Einkommen in Stuttgart Wer wohnt direkt am Neckar?
Wohnen am Fluss ist in Großstädten meistens den Gutverdienern vorbehalten. In Stuttgart ist es anders. Warum eigentlich?
Wohnen am Fluss ist in Großstädten meistens den Gutverdienern vorbehalten. In Stuttgart ist es anders. Warum eigentlich?
Wohnen am Fluss ist in Stuttgart die absolute Ausnahme. Obwohl der Neckar durch mehrere Stadtbezirke fließt, profitieren nur wenige Wohngebiete davon, das Wasser vor der Haustür zu haben – zumindest, wenn es nach Stephan Kippes vom Immobilienverband Deutschland (IVD) geht. „Während andere Städte sehr viel aus ihren Flüssen machen, ist das in Stuttgart noch nicht so der Fall“, sagt er.
Zu den wenigen Stadtteilen am Fluss gehören Münster und Mühlhausen. Die Wohnlage in Mühlhausen bewertet man beim IVD im Vergleich mit dem Rest der Stadt als tendenziell „mittel“, genauso wie in Hofen und in Neugereut. Mönchfeld und Freiberg werden als eher einfach, höchstens mittelgut eingestuft.
Das spiegelt sich auch im „Einkommensatlas“ unserer Zeitung wider: Die Stadtteile in Flussnähe sind bei weitem nicht nur Gutverdienern vorbehalten. Das zeigen Schätzungen des Datendienstleisters infas360. Der Stadtteil Münster liegt recht nah am Stuttgartschnitt, etwa jeder vierte Haushalt hat laut der Schätzung weniger als 1500 Euro netto im Monat zur Verfügung. In Mühlhausen machen Nettoeinkommen zwischen 1500 und 2500 Euro den größten Anteil aus, etwa jeder Dritte Haushalt kommt auf 3500 Euro oder mehr. Blickt man auf die Karte, so tauchen in Flussnähe zwar etwas häufiger Gutverdiener-Haushalte in der Schätzung auf als in den Straßen, die weiter vom Wasser liegen, doch überall ist das Bild gemischt.
Zwar hat die Stadt Stuttgart „Wohnen am Fluss“ schon vor Jahren als Programm zur Gestaltung aufgelegt. Doch davon wurde noch recht wenig verwirklicht. Im Bereich von Münster könnte mit Blick auf den Neckar der Hechtkopf am nahen Sicherheitshafen in Zukunft umgestaltet werden. In Mühlhausen ist das Ufer auch eher trist gestaltet. Immerhin gibt es zwar eine Anlegestelle der Neckar-Personenschifffahrt, aber die ist von den Wohnhäusern weit entfernt. Anziehungspunkte am Fluss? Mangelware. „Münster und Mühlhausen verzeichnen eine Nachfrage“, seien aber nicht die gefragtesten Stadtteile in Stuttgart, so Kippes. Das Preisniveau in Stuttgart sei tendenziell relativ hoch, in Relation zu anderen Stadtteilen sei es hier noch etwas erschwinglicher.
Auch der Mühlhäuser Arno Kambeck sieht noch einige Hindernisse, um den Neckar direkt erleben zu können. Immerhin: Eine Ampel auf der Aldinger Straße habe den Zugang vor ein paar Jahren verbessert. „Vorher musste man lange warten“, so der 74-Jährige. Kambeck hat der Zufall 1975 nach Mühlhausen geführt, ins Haus seiner Frau. In der Umgebung des Rentners wohnen sehr viele schon lange da. Doch momentan gebe es in Mühlhausen wenig Möglichkeiten, direkt an den Fluss zu ziehen. Der Ort sei beliebt, weil er noch ein bisschen dörflichen Charakter habe. Die Aldinger Straße bilde eine Schneise, so Kambeck, die den Ortskern vom Neckar abtrenne. Direkt am Fluss steht ein Kaufland-Supermarkt, dort sollen künftig einmal Wohnungen hin. Doch, schätzt der Senior, noch nicht in allzu naher Zukunft. In der Alten Aldinger Straße sieht der 74-Jährige eine attraktivere Wohngegend, ein Spielplatz beim Hauptklärwerk ist über einen Fußgängersteg erreichbar.
Joachim Kirschbaum, 51, Vater dreier Kinder, wohnt seit seiner Geburt in Mühlhausen: „Mich hat es noch nie woanders hingezogen.“ Der fußläufig erreichbare Neckar sei aber nicht der Grund, hier zu bleiben, für Spaziergänger sei er nicht attraktiv. Die Anwohner wünschen sich eine bessere Ufergestaltung, der Bezirksbeirat hat vorgeschlagen, Teile des Weges tiefer zu legen. Und über noch ein Gewässer, den nahen Max-Eyth-See, freuen sich die Bewohner. Auf der anderen Neckarseite Sport zu treiben und spazieren zu gehen schätzen auch Mühlhäuser Anwohner – auch wenn es dort, wie Kirschbaum sagt, an Sonn- und Feiertagen überlaufen sei.
