Wohnen im Europaviertel – das ist nicht nur was für Gutverdiener. Foto: Lichtgut/Montage: Scholz
Der Einkommensmix in den Pariser Höfen könnte in etwa den Verhältnissen im ganzen Stadtbezirk Mitte entsprechen. Zwei Bewohner erzählen, warum sie sich in dem Mietwohnungsprojekt so wohl fühlen.
Jürgen Brand
08.06.2024 - 07:00 Uhr
Eine Wohninsel mitten in Europa. Stockholm, Kopenhagen, Oslo, Lissabon – die Straßen und Plätze außen herum sind nach europäischen Hauptstädten benannt. Und wer oben wohnt oder Blick zur richtigen Seite hat, kann die Züge nach Paris, Wien, Venedig oder Zagreb abfahren sehen. Die Pariser Höfe im Stuttgarter Europaviertel bieten internationale Perspektive – und die Aussicht, nicht mehr am Gleisvorfeld des Hauptbahnhofs zu wohnen, sondern direkt am neuen Rosensteinquartier. Irgendwann einmal.
Das Projekt war – nach der Bibliothek – einer der ersten fertigen Gebäudekomplexe auf dem Areal. 2010 war Baubeginn. Die ersten Wohnungen konnten 2012 bezogen werden. Unmittelbare Nachbargebäude sind die Sparkassenakademie direkt gegenüber, die SüdLeasing GmbH nebenan in Richtung Bahnhof, Bauerwartungsland auf der anderen Seite. Die nächsten Nachbarn wohnen ein Stück weiter auf dem Milaneo.
Nicht nur Gutverdiener
Hier wohnt man zur Miete, 242 Wohnungen mit zwei bis fünf Zimmern und 45 bis 154 Quadratmeter Wohnfläche wurden damals für geschätzt 85 Millionen Euro errichtet. Sie gehören der Bayerischen Versicherungskammer. Vor Zuglärm sind sie durch einen Büroriegel geschützt, in einer Beschreibung der Wohnungsausstattung heißt es: „Alle Wohnungen verfügen über Loggien/Terrassen, elegantes Ambiente in den Wohnungen und auch in den Allgemeinbereichen, Fußbodenheizung, hochwertige und moderne Armaturen, Parkettboden.”
Das alles ist zwar jetzt auch schon zwölf Jahre alt, aber nach allgemeinen Vorstellungen – und mit Blick auf sonstige Wohnungsangebote im Europaviertel – doch eher etwas für Besserverdienende. Aber wohnen sie hier wirklich?
Die im „Einkommensatlas“ dargestellten Daten des Dienstleisters infas360 zeugen eher von einem bunten Mix von Einkommen aller Art, der jenem von Stuttgart-Mitte stark ähnelt. Knapp ein Drittel aller Haushalte im Europaviertel verdient mit 3500 Euro netto aufwärts ordentlich, es gibt aber auch ein knappes Drittel Geringverdiener mit weniger als 1500 Euro im Monat. Dabei handelt es sich um Schätzungen, die laut infas360 aber in den meisten Fällen zutreffen.
Bei der offiziellen Eröffnung des Gebäudes im April 2013 sprach der damalige Stuttgarter Baubürgermeister Matthias Hahn von einem „Musterprojekt innerstädtischen Wohnens, das außerordentlich gut gelungen“ sei. Die Mietpreise wurden damals mit 11 bis 14 Euro pro Quadratmeter kalt angegeben.
Wer wohnt hier? Das zeigt ein Vor-Ort-Besuch, bei dem wir mit zwei Bewohnern ins Gespräch kommen. Beide sind begeistert vom Wohnen in Europaviertel – und in sehr unterschiedlichen Lebensphasen.
„Ich persönlich finde es cool“
Karl P. (Name geändert) wohnt seit fünf Jahren in den Pariser Höfen. „Ich persönlich finde es cool“, schwärmt er fast schon vom Wohnen in der Wohninsel im Europaviertel. Er kommt aus der Region, hatte damals schnell etwas möglichst zentral in Stuttgart gesucht, „und hier war etwas frei“. Als er den Mietvertrag unterschrieb, habe er nur an einer Stelle schlucken müssen, erzählt er: Der Stellplatz für das Auto kostet stolze 130 Euro pro Monat - ohne Nebenkosten. Das kannte er bisher so nicht. Und sonst? „Ich glaube nicht, dass ich woanders in Stuttgart etwas Vergleichbares und Günstigeres bekommen würde.“
Seine Wohnung mit Balkon geht zu einem der Höfe hinaus, wo es unten grün ist und herumstehende Kinderspielgeräte davon zeugen, dass sich auch Familien in der Lage wohl fühlen. Der Innenhof sei „der Hammer“, sagt der 46-Jährige. Wenn er abends auf seinem Balkon chille, sehe er zwar keinen Sternenhimmel, sondern das riesige LBBW-Logo. Aber vom Bahnhof oder vom zeitweiligen Rummel außen herum und in Richtung Milaneo bekomme er dann absolut nichts mit.
