt im Kessel
Zwei Minuten vor Beginn der „Stillen Stunde“ betritt die Lehrerin den Laden. Die Stille Stunde ist ein besonderes Angebot für neurodivergente Menschen, die etwa wie Aline ADHS haben. Auch anderen kommt das Konzept zugute: Autisten, ältere Menschen oder einfach denen, die gerne in ruhiger Atmosphäre einkaufen gehen. Denn genau die Störfaktoren, die das Einkaufen zum Horrortrip machen können, werden in dieser Stunde gedämmt. Ein Konzept, das sich besonders im Entstehungsland Neuseeland, aber auch in Großbritannien etabliert hat. So richtig im Kessel angekommen ist es allerdings noch nicht. Der Cap-Markt ist der einzige Lebensmittelmarkt in Stuttgart, der das bereits anbietet. Wie das genau aussieht, davon möchte sich Aline heute ein Bild machen.
15:01 Uhr zeigt der Handybildschirm an. Noch scheint alles zu sein wie zuvor. Nur wenige Menschen sind im Markt. Optisch hat sich im Laden auf den ersten Blick nichts verändert. Es ist genauso hell wie zuvor. Auch das Licht reizt die Stuttgarterin. Sie erzählt: „Besonders schlimm ist das auch in den neuen Bahnen. Da ist das Licht supergrell.“ Und zwar so, dass Aline sogar einmal eine Mail an den VVS geschrieben hat. Versprochen hat sie sich davon nicht viel. Entsprechend überrascht war sie dann, dass sie eine Antwort bekam. Da könne man nichts machen, hieß es darin sinngemäß, das entspreche alles der Norm. Naja. Immerhin habe sie darauf aufmerksam gemacht.
Lieferdienste sind die besten Freunde
Im Markt räumen zwei Mitarbeiter Waren ein. Auf Nachfrage erklärt einer der beiden, was hier zur Stillen Stunde passiert. Zum einen habe man den Pfandautomaten stumm gestellt. Auch auf Durchsagen und lautes Piepsen an der Kasse werde verzichtet. Er hole gleich noch Stühle und verteile sie im Laden, für Menschen, die sich während des Einkaufens kurz ausruhen möchten. Und das Licht? „Das können wir nicht verändern. Das wäre sonst zu dunkel“, erklärt er.
Aline schnappt sich ein Wasser, an der Kasse nimmt sie sich noch eine Packung Kaugummi mit. In Summe war die Einkaufsatmosphäre entspannt. Das sei nicht immer so, erzählt die 39-Jährige. Besonders zu Stoßzeiten vermeidet sie Supermärkte und geht dann abends kurz vor Ladenschluss, wenn sie etwas Dringendes benötigt. Aber auch nur, wenn sie nach dem Arbeitstag noch Energie dafür hat. Ansonsten hat sie einen Plan B im Petto: Die Lebensmittel nach Hause liefern lassen. „Gorilla und Flink waren schon immer meine besten Freunde“, erzählt sie. Da sei es schon sehr praktisch, in der Stadt zu wohnen.
„Manchmal darf es auch das andere Extrem sein“
Wenn Aline es auch gerne ruhig mag, muss es nicht immer so sein. Sie ist ein großer Musikfan und geht gerne auf kleinere Festivals. Dann aber nicht gerade in der ersten Reihe, oder? „Doch, doch“, lacht die Stuttgarterin. Bei Musik sei das etwas anderes, da sie das nicht als unangenehm und bedrohlich wahrnehme, eher eine Art positiver Lärm, der die anderen Reize überstimmt. Wenn sie sich darauf einstimme, darfs auch lauter sein. Sie erklärt: „Es ist auch so, dass man das Extreme mag. Also manchmal muss es ruhig sein. Manchmal darf es aber auch das andere Extrem sein.“
Wieder draußen, vor dem Laden angekommen, zieht sie ein Fazit: „Das Angebot der Stillen Stunde finde ich an sich super.“ Dass diese Stunde in vielen Filialen der Cap-Märkte samstagmorgens um 8 Uhr ist, sei jedoch schade. Da sei ja sowieso noch nicht viel los.
Aline ist es wichtig, dass das Thema Neurodivergenz in der Öffentlichkeit präsenter wird, da es Menschen zu Rücksicht und Achtsamkeit sensibilisieren kann. Gegenüber Mitmenschen, aber auch gegenüber sich selbst. Sie findet: „Es ist in Ordnung, dass Menschen unterschiedlich sind und unterschiedlich wahrnehmen.“
Für die Stuttgarterin geht es nun wieder nach Hause, in die U-Bahn Richtung Stadtmitte. Mittlerweile sind mehr Menschen unterwegs, die Feierabendzeit ist angebrochen. Doch Aline ist gewappnet – ihre Kopfhörer hat sie griffbereit in der Tasche.