Die Wohnungspreise explodierten noch nicht, schätzen Anwohner. Das Wohngebiet am Neckar sei nicht für Besserverdiener, sagt Kirschbaum, eher für ein gemischtes Publikum. „Im Luxus schwelgen die Wenigsten.“ Es sei ein historisch gewachsenes Randgebiet am Stuttgarter Speckgürtel, beeinflusst von Arbeitgebern wie den Autobauern. Aktuell gebe es viele teure Kaufangebote von Häusern, die jedoch teuer saniert werden müssten, so Kirschbaum. „Das passt nicht und ist schwer finanzierbar.“ Baulücken würden nur zaghaft geschlossen.
In Münster sieht die Wohnlage ähnlich wie in Mühlhausen aus. Laut IVD ist sie hier ebenfalls mittel. Auch hier gibt es ein trennendes Element: die Neckartalstraße, die die Wohnbebauung vom Neckar separiert. Mehrere Ampeln bieten Übergänge, doch die Radstraße direkt am Neckar hat vor ein paar Jahren für Aufregung gesorgt: Manche Älteren haben Probleme beim Überqueren, wegen der schnellen Radfahrer. Auch die schlechte Beleuchtung am Neckardamm wird moniert. Für eine Stadt am Fluss vermissen die Bürger hier noch viel.
„Münster hat nicht die Zugkraft wie andere Stadtbezirke“, weiß auch der 83-jährige Rentner Rolf Wenzel aus eigener Erfahrung als Vermieter. Der einstige Lehrer ist mit seiner Frau vor über 50 Jahren nach Münster gezogen. Nicht bewusst, wegen des Flusses. Erst im Laufe der Jahre haben sie die Wohnlage zu schätzen gelernt und das Haus gekauft, „weil es gefällt und ein günstiges Angebot war“. Aber es war die bewusste Entscheidung, das „Gefühl zu haben, ein wenig auf dem Land zu leben, am Neckar und in zehn Minuten in der Stadtmitte zu sein.“
In Münster in der Nähe des Neckars wohnen ebenfalls viele Menschen schon lange. Geht man durch die Straßen, fällt auf, dass dem ein oder anderen Haus eine Renovierung gut täte. Dennoch zieht es auch Familien dorthin. Das Interesse, in Münster zu wohnen, habe aber abgenommen, weiß Wenzel. „Hatten wir vor 50 Jahren etwa 200 Bewerber für eine Wohnung, sind es jetzt etwa 50.“ Junge Leute gehen eher weg, weiß Wenzel, weil in Münster nicht so viel los sei. Er genießt es mit seiner Frau, am Fluss zu wohnen und auch den Max-Eyth-See in der Nähe zu haben.
Große Hoffnung setzen die Münsterer mit der Baugenossenschaft Münster in das IBA-Projekt, das das Herz attraktiver machen soll. Weiteres Wohnen am Neckar ist sonst nicht in Sicht. Der Streit um den Bau der verlängerten U12 hat auch Gelände für neuen Wohnungsbau verhindert. Die Bürger in Münster waren dagegen, dass der Bereich östlich untertunnelt wird. „Der Ruf von Münster ist ziemlich mies. Er sollte besser sein“, heißt es. Auch wird ein Stadtteilbewusstsein bemängelt. Es herrsche mehr Trennendes als Verbindendes. So sehen sich die Bewohner im alten Münster ab der Illerstraße einem sehr gemischten Wohnen der Siedlungsgesellschaft flussabwärts gegenüber, in der mehr Bürgerlichkeit und Mittelschicht zu finden sind.
„Der kleinste Stadtbezirk zwischen Mühlhausen und Bad Cannstatt ist ein bisschen verloren“, sagt ein Senior. Wer durch die Straßen geht, sieht das gemischte Bild, welches keinen Eindruck macht, dass hier Wohnen am Fluss ein Privileg für Begüterte ist. Nicht in Münster und nicht in Mühlhausen.
Serie
Mit unserer Serie „Einkommensatlas“ zeigen wir in den kommenden Wochen für alle Stuttgarter Stadtbezirke, wo Gut- und Geringverdiener wohnen – und wie man in der Stadt damit umgeht. Wir zeigen die Daten auf Karten und ordnen sie ein. Auf unserer Themenseite finden Abonnentinnen und Abonnenten die interaktive Karte sowie erste Analysen.
Daten
Die Einkommensschätzung stammt vom Daten- und Marktforschungsunternehmen infas360. Das Rechenverfahren trifft in den meisten Fällen die richtige Einkommensklasse, kann aber auch von der Realität abweichen. Es sagt weniger über einzelne Haushalte aus, sondern vor allem über die Verteilung von Einkommen von Nachbarschaft zu Nachbarschaft. Mehr zur Methodik erfahren Sie in diesem Artikel.