Irgendwann einmal am Park gelegen: die Pariser Höfe Foto: StZN/Brand
Viel Kontakt zu den Nachbarn hat er nicht. Man sehe sich im Treppenhaus oder im Aufzug, „die Leute mit Kindern kennen sich“, wie überall. Aber es gibt eine Whats-app-Gruppe für die Nachbarschaft. Da kann man sich austauschen, wenn mal etwas nicht so funktioniert, wie es soll. Man informiert sich gegenseitig über abgegebene oder abgelegte Pakete, auch darüber, wenn ein Stellplatz frei wird, trotz der hohen Nebenkosten.
„Wenn Stuttgart 21 schon fertig wäre, wäre es natürlich noch toller“, sagt Karl. Aber die Nähe zum Park, also zum Schlossgarten, die super Anbindung an die Stadtbahnen und an den Hauptbahnhof, die Ruhe und trotzdem die Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe sind Gründe für ihn, es hier eben cool zu finden. Er hatte eigentlich nur kurz bleiben wollen - und ist immer noch hier.
Altbau, 40 Stufen – das geht als Senior nicht mehr
H. Staedter ist Bewohner der ersten Stunde in den Pariser Höfen. Entdeckt hat er sie eher zufällig. Im Jahr 2011 wohnte er noch im Stuttgarter Westen: „Altbau, 40 Stufen“, erzählt der heute 86-Jährige. Ihm war klar: Die Stufen würden irgendwann zum Problem werden. An Weihnachten hatte er sich mit einem Freund die neue Stadtbibliothek anschauen wollen.
Dass die Bücherei an Sonn- und Feiertagen geschlossen ist, erkannten die beiden erst, als sie vor verschlossenen Türen standen. Damals waren die Pariser Höfe noch ein Rohbau, den sie sich dann aber aus der Nähe anschauten. Er war neugierig geworden, machte einen Besichtigungstermin aus, ließ sich alles zeigen. Und als er dann ganz oben auf das Gleisvorfeld und den Schlossgarten schaute, war für ihn klar: „Hier will ich wohnen.“ Kurze Zeit später zog er in die Zwei-Zimmer-Wohnung, die er sich ausgesucht hatte. Gerade hat er, begleitet von seinem Physiotherapeuten, einen Rundgang mit dem Rollator um den Block beendet. Der Therapeut kommt drei Mal pro Woche, dann üben sie gemeinsam beispielsweise Treppensteigen und machen eben ihre Rundgänge. Wenn in dem Quartier Autos fahren würden, wäre das kaum möglich. Und auch sonst ist das hier für ihn der perfekte Seniorenwohnort. Auch wenn er sich mehr Kontakt zu den Nachbarn wünscht und von einem relativ häufigen Wechsel spricht.
Perfekter Seniorenwohnort
Das Milaneo sei zum Einkaufen der alltäglichen Dinge praktisch, vom Mailänder Platz davor mit seinem Wasserspiel ist Staedter richtiggehend begeistert. Fast jeden Sonntag besucht der Alleinstehende mit einem Freund oder Bekannten das italienische Restaurant dort und genießt die internationale Atmosphäre, das bunte Leben. Auch deswegen sagt der Rentner, dem man die 86 nicht ansieht: „Ich bin extrem zufrieden hier.“
Das Projekt „Einkommensatlas“
Serie Mit unserer Serie „Einkommensatlas“ zeigen wir in den kommenden Wochen für alle Stuttgarter Stadtbezirke, wo Gut- und Geringverdiener wohnen – und wie man in der Stadt damit umgeht. Wir zeigen die Daten auf Karten und ordnen sie ein. Auf unserer Themenseite finden Abonnentinnen und Abonnenten die interaktive Karte sowie erste Analysen.
Daten Die Einkommensschätzung stammt vom Daten- und Marktforschungsunternehmen infas360. Das Rechenverfahren trifft in den meisten Fällen die richtige Einkommensklasse, kann aber auch von der Realität abweichen. Es sagt weniger über einzelne Haushalte aus, sondern vor allem über die Verteilung von Einkommen von Nachbarschaft zu Nachbarschaft. Mehr zur Methodik erfahren Sie hier.