Das Sindelfinger Stern-Center steht vor einer Neuausrichtung. Trotz hoher Besucherzahlen leidet es unter Leerstand. Welche Pläne gibt es für die Zukunft des Einkaufszentrums?
Ein bisschen wie ein Hochbunker steht das Stern-Center am Rande der Sindelfinger Innenstadt. Blassorange und hellgelb kommen die hohen, fensterlosen Wände daher, die den Autofahrer empfangen, der über die Riedmühlestraße ins Parkhaus fahren will. Eine schmale Einfahrt, leicht zu übersehen. Dagegen drei Ausfahrten. Wie ein ganz anderes Gebäude wirken die Eingänge an beiden Seiten des Busbahnhofs: Gerundete Glasfronten laden dort in das Einkaufszentrum ein. Das Stern-Center war als Erweiterung der Innenstadt Richtung Süden gedacht – seit Jahren leidet es unter einem schlechten Ruf. Kürzlich hat die Activ-Group das Objekt gekauft. Sie will es „neu positionieren“.
Über den Preis wird bislang Stillschweigen bewahrt. Ein Handelsexperte, mit dem die Redaktion gesprochen hat, ist sich aber sicher: „Das wird vergleichsweise billig gewesen sein. Der Eigentümer wird froh sein, es los zu sein“.
Das Stern-Center in Sindelfingen krankt schon länger. Foto: Stefanie Schlecht
Einige Mieter halten Sindelfinger Stern-Center seit Beginn die Treue
Das Center krankt schon lange, das bestätigt auch der Geschäftsführer der Sindelfinger Wirtschaftsförderung (WSG), Felix Rapp. Die WSG sei an der Neuausrichtung des Centers aktiv beteiligt. Aktuell stehe rund ein Drittel der 60 Ladeneinheiten – mehr als 10 700 Quadratmeter – leer. Eingänge sind gesperrt, durch die Schaufenster in der Gartenstraße blickt man auf nackten Beton in gähnend leeren Verkaufsräumen. Namhafte Frequenzbringer wie McDonald’s und H&M sind längst verschwunden.
„Aber ich sehe nicht nur Schwarz, sondern auch positiv“, sagt Rapp. „Das Stern-Center hat drei Millionen Besucher im Jahr, das ist nicht wenig. Wenn man an den richtigen Schrauben dreht, kann das gut werden.“ Für das Center sprechen auch einige Mieter, die ihm schon seit Anbeginn – oder zumindest fast – die Treue halten. Das älteste Geschäft ist die Stern-Apotheke, die bis vor wenigen Jahren von Klaus Ringwald geführt wurde. Auch das Kino sei schon seit 1999 im Stern-Center, wenn auch mit wechselnden Inhabern und Namen. Und der Uhrenladen My Time im Erdgeschoss, sagt Rapp, habe sich auch schon fast die ganze Zeit gehalten.
Onlineshopping stellt Einkaufszentren vor Probleme
2021 war darum eine Transformation hin zum Hybridcenter angekündigt worden. Man wollte weg vom klassischen Shoppingcenter und hin zur Nahversorgung. Der Supermarkt Tegut, den das Center als „ersten neuen Ankermieter“ auf dem neuen Weg begrüßt hatte, ist inzwischen weg. Eine Filiale findet man jetzt im Pulse in Böblingen. Als Nahversorger gibt es im Stern-Center aktuell einen Mix-Markt, die Drogeriesparte deckt eine dm-Filiale ab.
Die andauernden Leerständen im Center begründet Rapp mit dem veränderten Konsum- und Kaufverhalten – mehr Onlineshopping. „Die Menschen versorgen sich heute anders, das ist eine Herausforderung der Zeit“, sagt er. Über die weiteren Gründe könne man viel sinnieren. „Vermutlich ist der Angebots-Mix nicht mit der Zeit gegangen.“ Unter den letzten Eigentümern sei das Stern-Center auch eher als Kapitalanlage gesehen worden. Über die Weiterentwicklung hätten die sich keine Gedanken gemacht.
Doch wie ist eigentlich der Ist-Zustand des Stern-Centers? Das Parkhaus ist mit den rund 1000 Parkplätzen zwar geräumig, aber an den Parkautomaten ist keine Kartenzahlung möglich. Zwei der Maschinen sind gar vollständig außer Betrieb. „Die Technik muss natürlich auf den neuesten Stand gebracht und modernisiert werden“, sagt Rapp.
Wie das Einkaufszentrum gerade aussieht, offenbart ein Rundgang. Statt den offiziell genannten 30 Prozent Leerstand zählt der Flaneur von 60 Ladenflächen weniger als 40 belegte – wenn man Notlösungen mitzählt, wie den Büchertausch-Raum im Erdgeschoss oder den Tassenliebe-Laden, in dem außer ein paar Regalen direkt hinter der Glastür nichts steht.
Arztpraxis im Stern-Center?
An der erneuten Neuausrichtung des Stern-Centers beteiligt sich die Stadt Sindelfingen über ihre Wirtschaftsförderung. Wie will man dem Dauerleerstand begegnen? Wie offen ist man für alternative Konzepte, wie etwa eine Umnutzung von Teilen der Läden zu Co-Working-Büros oder Arztpraxen?
Als „sehr offen“ beschreibt Rapp die neuen Eigentümer, die Activ-Group um Geschäftsführer Andreas Dünkel. Der Unternehmer steht auch hinter der Böblinger Motorworld. „Man muss das Nutzungskonzept neu denken“, sagt er. Anstatt nur Gastronomie und Einzelhandel anzubieten, müsse man auch Gesundheit, Fitness und Dienstleistungen in den Blick nehmen. So könnten Teile des Stern-Centers zu Co-Working-Büros umgebaut werden. Auch Vereine könnten hier ihren Treffpunkt finden. Denkbar seien auch Arztpraxen, Kreativwerkstätten.
„Wir müssen verschiedene Anlässe geben, ins Stern-Center zu gehen und da auch zu verweilen“, sagt Rapp. Denn: „Eigentlich ist das Center ein Schlüsselpunkt der Innenstadtentwicklung“, ist er überzeugt. Das Wort „eigentlich“ lässt dabei aufhorchen. Rapp: „Das Stern-Center liegt strategisch günstig zwischen dem Mobilitätspunkt am Bahnhof und Post/Voba-Areal, das wir realisieren werden.“ Aus dieser Erweiterung der Innenstadt ergäben sich Chancen – und diese wolle man in Zukunft mehr nutzen.
Historie des Stern-Centers
Entstehung Das Stern-Center wurde in den 1990er Jahren von der Böblinger Kriegbaum-Familie gebaut und eröffnete 1999. Kriegbaum verbindet man auch mit Einkaufsmärkten wie den Multi Centern.
Eigentümer Das Center wechselte mehrfach den Besitzer. Zuletzt gehörte es der Luxemburger Kapitalgesellschaft Corestate. Für das operative Center-Management war die Multi Germany GmbH zuständig, ein Dienstleistungsunternehmen aus Düsseldorf.