Einkommen am Killesberg „Wie viele können sich außer einem Porsche nichts leisten?“

Unter dem Bismarckturm verdient man gut. Foto: Archiv/Montage:Scholz

Am Killesberg und in den angrenzenden Vierteln verdient man gut – und redet nicht gerne darüber. Wir waren unterwegs in der Halbhöhe. Was ist dran an den Klischees?

Digital Desk: Jan Georg Plavec (jgp)

Der Killesberg ist in Stuttgart ein Synonym für Wohlstand. Vielleicht ist die Gegend auch deshalb in den Köpfen nicht ganz scharf abgegrenzt. Für manch einen beginnt sie schon am Brunnenhäusle bei der Doggenburg und zieht sich über die Lenzhalde, den Bismarckturm und das Robert-Bosch-Haus bis zu den Wohngebieten links und rechts des Höhenparks – dem eigentlichen Stadtteil Killesberg.

 

In unserem „Einkommensatlas“ jedenfalls zieht sich entlang dieser Strecke ein geschlossenes Gutverdiener-Band durch die Halbhöhe von Stuttgart-Nord. Das ist in dieser Dichte (fast) einmalig und ruft förmlich nach einem Spaziergang durch Straßen, in denen ausweislich der Daten des „Einkommensatlas“ jeder einzelne Haushalt 5000 Euro netto aufwärts im Monat verdient.

Über Geld spricht man ungern

Ortskundige Gesellschaft ist allerdings nicht leicht zu finden. Ein Mitglied des Bürgervereins Killesberg und Umgebung käme nur mit, wenn dafür eine Gage bezahlt wird – was unsere Redaktion grundsätzlich nicht tut. Ein anderer findet, das „Einkommensatlas“-Projekt „schürt nur billige Vorurteile“, weil es gar nicht die tatsächlichen Einkommen etwa der vielen Ruheständler berichte. Seinen Namen will er nicht in der Zeitung lesen, seine Kritik schon: „Fast jeder, der ein lastenfreies Haus in Stuttgart und speziell am Killesberg besitzt, wird als Millionär angesehen. Aber wie viele gönnen sich einen Porsche und können sich sonst nichts mehr leisten?“

Tatsächlich weiß der Datendienstleister infas360 nicht, wie viel die Stuttgarter Haushalte verdienen. Er schätzt es nur aus Gebäudedaten, Wohnlage, Kaufpreisen, Eigentümerquote, Altersschnitt im Viertel und vielem mehr, das aber ziemlich genau. Angenommen, das gilt so auch für Stuttgart-Nord – wie lebt es sich hier? Wer lebt hier? Schließlich findet sich mit der Bezirksvorsteherin Sabine Mezger doch noch eine Co-Spaziergängerin. Sie hat sogar ein Häusle am Killesberg, fährt aber keinen Porsche.

Herrschaftliches Wohnen am Bismarckturm Foto: Lichtgut//Julian Rettig

In der Straße Am Bismarckturm spricht es sich besonders gut über Kontraste, nicht nur solche in den Köpfen. Mezger erzählt aus der Zeit, in der Beamte den Killesberg besiedelten, ihre eigene Familie gehörte dazu. Die 130 Quadratmeter, die sie mit ihrer Mutter bewohnt, sind ein Klacks gegen die Villen am Bismarckturm. In diesem Viertel, wo auf den Klingelschildern oft nur Initialen stehen, lebt ein durchschnittlicher Bewohner auf 95 Quadratmetern Wohnfläche. Das ist absoluter Stuttgartrekord, wiewohl auch in der obersten Häuserzeile schon vereinzelt Villen durch Mehrfamilienhäuser ersetzt worden sind.

Von der Panoramafreiheit gedeckt

„In diesen Villen leben Menschen“, sagt Sabine Mezger, „und ich habe die alle als sehr freundlich und warmherzig kennengelernt“. Die Gebäude und ihre Eigentümer versteckten den Wohlstand nicht, sagt Mezger. „Trotzdem, schauen Sie sich zum Beispiel das Theodor-Heuss-Haus an. Das hat eine Toplage, aber es ist nicht groß und innen geradezu bescheiden.“

Weiter geht es in die Robert-Bosch-Straße. Immer wieder mischt sich ein Neubau in den alten Bestand. Wenn einer mal arg ausladend daherkomme, werde das im Bezirksbeirat kritisch kommentiert, berichtet Sabine Mezger aus den Sitzungen. Normalerweise sei Geschmack aber Privatsache. So wie bei einem ganz in Schwarz angestrichenen Neubau mit Vierfachgarage.

„Anonymität ist auch ein Thema hier“

Als Mezger für das Foto auf der anderen Straßenseite posiert, tritt eine Bewohnerin mit Schoßhund aus dem Wohnzimmer mit Panoramafenster. „Ich verbiete Ihnen, unser Haus zu fotografieren!“, ruft sie über die Straße. Abgemacht, aber das Foto darf trotzdem entstehen und einen Teil der Fassade zeigen, das ist alles von der Panoramafreiheit gedeckt. „Die Anonymität, das ist auch ein Thema hier“, sagt Sabine Mezger.

Fotografieren nicht verboten: Blick in die Schottstraße mit Sabine Mezger Foto: Lichtgut//Julian Rettig

Natürlich macht es etwas mit einem, wenn Thomas D über den eigenen Stadtteil rappt. Als das Fantastische-Vier-Mitglied auf Solopfaden unterwegs war, besang er nicht nur das „Killesberg Baby“, das von seinem Zimmer aus die Stadt sehen kann und dessen Leben trist ist trotz dem ganzen Geld – sondern eben auch die Fremd-, vielleicht auch Selbstwahrnehmung der Gutverdiener. Dass hinter den Fassaden wie anderswo auch nicht alles immer in Butter ist, wissen seit der Ausstrahlung von „Rot – rot – tot“ 1978 mehr als 25 Millionen Fernsehzuschauer – der Killesbergkrimi ist bis heute die erfolgreichste Tatort-Folge aller Zeiten.

Fast fünfzig Jahre ist das nun her. Es habe sich etwas verändert in den letzten Jahren, glaubt Sabine Mezger. Es gebe weniger zu verteilen, das befördere den Neid – und die Angst davor. Einbrüche seien ein Thema, sie erzählt schlimme Geschichten von Einbruchsopfern. Diese Angst ist real, und zugeparkte Straßen auch auf der Halbhöhe zumindest ein Ärgernis.

„Hier leben auch Sozialhilfeempfänger

Unterwegs regnet es plötzlich wolkenbruchartig, aus dem Spaziergang wird eine Spazierfahrt – was den Vorteil hat, dass Sabine Mezger fast ihren gesamten Stadtbezirk zeigen kann. Zuerst geht es es in den alten, von ihr als gutbürgerlich bezeichneten Killesberg: die Lenbachstraße entlang, durch kleinere Wohnstraßen. Als Kind habe sie das mit dem vielen Geld gar nicht so empfunden, erinnert sich Sabine Mezger.

Vor allem sei es eine freundliche Nachbarschaft, bis heute, „und hier leben auch Sozialhilfeempfänger“. Wenn man ganz genau hinsieht, erkennt man sie als vereinzelte blaue Tupfer sogar auf der Karte des „Einkommensatlas“, zwischen den vielen roten Punkten, die für Gutverdiener-Haushalte stehen.

Nord wandelt sich

Wichtig ist der Bezirksvorsteherin, wo und wie stark sich Stuttgart-Nord gerade wandelt. Die Fahrt führt hangabwärts am Postdörfle vorbei in die Tunzhofer Straße, auf der anderen Seite des Europaviertels. Hier blickt man zu denen hoch, die sonst von der Mönchhalde auf die Stadt hinunterschauen – und steht vor einem ziemlich groß wirkenden Neubauprojekt der SWSG.

Noch viel größer wird das künftige Rosensteinquartier, gegen dessen Dimensionen ist das SWSG-Projekt ein Witz. Sabine Mezger erwartet, dass Stuttgart-Nord durch diese Projekte in den kommenden Jahren gut 20 000 Einwohner dazugewinnt. Derzeit hat der Bezirk knapp 28 000.

Zum Abschluss dieser Tour, die in Stuttgarts Synonym für Wohlstand begonnen hat, geht es Richtung Nordbahnhof. Hier sind die Themen nicht Panoramafreiheit und Parksuchverkehr, sondern Entmietungen und die Erhaltungssatzung, gültig seit 2013. Eine „gelungene Durchmischung“ sieht Sabine Mezger in dieser Nachbarschaft.

Anders als oben am Killesberg dominiert im „Einkommensatlas“ hier nicht eine Farbe, auch wenn sich an den Rändern des Viertels mittlerweile reichlich rote Punkte (Gutverdiener) ins Grün, Gelb und Blau der Mittel-und Geringverdiener mischen. Killesberg Baby – Ich komm vom Nordbahnhof? „Dieses Viertel hat Charme, aber man sollte es natürlich nicht mit der Halbhöhe vergleichen“, findet die Bezirksvorsteherin.

Das ist der „Einkommensatlas“

Projekt
Mit unserer Serie „Einkommensatlas“ zeigen wir für alle Stuttgarter Stadtbezirke, wo Gut- und Geringverdiener wohnen – und wie man in der Stadt damit umgeht. Wir zeigen die Daten auf hochdetaillierten Karten und ordnen sie ein. Auf unserer Themenseite finden Abonnentinnen und Abonnenten die interaktive Karte sowie erste Analysen.

Daten
Die Einkommensschätzung stammt vom Daten- und Marktforschungsunternehmen infas360. Die Einkommensklassen werden mit einem Rechenverfahren geschätzt, das neben Befragungsergebnissen auch Strukturdaten zum Beispiel zu Gebäuden, zum Alter der Bewohner und zur Nachbarschaft nutzt. Schätzung
Das Modell trifft in den meisten Fällen die richtige Einkommensklasse, kann aber in Ausnahmen von der Realität abweichen. Die Daten und die Karte sagen daher nichts über einzelne Haushalte aus, sondern vor allem über die Verteilung von Einkommen von Nachbarschaft zu Nachbarschaft. Mehr erfahren Sie in unserem Artikel zur Methodik.

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